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Das Spiegelbild von Dorian Gray
Douglas Gordon über Eitelkeit, Tod und Wachsfiguren




Ausstellungsansicht
Foto: Eva Maria Ocherbauer

Selbstinszenierung, Identitäten und Vergänglichkeit: In "The VANITY of Allegory" kombiniert Douglas Gordon im Deutsche Guggenheim eigene Arbeiten, Werke anderer Künstler von Man Ray bis Jeff Koons und Filme zwischen Hollywood und Underground. Ulrich Clewing hat den schottischen Turner-Preisträger kurz vor der Ausstellungseröffnung in Berlin getroffen.

Ein Besprechungszimmer im vierten Stock des Deutsche Bank-Gebäudes Unter den Linden. Douglas Gordon kommt gerade aus der Ausstellungshalle, wo er eigentlich mit dem Aufbau beschäftigt ist. Er wirkt leicht übernächtig, vielleicht hat ihn die Zugfahrt von Paris nach Berlin gestern Nacht etwas angestrengt, bei der er nicht viel Schlaf abbekommen zu haben scheint. Doch dann ist er auf einmal hochkonzentriert, erstens redet er gerne und zweitens machen ihm Interviews offenbar Spaß.



Douglas Gordon, Confessions of a Justified Sinner, 1995-96, Videoinstallation

Ulrich Clewing: Mister Gordon, in Ihrer Arbeit spielen Sie gerne mit unterschiedlichen Identitäten. So sind Sie in Ihren E-Mail Korrespondenzen in die Rolle von Robert Wringhim, der Hauptfigur von James Hoggs Roman The Private Memoirs and Confessions of a Justified Sinner geschlüpft. Der Titel des Buches war zugleich der Titel Ihrer Videoinstallation "Confessions of a Justified Sinner". Wenn wir heute den Geist von Douglas Gordon beschwören wollten, in welcher Inkarnation würden Sie erscheinen?

Douglas Gordon: Komisch, dass Sie mich das fragen. Gerade letzte Nacht reiste ich im Zug von Paris nach Berlin. Es war richtig lustig, weil es mich an meine Jugend erinnerte und an diese Vorstellung, dass man für die Menschen, die man auf Reisen trifft, alles Mögliche, jede beliebige Person sein kann. Bis gestern Nacht hatte ich vergessen, dass im Sommer durch Europa zu reisen einem Wanderzirkus gleicht – man trifft die merkwürdigsten Menschen. Für mich endete die Nacht im Speisewagen. Dort saß ich dann mit einem afrikanisch-französischen Filmemacher, zwei pakistanischen Innenarchitekten, einem DJ aus Nordfrankreich, einem Anthropologen aus dem Mittleren Westen und fünf oder sechs anderen Amerikanern aus Santa Cruz. Und jeder erzählte dem anderen, was er so macht. Natürlich hatte ich dabei im Hinterkopf, dass jeder genauso gut auch hätte schwindeln können.



Ausstellungsansicht
Foto: Eva Maria Ocherbauer

Und was haben Sie erzählt?

Die Wahrheit natürlich: "Mein Name ist Robert Wringhim…." Ich glaube, die kommen alle am Freitag zur Ausstellungseröffnung. Mal sehen, wer so aufkreuzt.

Wir leben in einer sehr gradlinigen weltlichen Kultur. Warum sollte man sich heute noch Gedanken um Allegorien machen?

Wahrscheinlich bietet die Gegenwart kaum Raum für Allegorien. Auf der anderen Seite gehen in London Bomben hoch, auf der ganzen Welt herrscht Krieg. Vielleicht ist es gerade jetzt besonders notwendig, den Begriff der Metapher neu zu überdenken.



Proposal for a Posthumous Portrait, 2004 Foto: David Heald,
©Collection Sean and Mary Kelly, New York

Ihre Arbeit "Proposal for a Posthumous Portrait" (2004) wirkt ziemlich morbid. Sie zeigt einen mit Schnitzereien verzierten Schädel in einem kleinen Spiegelkabinett. Zugleich verweist das Werk auf ein klassisches Vanitas-Motiv des Barock. Was fasziniert Sie so an der Vergänglichkeit des menschlichen Daseins?

Wenn Sie denken, das wäre morbid, dann sollten Sie erst einmal einige der anderen Sachen sehen. (Lacht) Proposal for a Posthumous Portrait bezieht sich aber nicht nur auf Vanitas, sondern auch auf Marcel Duchamp. Die Maße des in den Schädel geschnitzten Sterns entsprechen genau den Maßen des Sterns, den Duchamp auf Man Rays Fotografie auf seinem Hinterkopf ausrasiert hat. Es gibt da eine andere Arbeit, die nicht in der Ausstellung gezeigt wird. Wir haben darüber diskutiert, aber dann wäre es eine andere Ausstellung geworden. Die Idee ist, dass ich mir für jedes meiner Lebensjahre einen echten Schädel kaufe – also insgesamt 38. In jeden dieser Schädel werden wie bei einem chirurgischen Eingriff kleine sternförmige Löcher gebohrt, in den ersten eins, in den zweiten zwei, und so weiter. Wenn ich dann fünfzig bin, wird dass mit den vielen Löchern eine ziemlich schwierige Angelegenheit. Stellen sie sich vor, wenn ich ein alter gebrechlicher Mann bin, dann ist mein kleines Geburtstagsgeschenk an mich ebenfalls extrem zerbrechlich. Man kann also sagen, dass mein Versuch den Tod zu bekämpfen, etwas sehr eitles hat.

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