In dieser Ausgabe:
>> Interview mit Ariane Grigoteit und Friedhelm Hütte
>> Presseschau zu John Baldessari und "Aus deutscher Sicht"

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Die Farbe Orange kann ein Monster sein: Pressereaktionen zu John Baldessari im Deutsche Guggenheim


Das Internet-Kunstportal kunstmarkt.com widmet der Ausstellung von John Baldessari in seiner November-Ausgabe einen umfangreicheren Bericht, der sich nicht nur auf die aktuelle Auftragsarbeit Somewhere Almost Right and Not Quite (With Orange) in der Deutsche Guggenheim Berlin beschränkt, sondern auf die Anfänge des kalifornischen Konzept-Art-Künstlers verweist. "Seit Ende der 1960er Jahre", schreibt Sabine Boehl, "verknüpft der 1931 im kalifornischen San Diego geborene Künstler Bilder aus den Massenmedien mit Textfragmenten. Diese Überlagerung von mehreren Bedeutungsschichten ist für ihn ein Sinnbild der Relativität von Bedeutungen."

Anschließend kommt Boehl auf die von Baldessari ab den Siebzigerjahren für seine Arbeiten bevorzugten Fotos aus Hollywood-Produktionen zu sprechen, die sie folgendermaßen charakterisiert: "Die Einzelbilder aus Filmen überlagert er wiederum mit Farbe, die einem eigenen Bedeutungskanon unterliegt." Boehl: "So signalisiert Rot Gefahr, Grün Sicherheit und das Orange des Ausstellungstitels liegt im Zwischenraum, zwischen Rot und Gelb." Durch den Einsatz von Farbe ergäben sich darüber hinaus noch weitere unvorhergesehene Effekte, so Boehl. Zum einen werde "der auf Dreidimensionalität verweisende fotografische Bildraum durch die Farbflächen verflacht". Zum anderen hinterfrage Baldessari so die Bedeutung der Darstellungen und ordne, indem er die Bilder aus ihrem filmischen, sequenziellen Kontext löst, die Filmstills in einen neuen Zusammenhang ein.

In der Berliner Zeitung konstatiert Carmen Böker nach einem Besuch der Ausstellung zunächst lapidar: "Die Farbe Orange kann ein Monster sein." Um danach fortzufahren: "Aus einem Filmstill mit geschmeidig in einer Polstergarnitur sitzenden Männern hat der amerikanische Künstler John Baldessari deren Gegenüber großzügig heraus geschnitten; die ausfransenden Konturierungen nebst knalliger Grundierung erinnern an jene freundlichen, langflorigen Wesen, wie man sie aus der "Muppet Show" kennt." Die Farbe Orange, so Böker, kann aber auch noch mehr, zum Beispiel ein Origami-Objekt sein, "denn erst diese Kolorierung erhebt breite, wie ein Haufen riesiger Papierschnipsel zusammengekehrte Streifen in die Dreidimensionalität". Schließlich und endlich könne Orange auch "eine Leerstelle" markieren: wenn es "den Platz füllt, der vor dem Schnitt von einem Tiger beim Sprung durch den Zirkus-Reifen" besetzt wurde.

Doch dann findet Böker doch noch zurück zum gebotenen Ernst: "Grundsätzlich definiert Baldessari Orange - die Mischfarbe aus Gelb und Rot - als ein Sinnbild dessen, was 'zwischen Dingen und Ideen passiert'". Für das Deutsche Guggenheim habe Baldessari einen Werkzyklus geschaffen, "der jenen Spielraum aufzeigt, der sich in der Mitte der Extreme auftut - zwischen Harmonie und Konflikt, Sicherheit und Gefahr". Und diese Freistelle stehe "für jene Orientierungslosigkeit, die auch der Betrachter" empfindet: "Gigantische Rechteckformate und wandhohe, aus je sechs Einzelmotiven gefügte Säulen (alles Material aus schwarzweißen B-Movies) wechseln sich streng symmetrisch ab." Die Sujets "sind banal, Trophäen werden präsentiert, Paare prosten einander zu, eine Badeschönheit umtanzt einen Sonnenschirm. Das Auge will trotzdem lange nicht zur Ruhe kommen", denn, so Böker, "es sucht nach dem Schlüssel zum Bild." Der aber wurde in "fast schon didaktischer Manier" entfernt.

