In dieser Ausgabe:
>> Bilder der Nacht
>> Weniger Techno, mehr Technik
>> Postkarte aus Japan
>> Kunst in der 2-Raum-Wohnung

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"Kunst gibt mir Halt"


Zusammen sind sie die erfolgreiche Band 2raumwohnung – Inga Humpe und Tommi Eckert. Die beiden haben gerade ihre vierte CD „Melancholisch schön“ veröffentlicht. Kunst spielt für sie seit langem eine wichtige Rolle, Werke von Künstlern wie Raymond Pettibon oder Ed Ruscha inspirieren sie und ihre Musik. Brigitte Werneburg hat 2raumwohnung in Berlin getroffen und sich mit dem Paar über seine Sammlung und die Verbindungen zwischen Kunst und Musik unterhalten.
2raumwohnung, Inga Humpe bei der Recor Release Party zu "Melancholisch Schön" in Berlin, Juni 2005, Foto: Eva Maria Ocherbauer


Brigitte Werneburg: Sie sammeln Kunst, Fischli & Weiss, Stefan Hoderlein oder Bodo Vitus zum Beispiel. Was ist Ihr Motiv?

Inga Humpe: Wir sammeln, weil wir ein Interesse an den Kunstwerken haben, und sicher auch aus unserer Beziehung zu manchen Künstlern heraus. Stefan Hoderlein zum Beispiel kennen Tommi und ich seit vielen Jahren. Wir haben seine Arbeit begleitet, die ja auch immer etwas mit Musik zu tun hat. Seine Videos mit Ravern, Techno und Autofahrten sind die bekanntesten Arbeiten. Wir haben allerdings eine Leuchtkastenarbeit. Außerdem Werke von Gabriele Basch... und Raymond Pettibon habe ich vor vielen Jahren in Los Angeles persönlich besucht. Das war wohl 1988/89.

... da hat er noch Plattencovers gemacht?

IH: Damals schon nicht mehr. Trotzdem spielte die Musik eine Rolle. Auf diesem Wege habe ich auch Künstler wie Paul McCarthy oder Mike Kelley kennen gelernt, die ich mir aber nicht mehr leisten konnte. Die waren schon zu groß.

Offenbar interessieren Sie sich schon sehr lange für die Bildende Kunst, seit wenigstens zwanzig Jahren.

IH: Ja sicher, Anfang der achtziger Jahre, das war die Zeit der Jungen Wilden wie Kippenberger, Büttner, Oehlen, mit denen wir auf die gleichen Partys gingen. Das war eine Bewegung, die immer auch mit Musik zu tun hatte. Wichtig sind mir aber auch die Worte, ich mag Ed Ruscha oder auch Sigmar Polke.



Raymond Pettibon, Ohne Titel, 1998
Foto: Courtesy Contemporary Fine Arts, Berlin

Tommi Eckert: Es ist überhaupt dieser Aspekt der Kommunikation, den ich an der Bildenden Kunst sehr schätze. Das Reden darüber und der Austausch sind natürlich besonders intensiv bei den Arbeiten von Freunden. Da kennt man die Situation auch genauer. Aber es ist auch enorm wichtig für die Clubszene insgesamt. Wenn ein Videokünstler wie Daniel Pflumm mit ein paar Leuten zusammen eine Kneipe macht, gehen die Künstler und Galeristen nach den Vernissagen dorthin. Das ist schon ein neuer Aspekt, dass Piotr Nathan für die Panorama Bar im ehemaligen Ostgut dieses riesige Bild gemacht hat. Oder dass im alten Ostgut mit den Arbeiten von Wolfgang Tillmans wirklich international gültige Fotoarbeiten an der Wand hingen statt irgendwelcher Farbfetzen oder Werbeplakaten. Das ist eines Großstadtclubs würdig, und etwas spezielles, was andere Clubs nicht haben.

IH: Wir sind keine klassischen Sammler. Wenn wir Geld haben, kaufen wir Kunstwerke, manchmal auch, weil wir Künstler unterstützen wollen. Außerdem ist es angenehm, mit Kunstwerken zu leben. Zum Beispiel habe ich schon lange einen Druck von Albert Oehlen, den ich sehr liebe. Neue Politik heißt er, mit dem Spruch "Bitte hört auf, anderen Sachen zu verbieten und euch so supertoll dabei vorzukommen".

TE: Das gehört zu meinen Lieblingswerken. Es ist so universell anwendbar, und so humorvoll, wie das gemacht ist...



Peter Fischli und David Weiss, Ohne Titel, 1998/99
Foto: Courtesy Texte zur Kunst, Berlin

Neil Tennant von den Pet Shop Boys sitzt im Beirat der Tate-Gallery. Der österreichische Künstler Gerwald Rockenschaub ist nicht nur durch seine signethaften Bilder, sondern auch als Techno-DJ bekannt. Die Beziehungen zwischen Popmusik und Bildender Kunst sind über die Clubkultur hinaus eng geworden. Das Image, das jemand in der einen Sparte aufgebaut hat, wird auf die andere übertragen.

IH: Es gibt nichts Schlimmeres als ein Image in der Popmusik. Das ist ganz furchtbar, man könnte ja gleich sagen: "Bau mir ein Gefängnis. Bitte ein Image!" Das ist so vollkommen uninspirierend, ein Image zu pflegen. Wir arbeiten mit aller Kraft dagegen an, ein Image zu haben. Ich will mich aber auch nicht erheben mit Kunst. Man kann das ja teilweise beobachten, dass sich Leute über das Sammeln verbessern wollen, das interessiert mich überhaupt nicht.

Kommt es vor, dass Sie vor einem Bild stehen und daraus Musik machen möchten, weil es Sie so sehr anspricht?

IH: Bei Stefan Hoderlein ist das manchmal so. Trotzdem glaube ich nicht, dass es möglich ist, Kunst unmittelbar in Musik umzusetzen. Es geht eher um die Haltung, um bestimmte Aspekte. Das Bild von Juergen Teller zum Beispiel, auf dem er sein perfektes Arschloch präsentiert, vermittelt eine unglaubliche Haltung, an die man beim Musikmachen denken kann.

TE: Direkt umzusetzen, das gab es einmal bei dem Werk Wir erinnern uns nicht... Eigentlich war das ein reiner Zufall, es ging uns um bestimmte Seinszustände des Erinnerns, und so haben wir diese Zeile direkt als Zitat genommen.

IH: Im Studio haben wir einen Spruch von Nam June Paik hängen: "When too perfect, lieber Gott böse". Auch damit leben wir. Die Bildende Kunst wirkt wirklich sehr stark in unsere Musik hinein. Man spürt die gedankliche Arbeit, die zu so einer Reduktion führt, wie sie in einem solchen Spruch steckt, das hat sehr viel mit der Popmusik zu tun, die wir machen, und mit den Texten, die ich schreibe.


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