In dieser Ausgabe:
>> Jeff Koons: Interview
>> Eine Welt voller Multiples: Richard Prince
>> The Art of Shopping
>> Malen bei 150 BPM: Michel Majerus

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The Art of Shopping


I shop therefore I am, nur wer einkauft existiert – so knapp bringt es die New Yorker Künstlerin Barbara Kruger auf den Punkt. Konsum schafft Identität. Denn die Werbung sorgt dafür, dass die Produkte auch ein Image transportieren. Der verführerische Glanz der Warenwelt und die Inszenierungen der Werbung fordern die Kunst heraus. Achim Drucks über den Blick der Künstler auf die Verlockungen der Konsumgesellschaft.



Jeff Koons, Lips, 2000,
Sammlung Deutsche Bank, ©Jeff Koons

Fast scheint es als sei man geradewegs in einer ebenso glamourösen wie gefährlichen Traumwelt gelandet: Gierig schnappen lasziv geöffnete Lippen nach prallgelben Maiskörnern. Saft-Fontänen und Haarsträhnen winden sich wie Schlingpflanzen in einen strahlend blauen Himmel. Fressen und gefressen werden – aus diesem surrealen Konsumkosmos gibt es kein Entkommen. Mit seiner Serie Easyfun-Ethereal, die 2000 im Deutsche Guggenheim zu sehen war, attackiert der Amerikaner Jeff Koons sein Publikum mit ins Monströse mutierten Details der Hochglanzoberflächen der Werbung. Waren und Körper zerlegt er in Fragmente – Fetisch und verlockendes Produkt zugleich.



Stuart Davis, Odol, 1924,
Museum of Modern Art, New York
Vermächtnis Mary Sisler (durch Tausch)
und Ankauf, ©VG Bild-Kunst, Bonn 2005

So entfernt Koons bizarrer Pop-Planet erscheinen mag – er zeugt zugleich von Tradition: Mit den Phänomenen der Massenkultur und den Inszenierungen der Werbung, die noch dem profansten Artikel durch Ästhetisierung eine besondere Aura zu verleihen versucht, setzen sich die Künstler nicht erst seit der Pop Art auseinander. Bereits 1898 zeigt Felix Vallotton auf Le Bon Marché sich drängelnde Kunden und üppige Auslagen des gleichnamigen Pariser Kaufhauses.

Um die Vielzahl der visuellen Eindrücke festzuhalten, wählt der Post-Impressionist für sein Gemälde dieser "Kathedrale des Kommerzes" (Emile Zola) die für Altarbilder typische Form eines Triptychons. In den zwanziger Jahren huldigt Stuart Davis, ein Maler der American Scene, dem modernistisch-kühlen Design von Alltagsprodukten wie Odol oder Lucky Strike . Ende der Fünfziger hängen die makellosen Oberflächen der Reklamen aber schon in Fetzen: Raymond Hains oder Mimmo Rotella schaffen mit ihren Decollagen, Abrissen von Werbeplakaten, Vanitassymbole der Konsumgesellschaft.


Mimmo Rotella, Marilyn, 1963,
©VG Bild-Kunst, Bonn 2005


Die Auseinandersetzung der Künstler mit der Welt des Konsums oszilliert zwischen Feiern und Verdammen, Affirmation und Kritik. Dabei bedient sich die Kunst auch bei den Mitteln der Werbung wie Slogans, Logos oder ihren Strategien der Verführung – um Aufmerksamkeit zu erregen und ihre Botschaften zu transportieren. Und genauso vereinnahmen Werbung und brands die zum Image mutierte Aura der Kunst.



Silvie Fleury, Ohne Titel, aus der Serie "Happy Clinique", 1998,
Sammlung Deutsche Bank, ©the artist

In ihren Ausstellungen präsentiert die Schweizerin Sylvie Fleury in den Neunzigern Trophäen ihrer Shopping-Touren. Kunstproduktion per Kreditkarte: Designer-Schuhe verwandelt Fleury in "feminine Readymades". Ihr Werk pendelt zwischen oberflächlichem Spiel mit der Aura von High-Class-Produkten und subversivem Kommentar zur Konstruktion von Weiblichkeit durch Mode und Make-up. Überhaupt ist die Modeindustrie ein Motor für die Gegenwartskunst – der Prada Flagship Store in Tokio erinnert eher an eine kristalline Skulptur als an ein profanes Geschäft und wurde von Herzog & de Meuron entworfen, den Architekten der Tate Modern. Die minimalistische Ästhetik der Prada-Displays wird in den Fotografien von Andreas Gursky verewigt, während Miuccia Prada in ihrer Fondazione unbequeme Künstler wie Andreas Slominski ausstellt.

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