In dieser Ausgabe:
>> Makellos Weiß: Kunst und Winter
>> True North: Isaac Julien
>> Bis das Blut gefriert: Marc Quinn
>> Filz und Fett: Joseph Beuys

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Makellos Weiß - Kunst und das Drama des Winters


Jetzt locken sie wieder, der Skizirkus, die Gletscherwelt und der Hüttenzauber. Strahlender Sonnenschein, azurblauer Himmel, Traumpisten und Pulverschnee - so präsentiert sich der Winter gerne in den Werbeprospekten und Annoncen der Fremdenverkehrsämter und Tourismusagenturen. Auch Künstler fasziniert die vierte Jahreszeit, allerdings meist unter ganz anderen Vorzeichen. Für sie ist der Winter die Zeit der Bedrohung und der harten Kontraste, die Zeit des Dramas, der Einsamkeit und des Vergehens allen Lebens. Ein Ausflug in die eisigen Regionen von Fotografie, Malerei und Video von Ulrich Clewing



Tobias Rehberger: ohne Titel, 1992,
Sammlung Deutsche Bank

Der 14. Februar 2005, eine Eilmeldung der dpa: Wegen akuter Lawinengefahr, so die Nachrichtenagentur, seien die Arlberg Straße, die Lechtal Straße und die Zufahrt vom Tiroler Lechtal für den Autoverkehr gesperrt worden. Etwa 15000 Menschen säßen in den Wintersportorten Stuben, Zürs und Lech am Arlberg fest. Aufgrund weiterer Schneefälle sei mit einer raschen Entspannung der Situation nicht zu rechnen. Also war es wieder einmal so weit. Ein paar Tage lang war die Normalität außer Kraft gesetzt, der reibungslose Ablauf der Dinge durchbrochen, hatte der Winter sich von seiner unerbittlichen Seite gezeigt.



Gert Rappenecker: ohne Titel (notes), 1992,
Sammlung Deutsche Bank


Nachrichten wie diese können Walter Niedermayr nicht sonderlich beeindrucken. Niedermayr, 1952 in Bozen in Südtirol geboren, kennt die Berge, denn er lebt dort nicht nur in der Hauptsaison. Und er hat sie fotografiert, das erste Mal vor mehr als siebzehn Jahren und seitdem immer wieder. Hunderte von Bildern hat er von ihnen gemacht, zu Serien kombiniert, in Galerien und Museen ausgestellt, in Büchern publiziert. Auf seinen Fotos scheint selten die Sonne, und wenn dann ist sie nicht zu sehen, genauso wenig wie der azurblaue Himmel.



Walter Niedermayr: Jungfraujoch II, 1998,
Sammlung Deutsche Bank


Wenn in seinen Bildern Menschen auftauchen, dann meist nur ganz klein, nicht viel größer als Ameisen. Was man auf Niedermayrs Fotos schon öfter sieht, sind ihre Hinterlassenschaften. Die Dinge, die der Mensch in die Landschaft baut, um den Aufenthalt in ihr bequemer zu machen: Sessellifte, Selbstbedienungsrestaurants und Aussichtsplattformen. Dabei bedient sich der Künstler einer Art Frontal- oder Nahsicht, die zwar nicht die Schönheit eines Panoramas besitzt, dafür aber einen um so klareren Blick auf die Details ermöglicht, auf all die verlorenen Perspektiven, leeren Ecken und Winkeln und sonstigen absurden Konstellationen, die sich aus dem Zusammenprall von Architektur und Natur im Hochgebirge ergeben.

Manchmal führt Niedermayr die Berge auch ganz ohne Beiwerk vor. Dann wirken sie riesig und sicher nicht einladend, sondern schroff und karstig. Gleichzeitig sind sie von einer atemberaubenden, urzeitlichen Pracht. Die schneebedeckten Berghänge, die schrundigen, zerklüfteten Gletscher: Sie sind über und über bedeckt mit Maserungen und Mustern, und keines davon ist wie das andere, fast wie bei einem Fingerabdruck. Das Licht, das dort scheint, ist häufig diffus, aber immer hell. Manchmal ist es so hell, dass es den Betrachter beim Hinschauen schmerzt.



William Wegman: Dusted, aus der Serie:
"Elephant, Bad Dog & Dusted" , 1988,
Sammlung Deutsche Bank


Diese Dominanz der Farbe Weiß illustriert die Ambivalenz in Niedermayrs Bildern vielleicht am treffendsten - sie ist als Symbol nämlich selbst ambivalent. In westlichen Kulturkreisen assoziiert man mit ihr seit alters her überwiegend positiv besetzte Eigenschaften und Zustände: Reinheit und Unberührtheit, Freude und Eleganz.

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