In dieser Ausgabe:
>> Zwanzig Kapitel: Günther Uecker
>> Nancy Burson in der Deutschen Bank Wall Street

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One (Jesus, Mohammed, Buddha), 2004,
©Nancy Burson

Für One (2004) greift Burson auf ihre Morphing-Methode der achtziger Jahre zurück, nutzt sie jedoch auf ganz andere Weise: nicht als Instrument der Kritik, sondern als Vehikel eines neuen synkretischen Glaubens. Nicht zufällig erinnert One an frühchristliche Mandorlas – ovale Heiligenbilder – und Vera Icon-Darstellungen, deren Aura die Künstler bis in die Zeit der Renaissance beschäftigt hat. Die Physiognomien von Jesus, Buddha und Mohammed fließen in diesem „einen“ Gesicht zusammen, ein Gesicht überlagert das andere, so dass erstaunliche Ähnlichkeiten offenbart werden. Das Bild suggeriert, dass diese Gesichter ihre Welt in Bann geschlagen haben, weil ihnen eine gemeinsame DNA eingeschrieben ist, die Wunder und Frieden möglich macht. In diesem monumentalen synkretischen Glaubensbekenntnis zeigt Burson, wie sehr sie ihr Medium beherrscht. Ihre künstlerische Vision ist in einen Bereich vorgedrungen, in dem die genetische Schrift als transgene Form sichtbar wird. Durch die Personifikation eines verschlüsselten Codes wird die genmanipulierte Form mit dem Göttlichen gleichgesetzt.

Touch Without Touching (Heiler Serie), 2000,
©Nancy Burson


Damit sind wir bei The Human Face. In diesem Teil von Looking up schweben zwei gigantische Portraits im öffntlich zugänglichen Atrium des Bankgebäudes in der Wall Street. Einige mag es irritieren, dass das durchschnittliche menschliche Gesicht – wenn man alle DNA zugrunde legt, die zurzeit auf der Erde existiert – etwas asiatisch aussieht. Als Burson vor 22 Jahren Mankind kreierte, sah das Durchschnittsgesicht als Ergebnis der globalen DNA-Kalkulation noch deutlich chinesisch aus. In diesem früheren Werk zeigte sich die Künstlerin noch skeptisch gegenüber der Idee eines "typischen Menschen". In The Human Face dagegen schwelgt Burson in einem tranzendenten Humanismus. Das gleiche gilt für die Human Race Machine, eine interaktive Installation, deren Computerprogramme Burson zusammen mit ihrem Ex-Mann David Kramlich entwickelt hat. Mit dieser „Maschine“ lassen sich Alter, Geschlecht und Rasse im Bild des Betrachters beliebig verändern. In diesem Zusammenhang stellt Burson fest, dass die DNA aller Menschen zu 99,7% identisch ist – als ob sie damit den Rassismus und jedes Wertesystem, das auf Rasse oder Geschlecht basiert, auf der Müllhalde der Weltgeschichte entsorgen wollte. Bursons idealistische und hoffnungsvolle Elegie auf die Einheit der Menschheit lässt alle aktuellen Diskussionen über Multikulturalität und Diversity einfach hinter sich. Ihre Ideologie knüpft vielmehr an den New-Age-Universalismus Jungscher Prägung an.



Gary (Heiler Serie), 2000,
©Nancy Burson

Vielleicht gibt es ja doch universelle Wahrheiten? Truth, Bursons ätherische Installation in der Wall Street, ist der dritte Teil von Looking Up. Am besten wirkt die Arbeit im Schatten der Nachmittagssonne. Truth besteht aus drei verschiedenen Animationen einer Taubenfeder, die langsam hinter einer funkelnden Glasscheibe zu Boden fällt. In der Art, wie die Feder herunterschwebt, sich dreht und windet, huldigt sie dem Wunder den DNA, ihrer dynamischen und harmonischen Doppelhelix-Struktur. Sie fordert uns auf, in unserer Vorstellung den Frieden wiederherzustellen, den die abwesende Taube verkörpert – und so die Welt wieder als Einheit zu sehen. Robert Mahoney/ Mark Grünert

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