In dieser Ausgabe:
>> The VANITY of Allegory
>> Interview: Nan Goldin
>> Selbst ist der Blick
>> Alles gestehen: Gillian Wearing

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Das gespaltene Selbst
Douglas Gordons "The VANITY of Allegory" im Deutsche Guggenheim



Douglas Gordon, Staying Home, 2005
©Douglas Gordon, Foto: David Heald


Schädel, verwelkende Blumen, provozierende Gegenüberstellungen von Leben und Tod – Vanitas-Motive waren ein zentrales Element der Kunst des Barock. Vanitas – Eitelkeit oder Nichtigkeit – transportiert die christliche Vorstellung von der Vergänglichkeit allen Lebens. Douglas Gordon präsentiert mit "The VANITY of Allegory" ein fantastischen Gleichnis für die Kürze des Lebens – eine Installation, die zwischen Selbstinszenierung und morbidem Spiel mit der eigenen Sterblichkeit changiert. Katrin Wittneven stellt die faszinierenden Verwirrspiele des schottischen Kunststars vor.


Cerith Wyn Evans, TIX3, 1996
Courtesy Jap Jopling/White Cube, London, Foto: Stephen White

Anstelle eines Kataloges begleitet ein schwarzes Schatzkästchen aus Pappe die Ausstellung. Wie Ranken verknüpfen sich darauf weiße schwungvolle Linien, die gleichsam floral wie elektronisch animiert erscheinen. Sie bilden ein fragiles Muster, in dem sich der Name des Künstlers und der Ausstellungstitel verbergen: The VANITY of Allegory, die Eitelkeit, aber auch Nichtigkeit der Allegorie. Der 1966 geborene Douglas Gordon hat für seine Installation im Deutsche Guggenheim Berlin zusammen mit der Kuratorin Nancy Spector vom Guggenheim New York mehr als dreißig Kunstwerke von 13 Künstlern ausgewählt und sie mit eigenen Arbeiten kombiniert. Es sind vor allem verkappte Selbstbildnisse und -inszenierungen, künstlerische Vergewisserungen des Daseins, die gleichzeitig von der Vergänglichkeit der menschlichen Existenz erzählen wie von dem manchmal eitlen Bestreben, dieser zu entkommen.

Man Ray, Marcel Duchamp. Tonsured by de Zayas, 1919
©Man Ray Trust, Paris / VG Bild-Kunst, Bonn 2005,
Foto: Ellen Labenski


Gordons sehr persönliche Zusammenstellung beginnt mit Man Rays Fotografie Tonsure aus dem Jahr 1919 und reicht über Rebecca Horn, Robert Gober und Jeff Koons bis zu Matthew Barney und Cerith Wyn Evans. Doch einmal mehr belässt es Gordon nicht bei einem künstlerischen Metier, sondern verknüpft verschiedene Genres miteinander, indem er gleichzeitig ein Filmprogramm konzipierte. In dem eigens dafür eingerichteten, mit Spiegeln ausgekleideten Kino in der Ausstellung treffen unter anderem Peter Pan, Marlon Brando, John Wayne und der Droog Alex aus Stanley Kubricks Clockwork Orange aufeinander. Der collageartige Ansatz und zahlreiche Querverweise und Bezüge auch auf Gordons eigenes Werk lassen die Ausstellung zum facettenreichen, feinsinnig miteinander verwobenen Gesamtkunstwerk werden.

Robert Mapplethorpe, Selbstporträt, 1988


Im Innern des Katalogkästchens sind auf 49 Karten die Werke der Ausstellung abgebildet – wie bei einem geheimnisvollen Tarotspiel. Robert Mapplethorpe wird hier, auf einem 1988, ein Jahr vor seinem Tod, entstandenen Selbstporträt mit Totenkopfstock in der Hand, zum – im wahrsten Sinne – selbstbewussten Herold seines eigenen Sterbens. Andy Warhol ist mit einer Reihe seiner Anfang der Achtziger entstandenen „in Drag “-Polaroids dabei, für die er sich geschminkt und in Frauenkleidern in Szene setzte. Sie wirken wie Stellvertreter eines Künstlers, der sich selbst zum Markenzeichen stilisierte und sind gleichzeitig Momentaufnahmen tiefer Einsamkeit. Eines zeigt ihn ebenfalls mit einem Totenkopf, dem Inbegriff der barocken Vanitas-Symbolik, auf der Schulter, ein anderes mit knallroten Lippen und platinblonder Perücke.


Andy Warhol, In Drag Polaroids, 1981

Douglas Gordon ist in ganz ähnlicher Pose auf einer anderen Karte zu sehen, auch auf einem Polaroid mit windschiefer billig-blonder Perücke, übermüdet, unrasiert - und most sexy. Selfportrait as Kurt Cobain, as Andy Warhol, as Myra Hindley, as Marilyn Monroe lautet der Titel des 1996 zufällig entstandenen Fotos, das für Furore sorgte, nachdem der frisch gekürte Turner-Preisträger es als Pressebild an die Medien verteilte. Anstoß erregte es dabei nicht nur weil Cobain und Monroe zwar Heroen waren, die trotz oder – gerade wegen – ihres Ruhms ein tragisches Ende nahmen, sondern vor allem weil Myra Hindley seit den sechziger Jahren Englands bekannteste Kindermörderin war und auch Jahrzehnte nach ihrer Inhaftierung die Öffentlichkeit mit Gnadengesuchen polarisierte. "Ich bin viele" scheint dieses Bild zu sagen – meine eigene Selbstdarstellung und Maskerade und gleichzeitig die Distanzierung davon.


Douglas Gordon, Going Out, 2005
©Douglas Gordon, Foto: David Heald

Derlei Verwirrspiele um Identität und Inszenierung und die Dualität von Gut und Böse, von Dunkelheit und Licht, Schwarz und Weiß ziehen sich wie ein roter Faden durch das Werk Gordons: In anderen Selbstporträts zeichnete er sich Teufelshörner an oder verzerrte sein Gesicht mit Klebestreifen zum Monströsen. In der 1996 entstandenen Videoinstallation The divided Self (Das gespaltene Ich) sieht der Betrachter auf zwei Monitoren einen behaarten und einen glattrasierten Arm miteinander ringen – die beide zum Künstler gehören. Es gibt Installationen, die sich auf Filme wie Der Exorzist , Dr. Jekyll and Mr. Hyde und Das Lied von Bernadette beziehen und eine Fotoserie von Tätowierungen, für die er einen Zeigefinger wie ein Stigma schwarz tätowieren ließ. Dabei sind die Grenzen zwischen seinem künstlerischen Werk und seiner eigenen Person fließend: Für sein Katalogbuch zur Ausstellung in der Hannoveranischen Kestner Gesellschaft tarnte er einen autobiographischen Text mit der Unterzeile "Von einem Freund", und obwohl der Künstler die Worte "Trust me" (Vertraue mir) auf den linken Arm tätowiert hat, sollte man nicht alles glauben, was dort steht.

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