In dieser Ausgabe:
>> Larger than Life: Jackson Pollock
>> Big in the US: Die Leipziger Schule
>> Europa und die New York School
>> Amerikanische Künstler in Berlin

>> Zum Archiv

 

Das trifft sicher auf die Partyszenen mit Mercedes und Herbert Matter zu, bei denen Pollocks Psychosen als etwas Glamouröses dargestellt werden – ganz so, als wäre der abstrakte Expressionismus lediglich psychologisch motiviert. In seiner Arbeit erkennt man allerdings, wie grundlegend er sich mit der Figur auseinandersetzt.



Jackson Pollock, Ohne Titel, ca. 1944
©Pollock-Krasner Foundation / VG Bild-Kunst, Bonn 2004

Bei der Vorbereitung zur Ausstellung war das Erstaunliche, wie hoch der Anteil der Figuration in seinem Werk ist, selbst wenn die Arbeiten abstrakt sind. Der Katalog verdeutlicht, dass er das nie wirklich hinter sich gelassen hat.

Ende 1947 verzichtet Pollock zunehmend auf eindeutige Verweise zur Figuration und verwandelt die Oberflächen seiner Bilder in ein abstraktes "All-Over". Welche war die größte Zeichnung, die er anfertigte?

Er ging nie über eine Größe von 58 x 76 cm hinaus. Es gibt kleinere Arbeiten im Format von 15 x 18 cm oder 25 x 36 cm, weil er das Papier viertelte oder achtelte.

Woher stammt der Titel der Ausstellung im Deutsche Guggenheim, "No Limits, Just Edges"?

Vom Künstler selbst, von Aufzeichnungen, die ein Interviewer mit Pollock gemacht hat.

Was war die größte Herausforderung bei der Zusammenstellung der Ausstellung?

Die Leihgaben zu bekommen. Die Leute sind sehr darauf bedacht ihre Pollocks in sicheren Händen zu wissen. Im Katalog sind 78 Arbeiten abgebildet, fünfzig davon werden in Berlin zu sehen sein. Die Ausstellung wandert dann weiter nach Venedig.



Jackson Pollock, Ohne Titel, 1943 Peggy Guggenheim Collection, Venedig
©Pollock-Krasner Foundation / VG Bild-Kunst, Bonn 2004

Können Sie etwas zu den Zusammenhängen zwischen Pollocks früher "emotionaler Krise" und seinem Aufwachsen in den Zeiten der "Großen Depression" sagen? So bezeichnete sein Vater sich selbst als einen "Versager", während die Mutter überaus dominierend war. Hat das den Mythos um Pollock mitbegründet?

Wir stellen uns Pollock als ein gepeinigtes Individuum vor, das sich durch atemberaubende Bilder Ausdruck verschaffte. Das ist unsere Art, seine Radikalität zu akzeptieren. Er redet über seine traumatischen Erfahrungen, aber das ist nicht die einzige Sache, die seine Arbeit auszeichnet.



Jackson Pollock, Easter and the Totem, 1951
©Pollock-Krasner Foundation / VG Bild-Kunst, Bonn 2004

Es gibt da dieses große Bild von 1953, eine Zeichnung mit Emaillefarbe, die mit "Portrait and a Dream" betitelt ist und zwei voneinander unabhängige Ereignisse auf einer Leinwand zeigt.

Er schweift umher und fragt sich, was als Nächstes kommt. Der Ursprung dieser Bilder reicht in die surrealistische Phase zurück. Easter and the Totem ist sehr surrealistisch, ebenso wie The Deep, das gleichermaßen abstrakt ist. Es ist im Hinblick auf die Entwicklung seines Werkes eine sehr merkwürdig ungeklärte Zeit, weil er dann gestorben ist. Die beiden 1951 entstandenen Zeichnungen, die in der Ausstellung zu sehen sind, zeigen diese gespaltene Aktivität.

Die eine Seite der Arbeiten ist abstrakt, während die andere Seite figurativ ist und ursprünglich ein Design für ein Kunsthandbuch war. Die Zeichnungen sind wirklich wunderschön und kündigen Portrait and a Dream bereits an. Sie wirken wie aus einem Traum und offenbaren eine Ebene des Unbewussten.

In den späten Vierzigern sind Polloks Ölmalereien auf Papier "ganz Linie und Raum" und vermitteln einen flirrenden Impuls. Auf welche Weise bezieht sich das auf die frühen Tage des Fernsehens?

