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Crash-Kurs in Sachen Kunst und Realität: Das Goldrausch Künstlerinnen in Berlin


Jeder zweite Student, der eine deutsche Kunsthochschule besucht, ist eigentlich eine Studentin. Nach dem Studium ist es dann allerdings recht bald aus mit der Parität zwischen Mann und Frau. Ganz gleich, wohin man schaut, ob beim Einkommen, der Teilnahme an großen Ausstellung, der Vergabe von Preisen oder auch bei der Berufung auf die Lehrstühle der Akademien - überall sind weibliche Künstler gegenüber ihren männlichen Kollegen in eklatanter Weise im Nachteil. Deshalb - aber nicht nur deshalb - gibt es in Berlin das Goldrausch Künstlerinnenprojekt, über das Ulrich Clewing berichtet.


Carla Ahlander: Untitled, 2000 (Ehrwald)


Die Initiative ist einmalig in Deutschland. Seit 1989 nehmen jedes Jahr fünfzehn junge Berliner Künstlerinnen an einer ganz speziellen Fortbildung teil: Sie lernen, was es außer Kreativität noch alles braucht, um ihren Beruf auszuüben. Das "Goldrausch Künstlerinnenprojekt art IT" versteht sich selbst als "Professionalisierungskurs" und versucht, "praktische Übungen zur Vermittlung der eigenen künstlerischen Arbeit" mit Seminaren "zu Aspekten des Berufsfeldes und des Selbstmanagements" zu verbinden.

Man möchte meinen, dies seien eigentlich Selbstverständlichkeiten für jemanden, der ernsthaft vorhat, als Künstler oder Künstlerin zu arbeiten. Doch auf den Kunsthochschulen werden solch lebensnahe Dinge nicht gelehrt, im Gegenteil. Dort wiegt man die Studenten und Studentinnen der Freien Künste in der trügerischen Sicherheit, es genüge, Könnerschaft zu entwickeln, einen eigenen Stil zu finden und auch ansonsten nach Möglichkeit ganz man selbst zu sein. Das geht freilich nur so lange gut, bis sich das Studium dem Ende neigt: Dann nämlich sind die Absolventen plötzlich auf sich allein gestellt, und längst nicht jeder bzw. jede hat auch nur entfernt eine Ahnung davon, was das bedeuten könnte. Die Akademien in Deutschland mögen lauter kleine Genies hervorbringen, aber was es heißt, sich auf dem Kunstmarkt zu behaupten, das kommt im Unterricht praktisch nicht vor.




Annette Begerow: Ohne Titel, 1989

Diese ausbildungspolitisch ernüchternde Erkenntnis war vor fünfzehn Jahren einer der Gründe, das Berliner Goldrausch Künstlerinnenprojekt zu gründen. Bezeichnenderweise sind es nicht etwa die inzwischen zur Universität erhobene frühere Hochschule der Künste oder etwa der Kultursenat, die die Intiative unterstützen, sondern die Senatsverwaltung für Wirtschaft, Arbeit und Frauen sowie der Europäische Sozialfonds - was auch schon die zweite Erklärung für die Notwendigkeit einer Einrichtung wie Goldrausch liefert. Die Zahlen sprechen für sich: In einem Ranking wie dem Kunstkompass, den das Wirtschaftsmagazin Capital jedes Jahr im Herbst publiziert und in dem die weltweit gefragtesten Künstler nach einem komplizierten Punktesystem aufgelistet werden, sind unter 100 Nennungen nur 18 Frauen - und das ist im Vergleich zu früher schon ein guter Schnitt. Noch deutlicher wird das Missverhältnis, wenn man die Rubrik "Preisbewertung" hinzuzieht, die Capital mit Noten von "sehr günstig" bis "sehr teuer" beurteilt. 11 der 18 Künstlerinnen werden hier als "sehr günstig" klassifiziert, zwei als "günstig", und nur fünf Künstlerinnen erreichen die Einschätzungen "preisgerecht", "teuer" bzw. "sehr teuer".

Anne Berning: Postkarte (Trockel), 1997

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