In dieser Ausgabe:
>> Makellos Weiß: Kunst und Winter
>> True North: Isaac Julien
>> Bis das Blut gefriert: Marc Quinn
>> Filz und Fett: Joseph Beuys

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Ironischerweise hat gerade das gelegentlich aufkeimende Gerücht, dass die Kühlung der Skulptur mehrmals unterbrochen wurde, die bis heute anhaltende Berühmtheit des 15 Jahre alten Werks genährt. Zur Legendenbildung trugen zum Beispiel Geschichten über einen Stromausfalls auf der Sensation-Ausstellung 1997 bei oder die Meldung, dass Arbeiter im Haus von Charles Saatchi, dem Eigentümer des Werks, angeblich den Strom gekappt hätten.


Across the Univers, 1998, © the artist
Courtesy Jay Jopling/White Cube (London)

Die Ägypter praktizierten eine frühe Form der posthumen Konservierung des Körpers, die der Kryonik-Methode von heute nicht unähnlich ist. Für eine Ausstellung im Britischen Museum, die in den Galerien der antiken Sarkophage stattfand, schuf Quinn 1994 eine neue Variation von Self. Hierfür fertigte der Künstler eine Form seines Kopfes aus Plexiglas, in dessen Inneren eine transparente Box genau in der Höhe platziert war, wo normalerweise das Schlafzentrum des Gehirns lokalisiert ist. In der Box befand sich der gefrorene Körper einer speziellen nordamerikanischen Waldfroschart ( Rana sylvatica), die die Fähigkeit besitzt, im Winter in eine Kältestarre zu verfallen, um dann im Frühling wieder aufzutauen. Rein technisch betrachtet war der Frosch also während der Ausstellung lebendig. Allerdings befand er sich im Winterschlaf zugleich in einem leblosen Zustand, in dem sämtliche vitalen Funktionen ausgesetzt waren.

Love is All Around You, 1999, © the artist
Courtesy Jay Jopling/White Cube (London)


Für Across the Universe von 1998 schuf Quinn aus Eis einen lebensgroßen Abguss von sich. Doch dieses Mal wurde die Temperatur des Glasbehälters nicht unter dem Gefrierpunkt gehalten, so dass sein ätherisches Bildnis langsam dahin schmolz. Betrachtet man die Chronologie seiner Werke, erschien die Verflüssigung von Quinns Abbild wie eine Metapher für eine neue Richtung in seiner Arbeit. Während seine Körperformen geradezu aus dem Werk weg schmolzen, wurden seine späteren Selbstporträts immer abstrakter und bezogen Spiegel und Darstellungen der DNA des Künstlers mit ein. Er begann sich den Körpern anderer zuzuwenden, so auch mit der Eisskulptur eines sich küssenden Paares, die er ein Jahr später schuf und den Titel Love is All Around You trägt. Auch diese Arbeit verdunstete allmählich in den Räumen der Galerie, so dass die Besucher ihren Dunst einatmeten. "Du nimmst die Skulptur buchstäblich in den eigenen Körper auf, sie wird ein Teil von Dir", sagt Quinn zum physischen Verhältnis zwischen dem Betrachter und der Skulptur.

Eternal Spring (Lilies) I, 1998, © the artist
Courtesy Jay Jopling/White Cube (London)


Bei der Gefrierbehandlung kamen als nächstes zarte, frisch gepflückte Blumen an die Reihe. 1998 begann Quinn damit, Lilien, Orchideen und Tulpen in gekühltes Silikonöl zu tauchen und ganz im Sinne der Kryonik, tote Organismen einzufrieren und gewissermaßen die Zeit anzuhalten. Selbst das älteste seiner gefrorenen Blumenbouquets aus der Installation Eternal Spring (Lilies) ist nicht einen Tag gealtert, seit es vor sieben Jahren in seiner Vitrine bei minus 20 Grad eingekapselt wurde. "Das Paradoxe ist, dass man die Gefrierschränke ausschalten kann und das Leben sich von selbst wieder entfaltet", so Quinn. "Die Mikro-Organismen fangen an zu arbeiten."

Seine wohl aufwendigste Tiefkühlskulptur ist The Garden (2000), die im Auftrag der Fondazione Prada in Mailand entstand. Hierfür baute Quinn einen begehbaren Raum aus Stahl und Glas, der 25 Tonnen Silikon enthielt, in dem er einen Wald aus exotischen Gemüsesorten, tropischen Früchten und Pflanzen wie Bleiwurzgewächse und Bananenbäume konservierte, die so in der Natur niemals nebeneinander gedeihen würden. Die Spiegel, die hinter der Flora und Fauna platziert wurden, wiederholten das Schauspiel ins Endlose und klonten diesen perfekten Moment voller Blüte bildlich gesprochen für die Ewigkeit.



The Garden, 2000, © the artist
Courtesy Jay Jopling/White Cube (London)

Erst 2004 wurden diese Installationen in eine zweidimensionale Fassung gebracht – als Drucke, Gemälde und Fotografien, von denen auch eine Serie in der Sammlung Deutsche Bank vertreten ist. Auch bei diesen Bildern bleiben die Arbeitsprozesse technisch komplex. Für die Drucke, die allgemein unter dem Titel Winter Garden bekannt sind, verwendet Quinn besonders lichtbeständige Pigmente, die im Tintenstrahldruckverfahren auf Papier gebracht und dann mit mehreren Schichten Glanzfirnis versehen werden, "ich friere das Bild ein zweites Mal ein", erklärt der Künstler sein Verfahren.

Die meisten Kunstwerke stellen Formen des Stillstandes dar, oder sie lassen die Zeit einfrieren - sei dies eine malerisch auf die Leinwand gebannte Geste, ein vom Auslöser der Kamera festgehaltener Moment, die Videoaufnahme einer Performance oder eines vergangenen Ereignisses. Quinns gefrorene Skulpturen, Fotografien und Gemälde verdeutlichen die Unbeständigkeit von Kunst und Leben. Aber es gibt hier einen Unterschied zu einem Großteil der Gegenwartskunst. Bei Quinn ist der drohende Verfall nicht nur eine Angelegenheit für die Museumsrestauratoren der Zukunft, sondern integraler Bestandteil seiner Arbeit – viele seiner Werke haben sogar speziell eingebaute Selbstzerstörungsschalter mit der Kennzeichnung On/Off.


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