Das Fernsehen wurde sicher von ihm wahrgenommen, ich weiß allerdings nicht, ob er ein eigenes TV-Gerät besaß. Pollock war ein politisch bewusster Mensch, aber seine Arbeit litt zunehmend unter den Folgen seines Alkoholismus.



Jackson Pollock, Ohne Titel, Green Silver, 1949
Solomon Guggenheim Foundation, New York Gift of Barbara Slifka
©Pollock-Krasner Foundation / VG Bild-Kunst, Bonn 2004

Wie beurteilen Sie Pollocks Verhältnis zur Landschaft, besonders in Bezug auf die Landschaftsbilder von Thomas Hart Benton und Albert Pinkham Ryder?

Die Landschaft bestimmte seine Arbeit von Beginn an. Bis zu dem Zeitpunkt, an dem seine ersten Serien von Tropfbildern entstanden, wie Sounds in the Grass, die er 1946 bei Peggy Guggenheim zeigte, hatte er die Landschaft verinnerlicht.

Wann lässt die Verbindung zu Thomas Hart Benton nach?

Ungefähr zu der Zeit als er John Graham begegnet, der eine wichtige Figur in seinem Leben wurde und ihn Ende der dreißiger Jahre mit Picasso und primitiven Kulturen bekannt machte.

Das ist auch ungefähr die Zeit, in der Pollock zu einer eher europäischen Sensibilität gelangte. Auf welche Weise hat der Kunsthistoriker Clement Greenberg mit seiner Erklärung, Pollocks Bilder seien "All-Over Kompositionen", seine Arbeiten simplifiziert?

Diese Äußerung bot für uns eine einfache Möglichkeit, Pollocks Verdienste zu bestimmen. Greenberg hat Pollock nach 1947 allerdings nicht mehr protegiert.

Warum ist es wichtig, Pollock im Zusammenhang mit dem " American Gothic" des Westens zu sehen, zum Beispiel mit zeitgenössischen Schriftstellerinnen wie Carson McCullers oder Eudora Welty, die das Groteske thematisierten?


Jackson Pollock, The Mask, ca. 1943 Privatsammlung
©Pollock-Krasner Foundation / VG Bild-Kunst, Bonn 2004

Wenn man sich vorstellt, wie Pollock zur Zeit der großen Depression aufwuchs, war das schon eine Zeit des "Gothic". Literatur hatte damals einen viel größeren Einfluss auf die Öffentlichkeit als Filme oder Malerei.

Die Aufnahmen und Filme von Hans Namuth, die in den Fünfzigern entstanden, beinhalten einen schon fast kommerziellen Ansatz, Pollock für die Nachwelt zu verewigen. Nahmuths Werk wirkt fast wie ein Andenken.

Das waren die Aufnahmen bereits in der Minute, in der sie entstanden. Pollock fühlte sich bei der ganzen Angelegenheit sehr unwohl.

Welche Rolle spielen für Sie Pollocks "Psychoanalytische Zeichnungen"? Er schenkte sie seinem Psychiater Joseph L. Henson, der ein Anhänger von C.G. Jung war.

Diese Zeichnungen basieren auf der Auseinandersetzung mit Picasso. Pollock arbeitete sich an der Figuration ab. Sie entstanden nicht während der Psychoanalyse, wie jedermann gerne behauptet. Sie entstanden als Pollock auf der Picasso Retrospektive im MoMA Guernica sah. In ihnen setzt sich Pollocks Entschlossenheit zu zeichnen fort. Sie führen geradewegs zum Surrealismus.

Auf welche Weise war Pollocks Teilnahme an der documenta II entscheidend für seinen Durchbruch in Europa?

Pollocks erster Auftritt in Europa war 1948 als Peggy Guggenheim ihre Sammlung nach Venedig brachte und sie im griechischen Pavillon auf der Biennale zeigte. Pollock war ein bisschen ihr Liebling. Und das bestärkte sie in dem Entschluss, ihm eine Ausstellung in Europa zu verschaffen. In den Briefen, die sie 1946 an Herbert Read schrieb, spricht sie bereits davon. 1950 hatte sie dann endlich Erfolg. Sie erkannte als eine der ersten, dass Pollock in Europa gesehen werden musste.

[1] [2] [3]