In dieser Ausgabe:
>> Portrait Ursula Döbereiner / Kirstine Roepstorff
>> Lawrence Weiner: Interview
>> Cash Flow im Frankfurter ibc: Olaf Metzel

>> Zum Archiv

 


Ursula Döbereiner, spaces into spaces, 2005,
Entwurf für den Messestand der Deutsche Bank Art
©Ursula Döbereiner, Courtesy Laura Mars Grp.

Wie Roepstorff arbeitet auch Ursula Döbereiner auf Papier und mit den Mitteln der Collage – jedoch unter gänzlich anderen Vorzeichen. Spaces into Spaces heißt die Raum-Installation der Berliner Künstlerin, mit der sich die Deutsche Bank Art auf der diesjährigen Frieze Art Fair präsentiert: Der Messestand gleicht einer riesigen, begehbaren Zeichnung, in der der Besucher körperlich mit ungewohnten Proportionen konfrontiert wird. Spaces into Spaces verbindet den persönlichen Duktus der Handzeichnung mit direkt am Computer generierten Umrissen, die als Motive und Muster auf Wandtapeten überdimensional vergrößert wurden. Die Tapete als klassisches Wohnraumelement ist gleichzeitig zeichnerische Konstruktion und reale Einrichtung. In einem All-Over aus reproduzierten Film-Stills, Zeitungsbildern, Motiven aus dem Internet, die sich mit der stilisierten Darstellung von Kabeln und technischen Instrumenten überlagern, thematisiert Döbereiner vergangene soziale und technologische Utopien.


Ursula Döbereiner, schmetterling007, 2004,
©Ursula Döbereiner, Courtesy Laura Mars Grp.


Überlebensgroß lässt sie in ihrer Raumarbeit das gerasterte und gedoppelte Image der kosmischen Kellnerin aus Kubricks 2001: Odyssee im Weltraum erscheinen. In einer Raumstation trägt diese ihre Tabletts zum Cockpit und läuft dabei ganz selbstverständlich kopfüber an der Decke entlang. Zu der mit Johann Strauss’ Walzer An der schönen blauen Donau unterlegten Sequenz bemerkte der Regisseur, sie sei "eine Art von Maschinen-Ballet". Bei Döbereiner erscheint dieser Traum vom automatisierten Fortschritt als mediale Konstruktion. Bei der Annäherung an die riesigen Images tauchen tatsächlich überdimensionale Pixel auf, die jene Linien und Treppen bilden, aus denen sich das Bild konstituiert – ein abstraktes Muster unterschiedlich großer Rechtecke, das an die Low-Tech Animationen früher Computerspiele wie Pacman erinnert.


Ursula Döbereiner, F 032, 2003
© Ursula Döbereiner, Courtesy Laura Mars Grp.

Copy and Paste: Döbereiners Collagen entstehen durch den Einsatz digitaler Technologie, wobei ihr der Computer auch zum "Remixen" der eigenen Handzeichnungen dient. Mit dieser "Sampling-Technik" transformieren Döbereiners ortspezifische Arbeiten die vorgefundene Situation in Gedächtnis- und Produktionsräume, in denen sich persönlicher Geschmack, autobiographische Elemente und die künstlerische Untersuchung des Mediums Zeichnung überlagern. Sie wendet dabei Techniken an, die zu Beginn der digitalen Revolution noch selbst als utopisch erschienen. Zugleich untersucht sie die Automatisierung künstlerischer Prozesse. Neben technischem Equipment aus dem Arbeitsraum von Wendy Carlos, die als Musikerin viele der bahnbrechenden Elektro-Soundtracks von Kubrick-Filmen komponierte, tauchen in Spaces into Spaces immer wieder Effektgeräte auf, die in der Musikproduktion genutzt werden: der Flanger , die Electric Mistress, oder der Phaser, der zugleich auch der fiktiven Waffe im Star Trek-Universum ihren Namen lieh.



Ursula Döbereiner, gena1004, 2004,
©Ursula Döbereiner, Courtesy Laura Mars Grp.




Ursula Döbereiner, spaces into spaces, 2005,
Entwurf für den Messestand der Deutsche Bank Art
©Ursula Döbereiner, Courtesy Laura Mars Grp.

Ausgangspunkte für Döbereiners Arbeiten bilden das zugleich konzentrierte und rauschhafte Nachempfinden von Musikstilen, Filmbildern, Werbung, Plattencovern und Images aus Magazinen. Während die Künstlerin Musik hört und dabei gefundene oder selbst fotografierte Bilder aus ihrem Fundus nachzeichnet, versetzt sie sich in einen hypersensiblen, aber auch distanzierten Zustand.



Ursula Döbereiner, tg2, 2004,
©Ursula Döbereiner, Courtesy Laura Mars Grp.

Für ihre Installation Posterbox (2004) wurden Zeichnungen von Schmetterlingen am Computer überdimensional aufgeblasen und über Wände und Türen tapeziert. Für andere Zeichnungen stellten Freundinnen die Star-Posen eines kompetten Vanity Fair-Magazins nach, angetrieben von Musik erzeugen dabei Kugelschreiberlinien und Schraffuren psychedelische Lichtreflexe und unscharfe Bewegungen. Ähnlich wie Marc Brandenburg und andere Berliner Künstler der jüngeren Generation nutzt die 1963 geborene Döbereiner Architekturen, massenmediale und alltägliche Images als Grundlage für Kompositionen, in denen die Grenzen zwischen Gegenständlichkeit und Abstraktion zerfließen.



Ursula Döbereiner, sabina075, 2004,
©Ursula Döbereiner, Courtesy Laura Mars Grp.


Der Weg führt in Döbereiners Arbeit vom Spezifischen zum Allgemeinen. Sie sei zwar keine Autorin, aber ihr 2001 erschienenes Buch Autos/Filme/Frauen/Häuser/ Mode/Wohnen sei das das beste Stück deutscher Popliteratur seit langem, befand die Wochenzeitung Die Zeit und meinte damit auch die coole Attitüde, die die Arbeit vermittelt. Es ist sicher kein Zufall, dass in Spaces into Spaces auch ein Image aus Godards Zukunftsthriller Alphaville auftaucht: Nouvelle Vague, die verknappte Diktion der " Hard-Boiled" Literatur, Pulp Fiction finden sich als maßgebliche Einflüsse in ihrer künstlerischen Produktion wieder. Mit der selben kaltblütigen Energie, die Einzelgängern in Kriminalromanen zu eigen ist, erstellt die Künstlerin "Profile" von Persönlichkeiten, Objekten, Gebäuden, Fotografien, Interieurs – abgezeichnete und digital reproduzierte Mutmaßungen, die auf Indizien beruhen. Döbereiner erzählt anonyme Geschichten aus unserer Zeit, die zugleich faktisch und schemenhaft sind, ebenso wie die persönlichen und kollektiven Erinnerungen, die sie hervorgebracht haben.



Ursula Döbereiner, gena1005, 2004,
©Ursula Döbereiner, Courtesy Laura Mars Grp.

[1] [2]