In dieser Ausgabe:
>> Portrait Ursula Döbereiner / Kirstine Roepstorff
>> Lawrence Weiner: Interview
>> Cash Flow im Frankfurter ibc: Olaf Metzel

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Haben Sie absichtlich Wände neben kommerziellen Räumen für Ihre Arbeiten ausgewählt?

Nein, ich nehme jede Wand, die mir angeboten wird. Besonders zu meinen Anfängen lief das nach dem Motto "Nimm was du kriegen kannst". Meine Arbeit besitzt keine ortspezifischen Intentionen.

Was hat es mit der Beziehung ihrer Arbeit zu Docks auf sich?

Einige Leute verbringen ihr Leben in Kunstakademien. Ich habe als Jugendlicher meine Zeit damit verbracht, mir in den Docks den Lebensunterkalt zu verdienen - in der East und West Side von New York, in Vancouver, New Orleans, Algiers und Galveston. Daher kommt der Bezug zu den Docks.

Wie kamen Sie zu diesen Jobs?

Ich stamme aus einer Gegend der South Bronx, in der es nur wenig Arbeit gab. Viele Leute gingen zur Handelsmarine. Es gab auch einige Mafiosi unter den Leuten der Dockarbeitergewerkschaften. Als junger Sozialist, der für die Bürgerrechtsbewegung arbeitete, gehörte ich wie viele andere zur Opposition.



Lawrence Weiner:
TO THE EXTENT OF HOW DEEP THE
VALLEY IS AT SOME GIVEN TIME, 2001
Courtesy Marian Goodman Gallery

Interessant finde ich die Wandlungen in Ihrem Werk von den frühen Büchern zu den Internet-Projekten wie Homeport, das Sie zusammen mit äda’ web realisiert haben. Wo liegen für Sie die Unterschiede zwischen den Veränderungen des öffentlichen Lebens durch das Fernsehen und durch das Internet?

Ich glaube an Bücher, denn die Gesellschaft hat die Macht das Internet und alles, was dran hängt, einfach abzuschalten. McLuhan hat einen Fehler gemacht: das Internet benötigt Elektrizität, ohne können wir nichts produzieren. Wenn Bücher erst einmal gedruckt sind, überleben sie – selbst die Nazis. Du kannst auch dort immer noch Bücher finden, versteckt unter den Betten, wo sie zensiert werden, sei es in der arabischen Welt oder im Mittleren Westen.




Laurence Weiner, Arbeit an der Atelierwand
Foto: © Cheryl Kaplan, All Rights Reserved

Im Gegensatz zum Internet…

…das eine spezielle Hierarchie besitzt. Man muss entweder arbeitslos sein oder so reich, dass man sein Leben vor den Fernseher, denn das ist das Internet ja im Grunde, verbringen kann.


Lawrence Weiner: WAVE AFTER WAVE, 2002
Courtesy Marian Goodman Gallery

Ihre früheren Arbeiten beschäftigten sich mit TV-Testbildern. Hat Sie Nam June Paik interessiert?

Ich mochte seine Arbeit, aber sie hatte wenig mit mir zu tun. Ich wollte eine ikonenhafte Struktur finden und eine Beziehung zum Raum aufbauen. Das war 1960, 1962. Ich habe mehr von Öyvind Fahlström gelernt, der ähnliche Sachen gemacht hat. Fahlström beschäftigte sich mit der Wirklichkeit, ohne zu akzeptieren, wie sie nach der Meinung anderer Leute aussehen sollte. Nam Jun hat sich mit universellen Themen beschäftigt, ich aber nicht.

Mit Ihrer Arbeit "(IN THE STILL OF THE NIGHT) SMASHED TO PIECES (IN THE STILL OF THE NIGHT)" interpretierten Sie 1991 den Wiener Flakturm neu - vom Symbol des Nationalsozialismus zum Mahnmal gegen Krieg und Faschismus. Hierbei interessierte Sie der Unterschied zwischen Tag und Nacht. Die Arbeit ist erstaunlich wegen ihrer Brüche und Wiederholungen. Sie verunsichern den Betrachter, und das ist durchaus gewollt.

Wenn man in Wien auf die Straße geht und am helllichten Tag eine Flasche zerbricht und wenn man das gleiche dann auch in der Nacht macht, hört sich beides völlig anders an.

Es sind zwei verschiedene Versionen derselben Sache.


Darum geht es bei dieser Arbeit. Jeder Mensch kommt mit seinen eigenen Sehnsüchten und Bedürfnissen und schafft seine eigene Metaphern. Diese Arbeit besitzt keine Metapher, sie ist eine Realität. Wenn man ein metaphorisches Werk ausstellt, fordert man Menschen auf, die Wertvorstellungen, die hinter dieser Arbeit stecken, als Realität zu akzeptieren. Künstler sind aber keine besonderen Menschen. Künstler gehören genauso zur Gesellschaft, wie jeder andere auch. Es geht in der Kunst nur darum, deinen Platz in der Welt zu besser zu verstehen. Für mich sind Metaphern Mittel, jemandem seine Wertvorstellungen aufzudrücken, wobei die Kunst andere Vorstellungen zunichte macht. Menschen verlangen nach einem gemeinsamen Realitätsbegriff, das verleiht Ihnen Sicherheit.

Die meisten Menschen suchen nach einer größtmöglichen Übereinkunft. Die Würde Ihres Werkes gibt diesem Verlangen nicht nach, sie weicht nicht zurück.

Das muss sie auch nicht. Wir sind noch immer nicht an dem Punkt, dass Künstler zusammengetrieben werden, um sie dann aus dem Blickfeld zu schaffen, wie das in anderen Kulturen geschieht. So lange das nicht passiert, sind wir verpflichtet, so viel zu tun wie wir können.


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