In dieser Ausgabe:
>> The VANITY of Allegory
>> Interview: Nan Goldin
>> Selbst ist der Blick
>> Alles gestehen: Gillian Wearing

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Homage to the woman with the bandaged face
who I saw yesterday down Walworth Road, 1995
©Gillian Wearing, Courtesy Maureen Paley, London

In Sixty Minute Silence tritt die Vorgehensweise offen zutage. Eine frühere siebenminütige Videoarbeit mit dem Titel Homage to the woman with the bandaged face who I saw yesterday down Walworth Road (1995) bleibt hingegen eher undurchschaubar. In diesem Video sehen wir Wearing eine Straße Südlondons entlanglaufen. Ihr Gesicht ist mit dicken weißen Bandagen umwickelt, mit kleinen Schlitzen für Augen und Mund. Der Film verweist auf einen doppelten Voyeurismus. Die Passanten mögen Wearing zwar anstarren, doch zugleich bieten ihr die Bandagen Schutz und ermöglichen es ihr, selbst zurück zu starren. Dieses Privileg gestehen sich im normalen Leben nur wenige Menschen zu.


aus: Signs that say what you want them to say
and not signs that someone else wants you to say, 1992-93
©Gillian Wearing, Courtesy Maureen Paley, London

Wenn Wearings Arbeiten lediglich suggerieren würden, dass der Prozess der Enthüllung nur durch den Einsatz von Masken und Verkleidungen in Gang gesetzt wird, wäre das keine neue Idee. Das Bedürfnis zum anonymen Geständnis ist Bestandteil unserer Kultur – von der katholischen Beichte bis zu Daily Talks oder Enthüllungsromanen. Aber selbst Wearing war davon überrascht, wie stark das Verlangen, das Unaussprechliche auszusprechen, wirklich ist. Natürlich kann das Unaussprechlich auch banal sein. Jede der Personen auf den 600 Fotografien der Serie Signs that say what you want them to say and not signs that someone else wants you to say (1992-93) hält ein Stück Papier hoch, auf dem Dinge geschrieben stehen wie: "Ich liebe den Regents Park" oder "Ich habe darüber nachgedacht, ein Gigolo zu werden, aber ich habe Bedenken wegen der gesundheitlichen Risiken". Doch es gibt immer jemand anderen mit einer extremeren Botschaft. Wie reagieren wir auf einen Fremden, der uns mitteilt "Ich bin verzweifelt" oder einen Obdachlosen mit dem Schild "Komm zurück Mary. Ich liebe dich. Bitte komm zurück". Sie repräsentieren den schrecklichsten Aspekt menschlicher Vergänglichkeit: die Erkenntnis, dass das Leben mit seinen vielen Verlusten und Ängsten unerträglich sein kann – und oft auch ist.

Es ist diese unerträgliche Wahrheit, die Wearings Werk immer wieder offen legt, und in all ihren emotionalen Facetten wiedergibt. Gerade weil die Verwundbarkeit, die mit Geheimnissen einhergeht, so stark ist, kommt Wearing immer wieder auf dieses Thema zurück. Wearing machte 1994 ein dreißigminütiges Video mit dem sonderbaren Titel Confess all on video. Don’t worry, you will be in disguise. Intrigued? Call Gillian . "Confess all… unterschied sich von Beichten in religiösem Kontext. Die Leute meinten, sie müssten einfach irgendwas gestehen, deshalb könnten sie auch etwas erfinden", erzählt Wearing der Kuratorin Donna De Salvo 1999. "Sie wollten alle Masken tragen, keiner von ihnen war bereit, sich zu erkennen zu geben. Die Leute wollten ihre Gefühle öffentlich enthüllen – allerdings unerkannt."

aus: Signs that say what you want them to say and
not signs that someone else wants you to say, 1992-93
©Gillian Wearing, Courtesy Maureen Paley, London




Sie gestehen alles Mögliche – von kleinen Rachefeldzügen bis hin zu sexuellen Fantasien. Die Sprecher tragen dabei primitive Verkleidungen wie schäbige Perücken oder Latexmasken mit den Gesichtern berühmter Politiker. Es ist es offensichtlich, dass Wearings Video auch mit schwarzem Humor spielt.


Eine ähnliche Taktik wendete sie in 2 into 1 (1997) an. Dafür filmte Wearing in zwei getrennten Sitzungen eine junge, müde, allein erziehende Mutter und ihre Zwillingssöhne, wobei beide Parteien kritisch übereinander reden. In ihrer Arbeit vertauscht Wearing die beiden Tonspuren. Mit unheimlicher Präzision kommen die Worte der Mutter lippensynchron aus den Mündern ihrer Söhne und umgekehrt.

Confess all on video. Don't worry, you will be in disguise.
Intrigued? Call Gillian, 1994
©Gillian Wearing, Courtesy Maureen Paley, London


Es ist kaum möglich, von 2 into 1 nicht schockiert zu sein. Die Arbeit bricht radikal mit der verbreiteten Vorstellung, dass Kinder von den Spannungen zwischen Erwachsenen nichts mitbekommen und dass Erwachsene dafür leben, ihren Nachwuchs zu umsorgen. Der Film funktioniert deshalb so gut, weil er die Ambivalenz, die allen Beziehungen zu Grunde liegt, vor Augen führt. Mit anderen Worten: Liebe und Hass liegen dicht beieinander.

Schon 1997 äußerte sich Martin Maloney sehr positiv über die Arbeiten der jungen Künstlerin. "In Gillian Wearings Welt scheint jeder ein Freak zu sein." Das emotional aufgeladene Wort "Freak", wurde von ihm ganz provokant gewählt, denn in ihm hallen die Vorwürfe nach, die man einst Diane Arbus für die Schonungslosigkeit ihrer Porträtfotos gemacht hat. Gelegentlich wurde Wearing auch die dokumentarische Neutralität vorgeworfen, mit der sie sich ihren Subjekten nähert. Wenn Wearing wirklich ein Interesse an Absonderlichkeiten hat, dann vielleicht, weil sich in diesen Abweichungen von der Norm essentielles Unbehagen und Leid heraus kristallisieren. Genau das enthüllen ihre Arbeiten. Es ist eben dieses verwirrende Geflecht von Mitgefühl und Spannung, das ihr Werk auszeichnet. Gleichgültig sind Wearing die Menschen vor Ihrer Kamera dabei aber nie.



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