In dieser Ausgabe:
>> Larger than Life: Jackson Pollock
>> Big in the US: Die Leipziger Schule
>> Europa und die New York School
>> Amerikanische Künstler in Berlin

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Ich denke, das ist ein Sehnsuchtsprinzip. Wichtig ist dabei auch: die Globalisierung, das Switchen, Interface und diese ganzen Sachen, die groß und breit diskutiert worden sind. Man hat vor lauter Globalisierung vergessen, dass die Schnittstellen eigentlich die wichtigen Dinge sind, die diesen Globus zusammen halten. Sprich: die Unterschiede. Inzwischen hat man in Europa und insbesondere in Amerika mitgekriegt, dass man die Unterschiede besser herausarbeiten muss, die Unterschiede als Schnittstellen, als Scharniere, um die Sache zusammen zu halten.

Das müssen Sie noch etwas genauer erläutern...



Rainer Fetting: "Selbstporträt", 1985,
Sammlung Deutsche Bank

Man geht wieder zurück zu Fragen: Woher kommt der Typ überhaupt? Dabei dreht es sich nicht um Staaten, sondern um Landschaften, spezielle Orte, um den persönlichen "Malgrund", wenn man so will. Diese Rückführungen sind auch Rückführungen auf das Werk an sich, die wiederum auf den Produzenten des Werkes ausstrahlt, weil nur er imstande ist, eine bestimmte Fragestellung zu entwickeln, die auch nur er und niemand anderes durch seine Biografie beantworten kann. Neo Rauch, Daniel Richter, Jonathan Meese, aber auch Weischer, Eitel, Schnell, das sind die ersten deutschen Maler einer neuen Generation, die sagen kann, "ich bin ein deutscher Maler", ohne dass ihr sofort eine Strafe oder ein Arrest auferlegt wird.


Sigmar Polke, Ohne Titel, 1979,
Sammlung Deutsche Bank

Interessiert die Amerikaner an der deutschen Kunst das Romantische, das Dunkle, Unergründliche?

Das Deutsche ist zumindest das Andere. Und es ist im Moment auch das am weitesten Entfernte. Das, was man nicht durfte, wollte, was man sich nicht zugestehen konnte. Selbst als Amerikaner nicht...



Gerhard Richter, "Kahnfahrt", 1965,
Sammlung Deutsche Bank

Dabei ist es ja an sich nichts Neues, dass Kunst aus Deutschland in den USA erfolgreich ist. Wenn man an Maler wie Josef Albers oder Hans Hofmann denkt, die haben als Lehrer großen Einfluss auf amerikanische Künstler gehabt. Lässt sich so etwas auch heute beobachten?

Das kann ich nicht beurteilen. Natürlich lassen sich junge Künstler beeinflussen von dem was jetzt passiert, schon allein indem auch sie wieder zum Pinsel greifen. Aber ich denke, das ist eher eine allgemeine Entwicklung und hat mit direkten Vorbildern wenig zu tun.


Tim Eitel, "Ohne Titel" aus der Serie
"In der Galerie für zeitgenössische Kunst", 2001,
Sammlung Deutsche Bank

Es gibt aber eine ganze Reihe von amerikanischen Künstlern, bei denen ein Einfluss der neuen deutschen Malerei bereits auffällig zu sein scheint, zum Beispiel bei den phantastisch-romantischen Gemälden eines Hernan Bas.

Das sind allerdings Ausnahmen. In den USA ist diese Tradition der erdverbundenen, aus dem Boden geholten, heimatnahen Malerei so nicht vorhanden. Das ist zumindest nach meiner Beobachtung eher eine europäische Angelegenheit.

Dann wäre also der Umstand, dass es keine amerikanische Version der - ich nenn sie jetzt doch mal so: Leipziger Schule gibt, dadurch zu erklären, dass das regionalistische Prinzip in Europa wieder verstärkt Bedeutung erlangt hat.

Das auf jeden Fall. Wenn du in Leipzig studierst, dann ist da ein spezifisches Klima an der Schule und es ist eine spezifische Region, in der du dich befindest. Nehmen Sie Baselitz, Penck, Richter. Die kommen ja alle von hier. Wahrscheinlich gibt es tatsächlich so etwas wie einen sächsischen Malgrund. Da ist nichts, was dem Maler den Blick verstellt, eine weite Landschaft, Farben und ein Gefühl, das scheinbar alle anspricht. Das ist das eine. Das andere sind die Menschen, die dort wohnen und die Lehrer, die dort unterrichten. Da kommt einiges zusammen. Man muss auch bedenken: Leipzig ist die einzige Grosstadt, die in anderthalb Stunden von Berlin aus zu erreichen ist. Und Leipzig ist die einzige Stadt, die auch international einen Ruf hat, als Handelsstadt. Das Nationalgericht von Leipzig ist nicht umsonst das Leipziger Allerlei. Das heißt, jeder hat Gemüse mitgebracht von überallher, hat es gekocht, gebraten, gedünstet. Hat es dann in den großen Topf von Leipzig geschüttet, der nur mit Wasser und mit Leipziger Flusskrebsen gefüllt war. Das haben die Leipziger zu ihrem Lieblingsessen gemacht! Ein Gericht mit Zutaten aus den verschiedenen Ländern mit ihren Flusskrebsen. Ein internationaler Mix. Das ist doch sehr interessant. Das sagt doch viel über die Region. Aber wir reden hier die ganze Zeit über Malerei. Die Fotografieklasse in Leipzig ist übrigens auch eine Sensation!



Martin Eder, Ohne Titel, 2001,
Sammlung Deutsche Bank

Wie lange, glauben Sie, wird der gegenwärtige Malerei-Boom noch anhalten?

Das Wichtigste an meiner Arbeit ist die Nachhaltigkeit. Das mache ich mit allen Künstlern, die ich vertrete. Ob es Olaf und Carsten Nicolai sind, die wir schon lange vertreten, oder eben Neo Rauch und Martin Eder, sie alle haben viele internationale Ausstellungen. Das sind Nachhaltigkeiten. Wichtig ist auch, dass ein Maler, nur weil er jetzt gefragt ist, nicht zu viel produziert. Aber auch das haben die Leipziger gelernt: Dass die Zeit nicht dazu da ist, überzuproduzieren, sondern um die unnötigen Bilder nicht zu malen. Und dass man sich selbst immer wieder fragt, ist es notwendig, dieses Bild in die Welt zu setzen oder nicht?
Selbst ein Maler hat ja noch ein Leben neben der Malerei. Da gilt es auch mal Urlaub zu machen, es gibt so viele schöne Dinge. Man muss nicht ununterbrochen produzieren. Auch das ist eine Form von Nachhaltigkeit.


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