In dieser Ausgabe:
>> Bilder der Nacht
>> Weniger Techno, mehr Technik
>> Postkarte aus Japan
>> Kunst in der 2-Raum-Wohnung

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Trotzdem hat er nie die Verbindung zu seinen subkulturellen Wurzeln verloren. Sie haben ihn zu vielen seiner bekanntesten Fotografien inspiriert. Dabei zeichnet sich sein Stil dadurch aus, dass er scheinbar Schnappschüsse aufnimmt – Alltagsmotive, die seine Freunde, die Natur oder im Vorübergehen beobachtete Dinge und Situationen zeigen. Tillmans Fotografien aber besitzen durch ihre Aufmerksamkeit für subtile Details eine magische Qualität, die sich im Kopf des Betrachters festsetzt. Die simple Aufnahme eines Baums zum Beispiel, die von einem weniger begabten Künstler gemacht einfach nur banal wirken würde, bleibt einem noch lange im Bewusstsein, wenn man sie zum ersten Mal gesehen hat. Tillmans fotografiert auch weiterhin Strecken für Magazine, die er mit dem gleichen Ernst als passenden Rahmen für seine Kunst ansieht wie eine Museumswand. Es überrascht daher nicht, dass seine Arbeit im Berghain auftaucht – gerade in diesem Kontext lädt ihre Unverblümtheit zu Reflektionen über Geschlecht, biologische Notwendigkeiten und Zwänge ein und tritt vielleicht auch der Frauenverachtung einiger Gäste mit progressiver Offenheit entgegen.


Fensterarbeit von Marc Brandenburg im Möbel Olfe, Berlin, 2004
Fotos: Maria Morais

Marc Brandenburg ist vor allem für seine schwarzweißen Zeichnungen bekannt. Wie die Arbeiten Tillmans’ bezieht er sich auf alltägliche Erfahrungen, seinen Freundeskreis und die bewusstseinserweiternde Fremdartigkeit von Innenraumdetails und -objekten. In seinen Arbeiten beschäftigt sich Brandenburg auch oft mit rassischen und sexuellen Stereotypen. Eines seiner wichtigsten Stilmittel ist es, fotografische Negative als Ausgangspunkt für seine Zeichnungen zu verwenden und so eine Welt zu enthüllen, in der schwarz weiß und weiß schwarz ist. Seine Zeichnung Ohne Titel (1994) in der Sammlung Deutsche Bank wirft durch den Umriss einer magischen Hand den Blick auf glitzernde Discokugeln in einem Clubinterieur. Für das Berghain hat Brandenburg die Motive für das Cover des Januar-Flyers 2005 geliefert.


Marc Brandenburg, Januar-Flyer für das Berghain, 2005

Die Zeichnungen zeigen Menschen bei einer Anti-Nazi-Demonstration (Ohne Titel, 2004). Außer in Galerien, Museen und Sammlungen sieht man seine Arbeiten auch in der berühmt-berüchtigten Szenebar Möbel Olfe am Kottbusser Tor, einem gleichermaßen geliebten wie gehassten Brennpunkt in Berlin-Kreuzberg. Dieser Stadtteil erlebt gerade bei den Jungen und Kreativen ein lebhaftes Comeback, weil mehr als zehn Jahre rücksichtsloser Grundstückserschließungen und Gentrifizierung einigen Vierteln im Ostteil der Stadt langsam das Leben ausgesaugt haben. In der in einem heruntergekommenen Betonkomplex der Siebziger untergebrachten Bar hat Brandenburg ein Fenster mit Zeichnungen auf Klebefolien, die Freunde und Kultfiguren zeigen, bedeckt.



Damien Hirst, Biotin-Melamide, 1995
Sammlung Deutsche Bank

Um zu verstehen, was das Auftauchen von Werken mittlerweile etablierter Künstler in der Mitte ihrer Karriere in den Clubs genau bedeutet, muss man die Zeit etwas zurückdrehen. In den neunziger Jahren begann Berlin nicht nur, sich als neues dynamisches Zentrum für junge Gegenwartskunst zu etablieren. Die Stadt war auch berühmt für ihre Club- und Elektronik-Musik-Szene. Beide Szenen profitierten von der einzigartigen Situation nach dem Mauerfall, besonders von den günstigen Studio- und Galerieräumen und den unglaublichen Locations der Clubs – von illegalen Bars in besetzten Häusern oder in feuchten Kellern ausgebombter Häuser in der Friedrichstraße (etwas, was heute völlig unvorstellbar scheint) bis zu riesigen verlassenen Industriebauten irgendwo im Osten der Stadt.

