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Baukasten der Medien:
Die Fotoinszenierungen von Thomas Demand




Lichtung, 2003, ©Thomas Demand, VG Bild Kunst, Bonn
courtesy: Esther Schipper

Für seine großformatigen Fotografien baut Thomas Demand spektakuläre Orte oder politische Ereignisse aus Pappe und Papier nach. Damit ist er zu einem der international renommiertesten deutschen Künstler geworden. Das New Yorker MoMA widmet ihm im März eine große Retrospektive. Harald Fricke hat Demand, der mit geübtem Medienblick das kollektive Bildgedächtnis zerlegt, in seinem Berliner Atelier getroffen.


Thomas Demand
©Thomas Demand


Das letzte Modell steht noch im Atelier. Es ist ein Fenster, davor ein Raketenwerfer. In den siebziger Jahren wurden solche selbst gebastelten Sprengkörper von Terroristen benutzt. Nebenan hängt bereits das Ergebnis an der Wand: Eine großformatige Fotografie zeigt die präzise ausgeleuchtete Szene wie auf dem Filmset eines Action-Thrillers. Thomas Demand hat ganze Arbeit geleistet, denn dem Foto sieht man kaum an, dass die darauf versammelten Gegenstände allesamt aus Papier und Pappe angefertigt wurden. Spürbar bleibt dagegen, wie stark dieses Bild durch seine mediale Präsenz aufgeladen ist.

Demand geht es nicht mehr darum, die konkrete Bombe abzubilden, sondern um das prägende Bild, das man davon hat. Seine Arbeiten sind eine Reflektion auf jenen medialen Raum, der uns mit seinen Images umgibt: „Wenn ich eine Zeitung aufschlage, dann begegnet mir ein zweidimensionales Abbild von Realität, hinter diese Oberfläche gehe ich im Atelier zurück, indem ich den konkreten Gegenstand noch einmal rekonstruiere und am Ende wieder zum Foto mache.“

Mit solchen Bildern ist der 1964 in München geborene Künstler, der ursprünglich als Bildhauer an der Kunstakademie in Düsseldorf und am Londoner Goldsmith’s College studierte, zum international gefeierten Star geworden, dessen auf wenige Exemplare reduzierte Fotoauflagen sechsstellige Preise erzielen. Letztes Jahr hat er Deutschland auf der Biennale in Sao Paolo vertreten, während eine Übersicht seiner Fotos aus den vergangenen zehn Jahren im Kunsthaus Bregenz zu sehen war; in wenigen Wochen wird ihm das New Yorker Museum of Modern Art seine bislang umfangreichste Retrospektive widmen.



Büro, 1995, ©Thomas Demand, VG Bild Kunst, Bonn
courtesy: Esther Schipper



Studio, 2000, ©Thomas Demand, VG Bild Kunst, Bonn
courtesy: Esther Schipper

Ob Umkleidekabinen, Hochhäuser oder das Fernsehstudio, in dem Robert Lemkes Ratespiel "Was bin ich?" in den Siebzigerjahren aufgezeichnet wurde – Demand hat all diese Orte minutiös nachgebaut und fotografiert. Mal sieht man auf einem Foto wie Badezimmer (1997) das gekachelte Interieur jener Schweizer Hotelsuite, in der der CDU-Politiker Uwe Barschel ums Leben kam; dann wieder hat Demand für Scheune aus dem gleichen Jahr das Atelier von Jackson Pollock nachgebaut, das auf dem Foto aussieht, als wäre es ein dunkler Verschlag. Es sind immer wieder solche spektakulären Orte, die Demand in seinen Fotos rekonstruiert: Für Büro (1995) hat er eine ehemalige Stasi -Zentrale nach dem Sturm durch aufgebrachte DDR-Bürger nachgebaut und in einem 183,5 x 240 cm großen Foto festgehalten; und von dem Tunnel (1999), in dem Lady Diana in Paris starb, gibt es ein Video, das komplett in der künstlichen Pappkulisse gedreht wurde.


Fabrik, 1994, Sammlung Deutsche Bank


Die Konstruktion seiner skulpturalen Vorarbeiten vergleicht Demand mit einem Schachspiel, in dem komplizierte und einfache Züge innerhalb einer Partie wechseln. Dabei folgen sie der inneren Anlage seiner Arbeit, den Kontext von Bild zu Bild zu erweitern. „Zum Beispiel der Raketenwerfer , den hätte ich vor zehn Jahren nicht machen können. Nicht aus moralischen Gründen, sondern weil das Bild viel zu spekulativ gewesen wäre. Jetzt aber liegt es auf einer Linie mit anderen Arbeiten, für die ich mich mit den medialen Abbildungen von Ereignissen aus der Realität beschäftigt habe – ob die Badewanne von Uwe Barschel, das gestürmte Stasigebäude oder der Tunnel, in dem Prinzessin Diana verunglückt ist.“

Demand geht es um die Neubewertung einer Wirklichkeit, von der nur noch mediale Bilder existieren. Deshalb beruft er sich bei seinen Arbeiten stets auf Vorlagen aus Zeitungen oder dem Fernsehen. Der Kunsthistoriker Ralph Rugoff hat in diesem Zusammenhang von der Mehrdeutigkeit der Fotografien gesprochen, die bei Demand aus "seinem Modell des Bildermachens als Akt der Re-Präsentation erwächst" – darin eher "einer rhetorischen ‚Wiedergabe‘ von bereits existierender Information als bloßer Abbildung" folgend. Der Betrachter sieht bei ihm bekanntes Bildmaterial von Skandalen und politischen oder gesellschaftlichen Ereignissen, die längst zum visuellen Allgemeingut geworden sind. Indem Demand die Bilder jedoch auf wenige notwendige Details reduziert, entwickelt der Betrachter vor den allzu bekannten Medienimages eine ganz eigene Fantasie. Tatsächlich könnte man die Fotos auch als eine Abstraktion des Infotainment bezeichnen, zumindest wird die unentwegte Bilderflut bei Demand in kühlen und distanzierten Settings nachgebaut, die auf jeden Schock verzichten und stattdessen die kammerspielartige Enge der medialen Wirklichkeit zeigen.

Gewohnte Kriterien spielen aus dieser Perspektive keine Rolle mehr. Ob ein Motiv tolerierbar ist oder nur noch Schock und Skandale transportiert, ist für Demand weit weniger interessant als der Umstand, dass die Reportagefotografie allmählich ausstirbt. Nicht weil mittlerweile jeder fotografiert, sondern wegen der weit größeren Authentizität dieser oft zufälligen Aufnahmen von Hobbyfotografen oder gar Tätern: „Der Wahrheitsgehalt bei den Bildern eines Soldaten, der im Irak fotografiert, oder des Tsunami-Videos eines Thailand-Urlaubers ist doch inzwischen weit höher als bei einem James Nachtwey, der anlässlich der Attentate auf das World Trade Center Fotos von den Auslagen New Yorker Herren-Boutiquen macht, wo überall Staub auf den Hemden liegt. Diese Bilder sind ja schon fast zu kunstvoll, viel zu schön.“





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