In dieser Ausgabe:
>> Jeff Koons: Interview
>> Eine Welt voller Multiples: Richard Prince
>> The Art of Shopping
>> Malen bei 150 BPM: Michel Majerus

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Diese Frage, die schon jeden von Walter Benjamin bis Andy Warhol beschäftigt hat, charakterisiert den überwiegenden Teil von Prince’ Werk. Und es ist dieser Teil, den er kontinuierlich weiterarbeitet. Seine Technik beruht darauf, Images, die andere Leute produziert haben, dadurch zu reproduzieren, dass er sie abfotografiert. Dass er jetzt, wie bei All the Best, Bilder verwendet, die andere Leute zeigen, ist eine logische Konsequenz seiner Strategie. Das bedeutet nicht, dass Prince einfach nur Warhol wiederholt – das macht er nicht. Seine Arbeiten geben eine Ahnung von dem, was Warhol sorgfältig zu verbergen gesucht hat, die persönliche Beteiligung – sei es in seiner Autogramm-Serie oder Einzelwerken wie Spiritual America (1983). Das orangefarbene Bild der nackten, vorpubertären Brooke Shields, ist so heiß, dass es das Fotopapier, auf dem es gedruckt ist, fast verbrennt. Besonders dieses Bild steuert die unbehaglichen Randgebiete des Verlangens an: Wer will hier was? Und ist dieses Verlangen zulässig?



Richard Prince, Untitled (Cowboys), 1997 Edition of 2 + 1 AP
©Richard Prince

Ganz bewusst bezieht sich die Pop Art von Richard Prince auf die Diskurse um " die Gesellschaft des Spektakels", die in den Achtzigern von Theoretikern wie Jean Baudrillard, Guy Debord oder Umberto Eco beschrieben wurde. Hierin gleicht er vielen Vertretern seiner Künstlergeneration, wie etwa Barbara Kruger oder Cindy Sherman. Man denke nur an Krugers Ausstellung The Display of Advertising, Slogans and Interventions im New Yorker Kitchen, Jenny Holzers Leuchtschriftbänder oder die unzähligen, ausgeklügelt inszenierten Persönlichkeiten, als die sich Cindy Sherman auf ihren Selbstportraits abbildete. Anders als in den Arbeiten seiner Zeitgenossen findet sich bei ihm jedoch eine unübersehbare, persönliche Handschrift. Prince mag sich die geschliffene Ästhetik und visuelle Kraft seiner Originalvorlagen aneignen, doch aus ihrem ursprünglichen Zusammenhang gelöst gewinnen sie eine neue Eigendynamik. So basiert die von Prince in den frühen Neunzigern begonnene Cowboy-Serie auf Images von raubeinigen Rodeo-Männern, die auf Pferderücken ihre Lassos schwingen. Dies ist das Big Country, das die Zigatettenmarke Marlboro so aufwendig für ihre Werbekampagnen in Szene setzt – oder auch nicht. Denn in Wirklichkeit handelt es sich hier um einen fiktiven Ort, der sich von seiner eigenen, frei erfundenen Geschichte gelöst und verselbstständigt hat. Prince hat das Konsumobjekt, um das es hier eigentlich geht, ausgeblendet und der Szenerie dabei etwas Seltsames und Merkwürdiges verliehen.



Richard Prince Window Installation -
3 Lives & Company Bookstore, New York 1979
©Richard Prince

Princes enorme Kenntnis über die Verbindungen zwischen Sehnsucht und Konsumkultur, Identität und Phantasie beruht vielleicht auf Aktivitäten, die seine Arbeit am Rande begleiten. Seine Kunst ist stark von seiner persönlichen Sammeltätigkeit geprägt. Comics, Witzbände, Schundromane oder verschiedene Ausgaben von Nabakovs erotischem Skandalroman Lolita bilden einen Grundstock seiner Sammlung, und bereits häufig verwandelte Prince seine Interessen in Kunst. In seinen Katalogen finden sich Bücherlisten und im Laufe der Jahre sind diverse Installationen entstanden, in denen Prince Aufnahmen von vorgefundenen Motiven neben vollen Bücherregalen positioniert. Hierbei überschneiden sich seine Themen gelegentlich: Eines seiner Fotos aus der Untitled (publicity) Serie von 2000 zeigt ein GQ-Cover mit dem Teen-Tennisstar Anna Kournikova, die Titelzeile lautet "Don’t call me Lolita".

Es ist die Dynamik des Sammelns, die Prince besonders fasziniert: In Bringing It All Back Home, einem Text den der Künstler 1988 für das Kunstmagazin Art in America verfasste, spricht er über seinen Antrieb zur Bücherjagd:

"Einige Leute, die Bücher sammeln, wollen eine Ausgabe mit der Originalsignatur des Autors, vielleicht mit einer Widmung oder dem Ausschnitt einer Vorab-Besprechung, die der Verleger hineingelegt hat.

Richard Prince, Katie Holmes, aus "all the best", 2000
Sammlung Deutsche Bank
(c)Richard Prince


Richard Prince, Denise Richards, aus "all the best",2000
Sammlung Deutsche Bank
(c)Richard Prince

Einige wollen Luxusausgaben mit marmorierten Einbänden oder Lederumschläge mit Prägedruck. Vielleicht wollen sie Ansichtsexemplare, die noch verschiedene Titelangaben enthalten. Ich weiß auch nicht, es gibt immer wieder neue Bedürfnisse, etwas Anderes, das man unbedingt haben muss: unkorrigierte Fahnen, spiralgebundene Fahnen, Druckfahnen mit Fußnoten, Manuskripte, Briefe, Briefe in denen die Autoren ihre Intentionen erläutern. Ich will die beste Ausgabe. Die einzige Ausgabe. Die teuerste Ausgabe."


Richard Prince, Untitled (Kool-Aid),1983 Edition of 2 + 1 AP
(c)Richard Prince


Dieses Geständnis ist ziemlich aufschlussreich. Denn es verrät etwas von der endlosen Suche nach einer Befriedigung, die zugleich immer unerreichbar bleibt. Während Princes Textpassage die Natur des Konsumdenkens eindringlich verdeutlicht, erspart sie uns das unausweichliche Finale dieses Zustands. Für diejenigen, die nicht willens sind, sich vorzustellen, was auf uns zukommt, hat der Kurator des italienischen Pavillons auf der Biennale in Venedig 2003 ein deutliches Anschauungsbild gefunden: Einem der kernigen Cowboys von Richard Prince stellt er ein ernüchterndes Pferd gegenüber – eine Skulptur, die die belgische Künstlerin Berlinde de Bruyckere aus echtem Fell angefertigt hat. Auf die Hinterbeine gesunken, kurz vor dem Zusammenbrechen, dem Tode nahe, wird es für diese bemitleidenswerte Kreatur keine Abenteuer im Marlboro–Land mehr geben. Zusammen zeugen diese Kunstwerke von dem Kollaps eines Traumes, von dem erschöpften Ende der Phantasie.

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