In dieser Ausgabe:
>> Aus deutscher Sicht
>> MoMA Wiedereröffnung in New York

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Taniguchis imposanter Museumsriese ist fest in einer modernistischen Ästhetik verwurzelt. Als "kalt" und "elefantenhaft" bezeichnete der notorische Dauer-Nörgler Hilton Kramer den neuen Bau bereits im New York Observer. Dabei will MoMA-Direktor Glenn D. Lowry die architektonische Neuausrichtung seines Instituts doch gerade nicht als rigide Vorgabe, sondern als "Vorschlag", als "Hypothese" interpretiert wissen. "Der bewusste Charakter eines Laboratoriums versteht sich da wohlgemerkt als Metapher", bemerkt der dynamische Lowry, seit 1995 Chef des Hauses. Die genialische Aura eines Provisoriums, eines vibrierenden Experimentierfeldes der Zukunftsforschung, geht dem Museum derweil tatsächlich ab. Vielmehr ergibt sich der Eindruck eines Environments für kontrollierte Versuchsanordnungen.


Donald Judd: Ohne Titel, 1989
©2004 Timothy Hursley

Doch auch hierin würde sich das MoMA nur selber gerecht werden, hat sich dessen Mission über die Jahrzehnte doch zwangsläufig verändern müssen. So revolutionär der Gründungsgedanke von 1929 auch gewesen sein mag, sich ausschließlich der modernen - damals also "zeitgenössischen" - Kunst und ihrer Vorväter aus dem späten 19. Jahrhundert zu widmen: Die Provokationen finden heutzutage doch anderswo statt - in Brooklyn, Venedig oder Sao Paolo, in Mexiko City oder an der Themse. Der monopolistische Führungsanspruch des Hauses als seismografischer Locus zeitgenössischer Strömungen ist im uferlosen Mainstream des globalen Kunstbetriebes längst verwässert. Als wichtigster Kondensator im Prozess einer kulturübergreifenden Geschmacksbildung funktioniert das MoMA freilich wie eh und je, das Gütesiegel mit dem Absender "11 West 53 Street" kommt in jeder Künstlerkarriere immer noch dem Orden "Pour le mérite" gleich - wie immer der Architekt auch heißen mag, der sich bis heute am MoMA versucht hat: Edward Durell Stone, Phillip Johnson, Cesar Pelli. Oder eben Yoshio Taniguchi.

Der Anbau des Japaners rankt sich um ein fast 40 Meter hohes Atrium. Wohl akzentuierte Durch- und Ausblicke, freigelegte Treppen und Terrassen sorgen für inspirierende Transparenz. Das neue Herzstück ist dabei Resonanzraum und Ausgangspunkt zugleich. Von hier führen die Wege zur zeitgenössischen Kunst mit Arbeiten von Brice Marden bis zu Matthew Barney, Rachel Whiteread oder Julie Mehretu, allesamt untergebracht in sterilen Hallen im Look von Chelseas Großgalerien, in die Grafikabteilung oder per Rolltreppe nach oben: Zum Design, zur Fotografie und zur modernen Zeichnung, die gerade in Anbetracht der exquisiten Bestände des MoMA in einer beklemmend kleinen Seitengalerie sträflich zu kurz kommt. Und dann natürlich in die überwältigenden Sammlungsblöcke zur Malerei und Skulptur des 20. Jahrhunderts.


Barnett Newman: Broken Obelisk, 1963-69
©2004 Timothy Hursley

Endlich besteht Raum für großformatige Arbeiten, sowie ein komplettes, wenn auch reichlich überdimensioniertes Obergeschoß zur Installation von Sonderausstellungen. Und endlich auch gibt es Platz für die Konzeptkunst Joseph Kosuths und John Baldessaris oder für monumentale Neuerwerbungen wie Gordon Matta-Clarks ausgesägte Hausfassade (Bingo) von 1974. Die winzige Videonische mag dagegen so mancher als regelrechten Affront empfinden.

Taniguchis Masterplan folgt dabei einer paradigmatischen Neuausrichtung im Umgang mit moderner Kunst. Nicht ein chronologisch vorgegebener Parcours wird unterlegt, sondern das Verständnis entlang individuell wählbarer Pfade legitimiert, Trassen geschlagen und zeit- sowie stilübergreifende Assoziationen angeregt.

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