John Baldessari, "einer der Mitbegründer der Konzeptkunst", führe den Betrachter bewusst in die Irre, schreibt Böker - durch seine Arrangements unzusammenhängender Einzelaufnahmen, "noch mehr allerdings dadurch, dass er das Gesicht der abgebildeten Menschen mit farbigen Punkten überdeckt und so ein identifizierbares Individuum zum nebensächlichen Objekt macht: ein Boykott gängiger Sehgewohnheiten, die ja immer zuerst die Augen eines Gegenübers suchen." Hier finde sich zwar eine uns vertraute Massenkultur-Ästhetik, "doch der Blick schweift - von grafischen, durchaus auch dekorativen Farbakzenten genarrt - darin wie in einer fremden Landschaft umher". Was dieser Blick sucht? Böker: "eine Geschichte".

Erwähnt wird John Baldessari auch im so genannten Kunstkompass des Wirtschaftsmagazins Capital, in dem jedes Jahr im Herbst die "gefragtesten" Künstler weltweit aufgelistet werden. Baldessari belegt dort diesmal den 67. Rang (Vorjahr 59.), was fast dreissig Ränge besser ist, als der Platz, den das britische Kunstmagazin Art Review Baldessari zuweist, aber längst nicht so schön begründet wurde. Art Review nennt seine Version des Kunstkompasses "Power 100" und schreibt über Baldessari (94. Rang), er sei der "gesellige (Andrea: gregarious) Guru der Kunstszene von Los Angeles", der unter anderem auch als einziger Künstler Mitglied der Trustees des Los Angeles MoCA sei und in dieser Funktion auch für die amerikanische Museumslandschaft eine sehr verdienstvolle Aufgabe erfülle. Auch im nächsten Jahr, so Art Review weiter, seien mehrere Ausstellungen mit Werken von John Baldessari geplant, unter anderen bei Marian Goodman in New York und im neuen

Museumsquartier in Wien. Der Berliner Tagesspiegel schreibt über die selbe Ausstellung: "Schöner ist die Malerei nie zu Grabe getragen worden." Allerdings nur, um sogleich eine gedankliche Kehrwende einzuleiten, denn schließlich, so Nicola Kuhn, zelebriere John Baldessari "mit. diesem Abschied" auch eine "emphatische Wiederkehr": "Über dreißig Jahre liegt es zurück, dass der abtrünnige Maler im Rahmen des "Cremation Projects" seine frühen Werke sämtlich verbrannte, um deren Asche in einer Urne in Buchform aufzubewahren. Der 73-jährige Konzeptkunst-Altstar, der fortan nur noch Text und Fotografie miteinander kombinierte, beginnt sich ganz offensichtlich seiner Wurzeln zu besinnen, auch wenn seine Annäherung vor hämischen Anspielungen nur so strotzt."

Im folgenden erläutert Kuhn ihre These genauer, wobei sie die Argumentation in Frageform kleidet: "Steckt in dem verzweifelten Kampf der Filmfiguren gegen das Gewirr der Bänder, die Baldessari blau und orange einfärbte, nicht auch eine Spitze gegen Jackson Pollock?" Und: "Ist in den rot, grün und blau übermalten Gitterstäben seiner Gefängnisbilder nicht ein Seitenhieb auf Piet Mondrian zu erkennen?"

So kommt Nicola Kuhn zu dem Schluss: "Über Baldessari darf man schmunzeln und seine Lust am Spiel mit der Oberfläche goutieren. Seine Guggenheim-Arbeit eröffnet jedoch eine weitere Dimension neben seinem neuesten Flirt mit der Malerei. Der Künstler war immer schon ein Meister der Kombination, ... hier aber schwingt in der Heiterkeit immer auch das Dramatische, das Sinistre mit."




