In dieser Ausgabe:
>> Makellos Weiß: Kunst und Winter
>> True North: Isaac Julien
>> Bis das Blut gefriert: Marc Quinn
>> Filz und Fett: Joseph Beuys

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Lucas, 2001, © the artist
Courtesy Jay Jopling/White Cube (London)

Während die Unausweichlichkeit des Todes selbst durch Minusgrade nicht in Schach gehalten werden kann, ist der übliche Weg das eigene Leben zu verlängern ein Kind zu bekommen, um auf diese Art durch einen Stellvertreter unsterblich zu werden. In Quinns neueren Werken bildet die Vaterschaft ein zentrales Thema. Den Anfang bildete ein Gipsmodell, das er drei Tage nach der Geburt seines Sohnes Lucas von ihm anfertigte und später aus der verflüssigten und gefrorenen Plazenta der Mutter nachgoss: "Hier geht es darum, wo die Mutter aufhört zu sein und das Baby beginnt." Für Chemical Life Support seine aktuelle Ausstellung bei White Cube fertigte er 2004 eine neue Skulptur von Lucas an, die er (in Anspielung auf Innocence/ Unschuld und Science/ Wissenschaft ) Innoscience betitelte. Auch wenn er nicht gefroren ist, wirkt der Kinderkörper kalt und leblos. In seiner Patina weist er Ähnlichkeiten zu The Complete Marbles auf, Quinns fortlaufender Serie von Marmor-Skulpturen, für die behinderte Menschen wie seine Freundin Alison Lapper Modell saßen. Die Skulptur besteht aus genau jenen Chemikalien, die Lucas am Leben gehalten haben, seitdem bei ihm schon als Säugling eine Milchallergie festgestellt wurde.


Innoscience, 2004, © the artist
Courtesy Jay Jopling/White Cube (London)

Die Materialien für die Skulptur entstammen einer Liste unterschiedlicher Milchersatzprodukte, die ihn während seiner Kinderzeit ernährten. Die Zutaten klingen wie aus einer chemischen Periodentafel: Pottasche, Citrat, Kalziumphosphat, Kupfersulfat, L-Tryptophan. Zu der neuen Serie gehört auch ein Porträt von Silvia Peretti, das ebenso kühl und still wirkt. Es verrät nichts über das Wüten jener anti-viralen Medikamente die durch ihren Körper strömen, um ihre HIV-Infektion zu bekämpfen. Eine dritte Arbeit bildet Carl Whittaker ab, einen Patienten der sich mehreren Organtransplantationen unterziehen musste. Sein bleicher Körper ist ebenfalls von Medikamenten abhängig, die eine Abstoßung der neuen Organe verhindern.

Diese verborgenen Mechanismen von lebenserhaltenden Chemikalien und Medikamenten regulieren unsere Körperbakterien, Nährstoffe und Gifte. Sie sind einer ebenso feinen Balance unterworfen wie die fortwährend blühenden Pflanzen oder der eingefrorene Plazenta-Kopf von Lucas, die von elektrischen Nabelschnüren abhängen, die ihren fragilen Status Quo erhalten.


Aus der Serie Garden 2, 2000
Sammlung Deutsche Bank

Ist Quinn ein Pessimist, wenn er andeutet, dass das Leben so flüchtig wie eine Eisskulptur und so fragil wie die brüchigen Stiele seiner gefrorenen Lilien ist? Als der Boom der Young British Artists auf seinem Höhepunkt war, produzierten Künstler wie Damien Hirst, die Chapman-Brüder, Sarah Lucas oder Richard Billingham unablässig Darstellungen von Tod, Gewalt und Elend. Quinns Werke hingegen, besonders The Garden waren von intensiver Schönheit und brachen mit dem Trend zu Untergang und Verderben. Das Konzept der Unsterblichkeit ist letztendlich ein optimistisches, auch wenn die Aussicht, seine letzte Ruhe für unzählige Jahre in einem Stickstoffbad zu finden, nicht gerade rosig ist. Quinns Werk ist lebensbejahend und alles andere als depressiv. Seine von Menschen und Pflanzen geklonten DNA-Porträts, die in Nährlösungen auf Petrischalen oder Reagenzgläsern präsentiert werden, erinnern uns zum Beispiel daran, dass das Geheimnis des Lebens in einigen Molekülen enthalten ist. Das wiederum legt den Keim für einen anderen Gedanken – wenn alle lebenden Organismen auf 99,9 % derselben DNA beruhen, dann kann es auch sein, das die Welt doch nicht so kalt ist, wie sie erscheint.

Übersetzung: Maria Morais




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