In dieser Ausgabe:
>> Biennale in Orange County
>> Max Ernsts Capricorne im Museum in Brühl

>> Zum Archiv

 
Wild Wild West: Junge Kunst auf der 2004 California Biennial


Subversiv rütteln junge Künstler an den Mythen Hollywoods, des amerikanischen Mittelstandes, der Kommerzialisierung persönlicher Lebensräume: Die mit Unterstützung der Deutschen Bank vom Orange County Museum of Art in Newport Beach präsentierte "2004 California Biennial" zeigt, wie aufregend und vielfältig die Szene an der amerikanischen Westküste ist.



Mark Bradford: Ohne Titel (Shoe), 2003
Courtesy Brent Sikkema, New York

Mit 28 Künstlern und über 120 Werken zeigt das soeben frisch renovierte Orange County Museum of Art (OCMA) in Newport Beach eine bislang in Kalifornien einzigartige Überblicksschau aktueller Westküstenkunst: Rauminstallationen, Skulpturen, Malerei, Arbeiten auf Papier, Video und Fotografie. Seit 1984 veranstaltet das Museum seine inzwischen international renommierten Biennalen. Über zwei Jahre unternahmen die Kuratoren Elizabeth Armstrong und Irene Hofmann unzählige Besuche in Ateliers, Galerien und Institutionen, um der diesjährigen Ausstellung das unverwechselbare Profil zu verleihen.

Sämtliche Teilnehmer der 2004 California Biennial sind zwischen 1960 und 1970 geboren. Sie gehören einer Generation an, die von den Debatten um Globalisierung, Geschlechterrollen, neue Technologien ebenso geprägt ist, wie von Filmen, Musik, Computerspielen, TV, Grunge- und Skateboard-Kultur. Das kommt den Machern der Biennale sehr entgegen, denn gerade die subversive Energie, mit der die junge Szene des multikulturellen Schmelztiegels Kalifornien Impulse für das internationale Kunstgeschehen gibt, soll hier in den Vordergrund gestellt werden.


Brian Calvin: Noon, 2002
Sammlung Ruth and Jacob Bloom, Marina del Rey, California

"It smells like Teenage Spirit": Die bleichen, androgynen Gestalten auf Brian Calvins melancholischen Bildern könnten von der nihilistischen Attitüde des Nirvana Frontmannes Kurt Cobain inspiriert sein. Doch nicht nur die Existenz der "Twentysomethings" wird bei Calvin als ziemlich aussichtslos dargestellt, sondern auch der Akt des Malens selbst.

Mit ihrer gelegentlich ironischen, aber stets betont unpathetischen Haltung bildet die Kunst der California Biennial einen thematischen und konzeptionellen Kontrast zum aktuellen Malereiboom in Europa. Während der Sammler Charles Saatchi in London in einer großen Ausstellung weihevoll The Triumph of Painting feiert und in deutschen Feuilletons die Rückkehr einer jungen Malergeneration zum Schönen, Phantastischen und Unheimlichen diagnostiziert wird, orientieren sich die Künstler im OCMA fast durchweg an alltäglicher Realität, coolen medialen Images und der Kommerzialisierung des urbanen Raumes. So eignet sich Mark Bradford die Ästhetik der abstrakten Moderne an und kombiniert sie in seinen Assemblagen mit Fundstücken aus der Umgebung von South Los Angeles.



Mungo Thompson: The American Desert (for Chuck Jones), 2002
Video (installationsansicht)
Sammlung des Orange County Museum of Art

Der Trend scheint eindeutig vom Tafelbild zu Installationen und Videoarbeiten zu gehen: Eine Homage an die legendären "Roadrunner"-Cartoons, die der Trickfilmanimateur Chuck Jones zwischen 1949 und 1961 für die Warner Brother Studios schuf, ist Mungo Thomsons 2002 entstandene Videoarbeit The American Desert (for Chuck Jones). Allerdings hat Thomson hintersinnig sämtliche Comic-Figuren aus den Streifen entfernt. Geblieben ist der stilisierte Blick auf einen kulturgeschichtlichen Mythos: Die weiten, leeren Landschaften des amerikanischen Westens. Für den Videoloop Who's Afraid of Black, White and Grey (2003) übertrug Japaner Kota Ezawa Filmausschnitte des Ehedramas Who's Afraid of Virginia Woolf? (1966) in Schwarzweiß Cartoons. In ihren starken Kontrasten und klar umrissenen Formen erinnern die digitalen Images an Gemälde des Pop-Artisten Alex Katz oder an die Scherenschnitte von Henri Matisse. Dennoch geht es hier auch um durch und durch amerikanische Tragödien: Scheidung, Alkoholismus, Lebenslügen. Indem er vorgefundenes Material, zum Beispiel die Fernsehbilder des spektakulären O.J. Simpson-Prozesses aufgreift, rüttelt Enzawa am Mythos der amerikanischen Familie - eine Strategie, die den Künstler mit vielen anderen Teilnehmern der California Biennale verbindet.

Dass trotz des gelegentlich durchschimmernden Zynismus immer auch ein Hauch von Utopie ins Spiel gebracht wird, zeigen die interdiszipliären Konzepte von Gruppen wie VALDES (Los Angeles) die sich auf Aspekte urbanen Wachstums in Orange County fokussieren. Wenn die Künstlergruppe hierbei ein digital bearbeitetes Panorama des San Fernando Valley einsetzt, das die endlosen Straßenzüge von nächtlich erleuchteten Reihenhaussiedlungen zeigt, wird ein verfremdeter Pioniergeist spürbar. Das Motiv stammt aus Steven Spielbergs Blockbuster-Film E.T. und der Reisende, der diese unbekannte Landschaft zum ersten Mal erspäht, ist ein Alien.