The Art That Works: Die russische Presse über die Ausstellung "Aus deutscher Sicht"


Die Ausstellung Aus deutscher Sicht - Meisterwerke aus der Sammlung Deutsche Bank im Moskauer Puschkin-Museum ist in der russischen Presse auf großes Echo gestoßen. Und nicht nur das, die Kunstsammlung der Deutschen Bank ist auch generell ein Thema in den Medien. "Die größte unternehmenseigene Kunstsammlung überhaupt", schreibt die Zeitung Kommersant, "wird nicht etwa in Schweizer Banktresoren versteckt, sondern in Bankniederlassungen in aller Welt gezeigt." In der Frankfurter Zentrale, so Milena Orlova, "erinnern sogar die Aufzüge an ein Museum: anstatt mit Ziffern sind die Stockwerke durch die Namen der berühmten Künstler gekennzeichnet, die sich hier befinden". Das sei Teil der Unternehmenspolitik, analysiert die Kritikerin in ihrem "The Art That Works" betitelten Artikel im Kommersant: "Die Kunst in den Büros soll die Produktivität steigern."

Die Moskauer "Dienstreise" der 140 Werke von 59 deutschen Künstlern findet rundweg die Anerkennung des Kommersant. Die Ausstellung, unter anderen mit Bildern von Emil Nolde, Ernst Ludwig Kirchner und Wassily Kandinsky "bis hin zu den modischen Arbeiten von Rebecca Horn und Neo Rauch" seien wie ein Who's Who der Kunst. "Da sind Paul Klee, von den Nazis als "entartet" gebrandmarkt, und der groteske George Grosz, da sind der Dadaist und Träumer Kurt Schwitters und Käthe Kollwitz, die in der UdSSR wegen ihrer Sozialkritik geliebt wurde." Da sind, schreibt der Kommersant weiter, "A.R. Penck und Jörg Immendorff, die in der UdSSR aus dem selben Grund nicht geliebt wurden, ferner die Jungen Wilden, der "Nagel"-Künstler Günter Uecker und die Konzeptualisten".

"Wenn wir nicht wüssten", so Orlova, "dass die Sammlung insgesamt 50000 Werke umfasst, wären wir besorgt, dass diese Ausstellung in Moskau mit ihrem kraftvollen ästhetischen Doping einen ernsten vorübergehenden Effizienzverlust" in den verwaisten Abteilungen der Deutschen Bank bewirken würde.

"Die Sammlung der Deutschen Bank", schreibt die russische Wochenzeitung "The Week", "ist sowohl in Bank- als auch in Museumskreisen berühmt." Die an sich "nicht besonders originelle Idee von der "Kunst im Büro", konstatiert "The Week", wurde hier durch "hervorragendem Geschmack und der Erkenntnis, dass gute Kunst nicht unbedingt teuer sein muss" aufgewertet. Dann widmet sich die Autorin noch auf eher unorthodoxe Art dem Begriff der "deutschen Kunst": "Juden, Japaner, Chinesen und Russen, sie alle erhalten in der deutschen Kunst eine Aufenthaltsgenehmigung." So werde die "deutsche Kunst" zu einen historischen Phantom, schreibt "The Week": "Ob das russische Publikum diese politisch-korrekten Manieren akzeptiert, ist fraglich, nachdem politische Korrektheit hierzulande nicht in Mode ist."

Die Moskauer Ausgabe von "Time Out" wiederum ist der Auffassung: "Die Deutsche Bank interessiert sich nicht nur für Geld. Der reiche Sponsor, zusammen mit der Solomon R. Guggenheim Foundation mutiger Mitbegründer der Deutsche Guggenheim Berlin, sammelt Kunst aus aller Welt." Das freilich, so "Time Out", sei für die Bank "kein schlechtes Investment", schliesslich erlaube es dem Unternehmen, "sich effektiv selbst darzustellen". U.C.