In dieser Ausgabe:
>> Makellos Weiß: Kunst und Winter
>> True North: Isaac Julien
>> Bis das Blut gefriert: Marc Quinn
>> Filz und Fett: Joseph Beuys

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True North:
Ein Gespräch zwischen Isaac Julien und Cheryl Kaplan





Isaac Julien
©copyright Cheryl Kaplan 2005. All rights reserved. Courtesy Cheryl Kaplan

Ausgerechnet während eines der heftigsten Schneestürme des ganzen Winters ist Isaac Julien in New York. Auf dem Weg zu unserem Treffen, komme ich mir wie die Neubesetzung einer Rolle in seiner Film-Installation True North vor. True North entstand 2004 und basiert auf der Geschichte von Matthew Henson, der zusammen mit Robert E. Peary als Entdecker des Nordpols gilt. Beide trafen sich als Henson, ein Afroamerikaner, als Bauingeneur für die U.S. Navy arbeitete. Peary erkannte, dass Hensons Kenntnisse der Sprache und Kultur der Inuit für den Erfolg seiner geplanten Expedition entscheidend sein könnten und stellte ihn als Führer ein. Gesellschaftliche Vorurteile und Pearys mangelnder Respekt führten dazu, dass Hensons tatsächliche Leistungen als Entdecker im Dunklen blieben. Erst seit kurzem ist bekannt, welche wichtige Rolle er bei der Expedition spielte. 1988 wurde sein Leichnam zum Staatsfriedhof nach Arlington überführt und fand neben Pearys Grab seine letzte Ruhe. In der Sammlung Deutsche Bank ist Isaac Julien mit einer Arbeit aus seinem neuen Fotozyklus True North vertreten, die vergangene Polarexpeditionen im Hinblick auf ihre Mythen, Fiktionen und koloniale Geschichte untersucht.

Isaac Julien arbeitet mit Schönheit, um kulturelle Störfelder zu benennen. Auch wenn es so erscheinen mag, als wäre der Antrieb für seine Filme die politische Aktion, geht es ihm bei seiner Vorgehensweise darum, eine missverstandene, einseitig interpretierte Vergangenheit neu zu befragen. Julien ist vor allem ein Gesprächspartner und Moderator, der unablässig dazu auffordert, genau und kritisch hinzusehen. 2001 wurde der Filmemacher und Künstler für den Turner Prize nominiert. Zu seinen vielschichtigen Filmen gehören The Long Road to Mazatlán (1999), Vagabondia (2000), Paradise Omeros (2002) sowie die Dokumentation BaadAsssss Cinema (2002), die die Entwicklung des schwarzen Independent Films und der "Blaxploitation-Filme" der frühen siebziger Jahre untersucht. Auch Juliens Kurzfilm Baltimore (2003) reflektiert dieses Thema. Zu den frühen Filmen Juliens gehören der Spielfilm Young Soul Rebels, der 1991 mit der goldenen Palme in Cannes ausgezeichnet wurde, und die Dokumetation Looking for Langston (1989).



Untitled (True North Serie), 2004
Sammlung Deutsche Bank, ©Courtesy of the Artist


Cheryl Kaplan: In Ihrer Videoinstallation "True North" (2004) wirkt die Geschwindigkeit sehr reduziert. Nur ganz allmählich entwickelt sich eine Geschichte, ganz so als würde sie von der Last der überwältigenden und rauen Landschaft zurückgehalten. Die aus dem Off gesprochene Erzählung könnte jederzeit auch völlig verstummen. Die Beziehung zwischen Landschaft und Erzählung erscheint als zentraler Aspekt, wobei beide Elemente gegeneinander ausgespielt werden. Warum haben Sie das so angelegt?

Isaac Julien: Ich wollte ein Werk schaffen, dass im Gegensatz zu den Arbeiten steht, die ich davor gemacht habe. In meinem 1986 entstandenen Film The Passion of Rememberance gibt es zwei Sprecher: Eine schwarze Frau und einen schwarzen Mann, die vor einer anonymen Landschaft stehen und heftig über die Misere in der schwarzen politischen Bewegung debattieren. Die schwarze Frau kritisiert die phallische Ausrichtung der Black Power Bewegung der Sechziger und Siebziger, und dann sieht man diese weite, öde Landschaft. True North setzt dieses Motiv fort. Die Szenerie ist von Erhabenheit durchdrungen. Man könnte an einen Künstler wie Caspar David Friedrich denken. Mich interessiert das Wesen der Landschaft selbst. In diesem Fall ist es die Arktis, auch wenn der Film eigentlich in Nordschweden und Island gedreht wurde. Es gibt keine leeren Landschaften, die frei von Menschen, Geschichte oder Bedeutung sind. Sie werden von Völkern bewohnt. Landschaft wird als Raum für eine mögliche Kolonialisierung betrachtet, aber die Inuit und ihre Kultur waren schon vorher da. In True North versuche ich, die Geschichte dieser ganz spezifischen Landschaft mit dem ungeschriebenen Vermächtnis jener Person zu verbinden, die als erster Mensch 1909 den Nordpol erreicht hat. Tatsächlich war dies nicht Robert E. Peary, sondern der Afroamerikaner Matthew Henson, der Peary als Führer begleitete. Es gibt da diese Schönheit des Eises und die tödliche Anziehungskraft, die diese Landschaft ausstrahlt. Die Erzählung ist wortkarg und poetisch.



