In dieser Ausgabe:
>> Gary Hume in der Kestner-Gesellschaft Hannover
>> Ulrich Rückriem in der Neuen Nationalgalerie in Berlin

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Zwischen Kontrolle und Anarchie:
Gary Humes maskierte Malerei



Im Gegensatz zu anderen „Young British Artists“ hat Gary Hume in seinen Werken stets auf Schock-Effekte verzichtet. Durch den Einsatz von hochglänzendem Lack auf harten Malgründen entwickelte er eine eigenwillige Arbeitsweise, die an die Hard Edge und Colour Field Malerei der sechziger Jahre anknüpft. Und damit ist er erfolgreicher denn je. Oliver Koerner von Gustorf über Humes spiegelglatte Bilder, seine subversive Betrachtung von Blumen, Tieren, Menschen und die aktuelle Ausstellung „Carnival“



Hermaphrodite Polar Bear, 2003
Courtesy Matthew Marks Gallery, New York


Wer in diesen Tagen durch Gary Humes Ausstellung Carnival in der Kestner Gesellschaft streift, sieht sich mit einem Panoptikum merkwürdiger Gestalten und Formationen konfrontiert - hermaphroditische Polarbären, nachtschwarze Schneemänner, braun schimmernde Rosenblüten und Blätter vor pistaziengrünem Grund, glänzend lackierte Fensterflächen, die von pink leuchtenden Rahmen durchzogen werden. Wie es bereits der Titel der Schau suggeriert, hat sich die Flora und Fauna von Humes Bilderwelt in Kostüme gehüllt, unter einfachsten Formen verborgen und mit farbigen Schichten aus Lack maskiert.


Grey Leaves, 2004
Courtesy the artist and Matthew Marks Gallery, New York

Auf die Frage, was seine Bilder eigentlich seien, was er damit wolle, antwortete der Künstler 2004 in einem Videoporträt: „Sie sind Bilder, und ich weiß nicht was sie sind. Ich gebe mein bestes, ich glaube an sie. Ich glaube, sie bergen eine Wahrheit in sich.“ Um diese Wahrheit zu entdecken, bedarf es allerdings einer gewissen Ausdauer. Der Geist sitzt im Detail – oder besser in der Maskerade. Denn die Gefühle von Erstaunen, Befremdung oder Belustigung, die Humes Bilder auslösen können, ähneln der Erfahrung die jemand macht, der entdeckt, dass sich unter der deutlich umrissenen Maske seines Gegenübers ein nebulöses Spiegelbild verbirgt – eine blanke Projektionsfläche für die eigenen Assoziationen, Erinnerungen, Sehnsüchte und Ängste. „Ich fand heraus, dass hochglänzende Farbe hervorragend zu meiner Arbeit passt, und ihre Eigenschaften faszinieren mich noch immer“, bemerkte Hume 2002 in einem Interview mit dem Guardian. „Sie ist zäh und flüssig und erinnert an einen Pool. Sie ist hochgradig spiegelnd und eröffnet eine Vielzahl von Betrachtungsmöglichkeiten. Man sieht auf das Bild, und man sieht auf die Oberfläche und dann auf den Hintergrund, der sich in ihr spiegelt. Und dann sieht man sich selbst.“



Small Disappointment, 2003
Courtesy the artist and Matthew Marks Gallery, New York


Dabei strahlen Humes Bilder zunächst einmal eine reduzierte Nüchternheit aus, die an Banalität grenzt. Als Absolvent des renommierten Londoner Goldsmith College, an dem auch andere „Young British Artists“ wie Fiona Rae, Matt Collishaw, Sarah Lucas oder Damien Hirst studierten, wurde er Ende der achtziger Jahre mit seiner Serie von Door Paintings schlagartig bekannt. In ihrer Erscheinung glichen diese auf Hartfaserplatten oder Aluminium gefertigten, häufig mehrteiligen Gemälde den üblichen Schwingtüren, die man in Großbritannien in öffentlichen Gebäuden wie Schulen oder Krankenhäusern findet. Während die mit industriellen Lackfarben gefertigten Bilder auch im Material ihre realen Vorbilder imitierten, ergaben die rechteckigen Türformen und runden Fensteröffnungen in der malerischen Wiedergabe abstrakte Bildelemente und Formen – strenge geometrische Kompositionen aus Quader, Rechteck und Kreis. Die schablonenhaft voneinander abgegrenzten Flächen, die Hume in unvermischten Farben und ohne fließende Übergänge auf die Oberflächen auftrug, knüpften an das emotionslose Repertoire der Hard Edge und Farbfeldmalerei der sechziger Jahre an. Als Gegenbewegung zum sublimen Ausdruck des abstrakten Expressionismus suchten damals amerikanische Künstler wie Al Held oder Ellsworth Kelly äußerste formale Ökonomie, Perfektion des Farbauftrags und volle Leuchtkraft der Farben zu erreichen.

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