In dieser Ausgabe:
>> Gary Hume in der Kestner-Gesellschaft Hannover
>> Ulrich Rückriem in der Neuen Nationalgalerie in Berlin

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Peonies, 2004
Courtesy the artist and Matthew Marks Gallery, New York

Diesem Streben nach einer reinen, objektivierenden Malerei steht das subversive Wechselspiel zwischen Dargestelltem und Darstellung gegenüber, das Hume mit seinen "Door Paintings" aufgriff und ab 1993 um figürliche Arbeiten erweiterte. Seine Bilder von Blumen oder Tieren und seine Porträts lassen dabei immer Figur und Grund, Gegenständlichkeit und abstrakter Komposition miteinander konkurrieren. Auf den ersten Blick vermittelt Peonies/ Pfingstrosen (2004) den Eindruck eines gigantischen oliv-braunen Flecks, der ein filigranes Blumenbild bedeckt. Doch bei genauerem Hinsehen ist es gerade die abstrakt wirkende Fläche, die den figurativen Aspekt des Bildes mitprägt. Aus der Lackschicht treten gewellte Linien hervor, haarfeine organische Strukturen, Umrisse von Blüten und Blättern, die wie Adern unter den undurchlässigen Farbschichten weiter verlaufen und dem Gemälde eine dreidimensionale Wirkung verleihen.


The End of Fun, 2004
Courtesy the artist and Matthew Marks Gallery, New York

„Es sind die flachsten Skulpturen der Welt“, merkte Hume 2004 bei einer Diskussion während seiner Ausstellung The Bird has a Yellow Beak ( Kunsthaus Bregenz) zu seinen Arbeiten an. Den elementaren Formen seiner Bilder steht demgemäß auch eine Serie von Skulpturen gegenüber: Ausgehend von einem mit roter Lebensmittelfarbe übergossenen Schneemann, den Hume 1996 mit Freunden baute, entstand zunächst die Gemäldeserie Snowman, das nichts zeigt als zwei flache, farbige Kreise vor monochromen Hintergrund - „wahrscheinlich die absolut schlichteste menschlichste Form seit den „ zips“ von Barnett Newman“, wie Michael Wilson im Katalog zu Carnival schreibt. Seit 2002 entwickelten sich daraus die lackierten Snowman-Skulpturen, gigantische kugelförmige Objekte, die für den Maler Hume perfekte Skulpturen waren, wie auch die Türen der "Door-Paintings" perfekten Türen waren. „Man soll um sie herumgehen können, und es gibt keine toten Winkel…“

Lady Parker, 1998
Sammlung Deutsche Bank


Francis Bacon, 1998
Sammlung Deutsche Bank


Humes Schneemänner „funktionieren von jeder Seite“. In ähnlicher Weise sind auch die Motive und Oberflächen seiner Gemälde zusammengesetzt, auf die je nach Sichtweise, sowohl die Regeln der Abstraktion wie auch der figurativen Malerei anwendbar sind. Deutlich wird dies auch bei Humes Portraits , die in der Sammlung Deutsche Bank in London vertreten sind: Lady Parker heißt eines der 1998 entstandenen Werke.

Nach einer Vorlage von Hans Holbein bilden die feinen Konturen auf dem blassrosa Untergrund ein zartes, stilisiertes Frauengesicht nach, dessen Wangen mit zwei kreisrunden Flecken „geschminkt“ sind. Bei eingehender Betrachtung fällt jedoch auf, dass die kreisrunden Flächen aus dem Gesicht ragen, davor zu schweben scheinen. Mit der Entdeckung dieses Störeffektes bricht die „naturalistische“ Illusion des Gesichts in sich zusammen und gibt den Blick auf die reduzierte Komposition aus Linien und Flächen frei.

Yellow Hair, 1998
Sammlung Deutsche Bank


Poor Thing, 1998
Sammlung Deutsche Bank


Als selbst erklärter „Beauty-Terrorist“ und Meister der Enttäuschung unterläuft Hume die Erwartungen. Während seine Porträts berühmter Zeitgenossen wie Francis Bacon oder „Funny Girl“ Barbra Streisand einer clownesken Freakshow gleichen, lassen auch seine nach vorgefundenen Abbildungen gefertigten Blumenbilder die kühle Schönheit von Andy Warhols Flowers oder Robert Mapplethorpes schwarz weißen Lilienfotografien nur als verschwommene Reminiszenz aufleben. In bester Pop-Manier erforscht Hume die Utopie des perfekten Bildes, um sie dann möglichst simpel und gezielt zu sabotieren. So lässt er die Flächen und Linien seiner Bilder bewusst aus dem Gleichgewicht geraten, wie bei dem Porträt Poor Thing (1998), das sich vor unseren Augen hilflos lächelnd auflöst. Im Gegensatz dazu erinnern die Tropfspuren auf Pink, Brown, Brown and Brown (2004) zwar an die Expressivität von Jackson Pollocks „Drip-Paintings“, werden von Hume allerdings in kalkulierte Bahnen gezwungen, um den Eindruck von kunstvoll arrangierten Pflanzen zu erwecken.


Pink, Brown, Brown and Brown, 2004
Courtesy the artist and Matthew Marks Gallery, New York


Nicola As An Orchid, 2004
Courtesy the artist and Matthew Marks Gallery, New York

Im Spannungsfeld zwischen Kontrolle und Anarchie sind Humes Arbeiten jedoch alles andere als zynisch. Trotz der bunten Farbigkeit und der klaren Umrisse wahren seine Arbeiten stets ihr Geheimnis. Während sie auf ihren glänzenden Oberflächen scheinbar alles offen legen, weigern sie sich beharrlich, endgültig enttarnt zu werden. Die Verkleidung ist stets ritueller Bestandteil eines Karnevals, doch im Fall von Gary Humes Bildern sollen damit keine Geister beschworen oder ausgetrieben werden, sondern allenfalls die Mysterien der Malerei.

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