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Malen bei 150 Beats per Minute:
Michel Majerus



Nike-Turnschuhe treffen auf Baselitz-Zitate, Slogans und Logos auf Figuren aus Computerspielen – Michel Majerus übertrug die Methode des Samplings aus der Techno-Szene auf die Malerei. Auf seinen großformatigen Arbeiten ließ er die visuellen Codes der Massenkultur aufeinanderprallen. In nur wenigen Jahren schuf der Luxemburger Künstler ein beeindruckend vitales Werk zwischen Gemälde und Installation, das jetzt europaweit in umfangreichen Retrospektiven präsentiert wird. Harald Fricke über Majerus’ dynamischen Mix aus Kunst, Konsum und Entertainment.


Performance mit Hundemasken, 11.6.1992
in der Installation von Joseph Kosuth, documenta 9, Kassel, (c)Nachlass Michel Majerus, Courtesy neugerriemschneider, Berlin


Sein Auftritt dauerte eine Stunde und blieb von den meisten Besuchern der documenta IX unbemerkt. Im Saal mit Arbeiten seines damaligen Lehrers Joseph Kosuth hatte sich Michel Majerus eine Hundemaske aufgesetzt, war zur Eröffnung am 11. Juni 1992 stumm zwischen den Exponaten hin und hergewandert und hatte dem zögernden Preview-Publikum ebenfalls solche Masken angeboten. Immer wieder war Majerus an den schwarzen und weißen Texttafeln mit Zitaten Walter Benjamins vorbeigeschlendert, mit denen der US-Konzeptkünstler Kosuth seine Beziehung zum deutschen Philosophen reflektierte. So war der Raum vor allem Benjamins Passagen-Werk gewidmet, jener im Pariser Exil entstandenen Zettelsammlung, die das Leben, die Künste, die Politik und den Alltag in der "Hauptstadt des 19. Jahrhunderts" dokumentieren sollte.



Ohne Titel, 2000, Sammlung Deutsche Bank, (c)Nachlass Michel Majerus, Courtesy neugerriemenschneider.

Für Benjamin galt Paris als der Ort, an dem der Kapitalismus in Kultur aufgegangen war. Nicht ohne Folgen, denn vom technischen Fortschritt bis hin zur Begeisterung für Luxusgüter in den ultramodernen Kaufhäusern sah Benjamin nur die Hölle einer ewigen Wiederkunft, "in der das Gesicht der Welt gerade in dem, was das Neueste ist, sich nie verändert". Es war genau diese Kritik der Moderne, die Kosuth mit seiner Arbeit in Kassel fortführen wollte. Die Performance von Majerus zielte jedoch auf eine gänzlich andere Pointe ab: Hatte er nicht zwischen den dekorativ in Szene gesetzten Sentenzen die Rolle eines maskierten Flaneurs angenommen? Und hatte er damit nicht auch – durchaus im Sinne Benjamins – den Bogen zwischen Warenkult und kulturell verbrämtem Konsumerismus, zwischen Schaufensterbummel und Kunstparcours geschlagen?



Controlling the Moonlight Maze, 2002,
Installationsansicht: neugerriemschneider, Berlin, 2002, Foto: Jens Ziehe, Berlin
(c)Nachlass Michel Majerus, courtesy neugerriemschneider, Berlin

Der ironische und sehr postmoderne Umgang mit den Insignien von High und Low hat das Werk von Michel Majerus geprägt. Der documenta-Auftritt blieb dabei allerdings eine Ausnahme. Schon bald wurden die raumgreifenden Installationen aus Gemälden und bühnenartigen Settings zum Markenzeichen des jungen Luxemburger Künstlers, der im November 2002 nur 33-jährig bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kam. Im Kern behielt Majerus allerdings immer eine distanzierte Haltung gegenüber den Bildfindungsprozessen der Kunst bei: Er glaubte nicht an die Unmittelbarkeit von Malerei, wohl aber an ein System aus Codes und Verweisen, die sich bewusst kombinieren und malerisch ausgestalten lassen.



Controlling the Moonlight Maze, 2002, Installationsansicht: neugerriemschneider, Berlin, 2002, Foto: Jens Ziehe, Berlin
(c)Nachlass Michel Majerus, courtesy neugerriemschneider, Berlin

Dass sich hinter dieser Minimalvorgabe eine präzise Ordnung verbarg, wird jetzt anhand mehrerer Ausstellungen in Graz, Amsterdam, Hamburg und Hannover sichtbar, mit denen Majerus als "herausragende Persönlichkeit der Kunst der letzten Jahre" posthum gewürdigt wird, wie es im Vorwort des gemeinsamen Katalogs heißt. Für den österreichischen Kurator Peter Pakesch waren Majerus‘ Arbeiten "der Sprung einer neuen Generation aus der totalen Bildermedienwelt, der es möglich machte, die Welten von Comics, Computerspielen mit der Trivialität von Logos sowie mit der Irritation kunsthistorischer Zitate zu vermischen und damit zuvor abstrakt gedachte Bildräume anzufüllen, in realiter belebte Räume daraus entstehen zu lassen, irgendwo zwischen Pop und Virtualität". Veit Loers, der zuletzt für Kunstankäufe der Sammlung der Bundesrepublik verantwortlich war, sieht bei Majerus "eine artifizielle Beiläufigkeit" am Werk, die ihn noch heute fasziniert; und für den Berliner Kunstkritiker Raimar Stange ist Majerus schlichtweg "eine Bildaufbereitungsmaschine". Keine Frage, solche Aussagen schaffen einen Mythos, der Majerus zu Lebzeiten eher fremd war. Dagegen sind die Ausstellungen noch einmal ein Konzentrat aus zehn Jahren Arbeit, in denen Majerus vom besetzten Haus in Berlin-Mitte bis zur Biennale in Venedig eine beispiellose Karriere machte. In der Geschwindigkeit, mit der er dabei seine Produktion vorantrieb, aber auch in der Wahl seiner Motive schien er perfekt zur Techno-Euphorie der Metropole zu passen: Malen bei 150 Beats per Minute.



Ausstellung im Kunsthaus Graz, 2005, Installationsansicht, Foto: Niki Lackner, Graz
©Nachlass Michel Majerus, Courtesy neugerriemenschneider


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