Der derbe Humor und die raue Atmosphäre, die Berlin auszeichnen, sind historischen Ursprungs. Die permanente Konfrontation mit den physischen Narben und Überresten der schlimmsten und tödlichsten ideologischen Kämpfe des 20. Jahrhunderts sowie die Wiedervereinigung Deutschlands waren und bleiben wichtige Einflüsse auf die Kulturschaffenden der Stadt.


Amelie von Wulffen, Ohne Titel, 1998
Sammlung Deutsche Bank

In den frühen neunziger Jahren kamen Teile des progressivsten Kunstschaffens nicht in Galerien, sondern in Kollektiven und an alternativen Orten im ehemaligen Osten zum Vorschein, während die beste Musik nicht auf den großen Labels erschien, sondern von einem wachsenden und erfolgreichen Netzwerk kleiner unabhängiger Labels vertrieben wurde. Einige der führenden Figuren, die damals mehr oder weniger bereit waren, sich als Künstler zu begreifen, begegneten allem, was das Geschäft mit der Kunst anbetraf oder was nach Profi-Kunstwelt à la Köln und Düsseldorf aussah, äußerst skeptisch und kritisch. Ein Resultat davon war, dass von Künstlern betriebene Bars und -projekte florierten, Orte, an denen sich die Protagonisten der Club-, Musik- und Kunstszene regelmäßig miteinander mischten. Zum Beispiel im Elektro oder der Panasonic Bar, wo in den mittleren bis späten Neunzigern Videos von Daniel Pflumm und die Musik von DJs wie Mo oder Kotai für die Insider der Kunstszene liefen. Zu dieser Zeit war der Begriff „Crossover“ sehr en vogue und DJ-Pulte wurden zu immer beliebteren Bestandteilen von Kunstevents. Und ein guter Club, den man danach ansteuern konnte, war ein absolutes Muss.


Marc Brandenburg, Januar-Flyer für das Berghain, 2005

Diese Entwicklungen waren nicht allein auf Berlin beschränkt – man muss nur an die Arbeiten von Gerwald Rockenschaub denken, der gelegentlich Neo-Geo mit der kühl-minimalistischen Ästhetik, die in der Elektronik-Musik-Szene so beliebt ist, verbindet. Und sogar Damien Hirsts obsessive Darstellungen von Pillen und Drogen und auch seine Dot-Paintings wie Biotin-Maleimide (1995) sind nicht weit entfernt von den Wahrnehmungen und Stimulanzien des Nachtlebens. Berlin war aber der Ort, an dem dieses Phänomen direkter und extremer zu Tage trat als anderswo.



Carsten Nicolai, syn chron, 2005, Aussenansicht
Foto: Uwe Walter, Berlin

Viele Arbeiten und Künstler, die in der Sammlung Deutsche Bank repräsentiert sind, reflektieren diese Einflüsse und Diskussionen. Ein aktuelles Beispiel ist Carsten Nicolai. Sein Projekt syn.chron: Architektonische Körper als Interface: Raum. Licht: Ton. (2005) in der Neuen Nationalgalerie versuchte – wie in einem Club – eine Synthese aus Elektronischer Musik, Laserlicht und experimentellem Raum in Form eines Polygonals, das in der Mitte von Mies van der Rohes ikonografischem Gebäude platziert wurde. Alles in allem sind es aber die Menschen, die die Szenen ausmachen. So zu sehen auf den Zeichnungen Marc Brandenburgs, auf den neuen Gemälden von Frank Bauer in der Kunsthalle Bremen – eines zeigt geschäftige junge Männer an den Plattentellern eines DJ-Pults – und auch bei Amelie von Wulffen, deren Arbeiten sich durch ihre soziokulturell bewussten Erkundungen am Rande der Fotografie auszeichnen, wie etwa Ohne Titel (1998). Zufälligerweise zeigt diese Collage das viel geschmähte Sozialbauprojekt um das Kottbusser Tor. Ihre anderen Zeichnungen in der Sammlung Record Release Party (2001) und Frisuren Release Party (2002) beziehen sich ebenfalls auf die Schnittmenge von Kunst und Musik. Sie zeigen fragile soziale Gruppierungen, die an das Spannungsfeld zwischen der Idee der Gemeinschaft und der Individualität erinnern – die gleiche Art von Spannung, die aus einem guten einen großartigen Club macht.

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