Untitled (True North Serie), 2004, Filmstill ©Courtesy of the Artist and Metro Pictures Gallery

Gleich zu Beginn des Films erscheint die Landschaft wie eine eigenständige Figur mit einer Geschichte.

Das gilt auch für einige meiner früheren Filme, die ebenfalls im Kunstkontext entstanden, wie The Long Road to Mazatlan, in dem der Wilde Westen und die menschliche Figur in der Landschaft thematisiert wird. Landschaft taucht in meiner Arbeit immer wieder auf, sie verbindet sich mit Fragen nach Identität und den Einflüssen von Massen- und Hochkultur. True North ist allerdings rigoroser und herber als meine früheren Arbeiten.

Es gibt da eine Härte in der Landschaft, die über die wortwörtliche Härte des Eises hinausgeht. Zugleich wird auch etwas ganz Zerbrechliches sichtbar.

Ich finde die Vorstellung einer kontaminierten Landschaft interessant. Es handelt sich um eine weiße Landschaft, die absolut erhaben scheint, aber tatsächlich ist sie weit von Erhabenheit und einem Ideal entfernt. Sie ist mit "rassischer" Bedeutung besetzt, sie ist Teil einer Kultur. Im postkolonialen Sinn verkörpert sie Ideale, die Menschen von sich selbst haben, festgelegte Auffassungen von Identität und nationaler Zugehörigkeit. Nicht zuletzt verkörpert sie eine rein europäische Vorstellung von Landschaft. Ich möchte diesen Umstand offen legen. Es handelt sich um eine radikale Positionierung, in dem Sinne, dass etwas eingefordert wird. Es geht darum, dass der Raum und die Geschichte, die zuvor "rassisch" besetzt wurden, Bestandteil einer schwarzen Thematik werden.



Untitled (True North Serie), 2004, Filmstill ©Courtesy of the Artist and Metro Pictures Gallery

Wenn die Erzählstimme in "True North" einsetzt, ist sie nicht viel lauter als ein Flüstern. Zugleich handelt es sich bei dem Text um ein öffentliches Statement. Ich finde diese Spannung zwischen dem Vertraulichen, Geheimen und dem, was im öffentlichen Bewusstsein ist, wirklich spannend. Wie nutzen Sie Hensons Polarreise um diesen Gegensatz auszuspielen?

Das Material stammt aus einem Interview, das Henson 1966 für ein geografisches Magazin gegeben hat. Es wurde dreißig Jahre nach Pearys Tod geführt und ließ die Position Hensons in neuem Licht erscheinen. Henson gestand, einen Streit mit Peary gehabt zu haben, über den tatsächlichen Moment, an dem Peary glaubte, den Pol erreicht zu haben. Und das so viele Jahre nach Pearys Tod! Diese Begebenheit ist nicht Teil des öffentlichen Diskurses, aber sie wurde festgehalten. Es ist wichtig, die Umstände dieser Enthüllung mitzuteilen. Bei Henson war das mit großer Angst verbunden. Beim Flüstern und der Art und Weise, wie die Erzählung um dieses Geheimnis herum orchestriert wird, geht es sehr um privates Wissen, das öffentlich gemacht wird. Zugleich offenbart sich eine bestimmte Intimität, in der sich die Beziehung zwischen Henson und Peary entwickelt hat. Wir sprechen hier auch über die mögliche Vorstellung, dass jemand ermordet werden könnte, die Vorstellung, dass jemand um sein Leben fürchten muss. Henson wusste, dass er die Munition aus den Waffen nehmen musste, da er ja die einzige Person war, die tatsächlich selbst ein Gewehr besaß. Allein bei der Andeutung, dass Henson den Nordpol früher erreicht haben könnte, drehte Peary geradezu durch. In diesem Moment zeichnet sich eine Dialektik zwischen Herr und Sklave ab. Peary befand sich in einem Abhängigkeitsverhältnis zu seinem Führer Henson. Auch auf Hensons Seite gibt es sowohl Vertrauen als auch Abhängigkeit. Es ist diese Geschichte, die für uns unsichtbar in die Landschaft eingebettet ist. Es gibt da diese heikle Balance, die sich hoffentlich im Flüsterton der Stimme vermittelt - dieses gemeinsam geteilte Wissen, das kaum begreiflich ist. Eine Frau erzählt die Geschichte wieder, dabei überlagern sich zwei Stimmen, ihre und meine.



Untitled (True North Serie), 2004, Filmstills ©Courtesy of the Artist and Metro Pictures Gallery

In Bezug auf "True North" und Matthew Henson sprachen Sie von einer "Wieder-Erinnerung". Bis zu welchem Grad bietet diese "Wieder-Erinnerung" die Möglichkeit, die Dinge "richtig zu stellen"?

Die Idee der "Wieder-Erinnerung" unterscheidet sich grundlegend von den öffentlichen Diskursen, bei denen "Geschichte" in großen Lettern geschrieben wird. Die Untersuchung historischen Materials vollzieht sich bei True North im Kleingeschriebenen. Erinnerung ist nicht chronologisch.

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