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Poesie der Wirklichkeit
Tamara Grcic erhält den 1822-Kunstpreis der Frankfurter Sparkasse




Tamara Grcic, Ohne Titel, New York 1995, 1995
Sammlung Deutsche Bank, Courtesy Kuckei+Kuckei, Berlin

In den Straßen New Yorks fotografiert sie heimlich die Hinterköpfe von Passanten: Die Frankfurter Künstlerin Tamara Grcic zeigt Close ups einer Körperregion, die für einen selbst nur per Spiegel sichtbar ist. Wild kringeln sich hier die Haare in Nacken und wuchern über Krägen. Sie filmt die Rücken von Boxern beim Sandsacktraining, ganz nah, sodass nur das Spiel der Muskeln unter der schweißglänzenden Haut zu sehen ist, begleitet vom Keuchen und Stöhnen der Männer und den Geräuschen vom Aufprall ihrer Schläge. Einen jungen Mann aus dem Volk der Roma zeigt sie beim Akkordeonspiel vor den Hochhauskulissen Frankfurts. Seine wehmütigen "Zigeunermelodien" bilden einen akustischen Kontrapunkt zu den kühlen Finanztürmen, die hinter ihm in den Himmel ragen. Mit ihren Fotos, Filmen und Installationen isoliert Tamara Grcic Teile der Wirklichkeit und entlockt ihnen eine neue, oft poetische Präsenz.

Jetzt ist die Absolventin der Städlschule mit dem 1822-Kunstpreis ausgezeichnet worden. Seit mehr als dreißig Jahren ehrt die Frankfurter Sparkasse mit diesem Oeuvre-Preis Künstler, die mit der Region Frankfurt verbunden sind. Mit ihrer 12-teiligen Serie Ohne Titel, New York 1995 ist Grcic auch in der Sammlung Deutsche Bank vertreten. An einem Marktstand in Chinatown hat sie im Laufe einer Woche Stillleben von Gemüse und Obst fotografiert, die in ihrer Beiläufigkeit fast wie zufällig arrangiert wirken. Nächstes Jahr wird ihre Serie im Rahmen einer großen Ausstellung, die die Highlights deutscher Fotografie aus der Sammlung Deutsche Bank präsentiert, durch mehrere Staaten Südamerikas touren.



Tamara Grcic, Ohne Titel, New York 1995, 1995
Sammlung Deutsche Bank, Courtesy Kuckei+Kuckei, Berlin

Zu Beginn der Neunziger fokussiert sich Grcic vor allem auf die Phänomene der Natur. Für ihre Installationen und Fotos verwendet sie hierbei verderbliche Materialien wie Eier, Früchte, Gemüse und Blumen. Werden und vergehen: Mit der Kamera hält Grcic über Monate die verschiedenen Stadien des Verfalls von Obst und Gemüse fest – von der frischen Frucht bis zum verschimmelten, sich auflösenden Objekt. Diese Fotos setzen vielfältige Assoziationen frei, erinnern gleichzeitig an wissenschaftliche Versuchsreihen und die Vanitas-Stillleben des Barock. In ihrer Zwölf-Stunden-Ausstellung 1994 im Frankfurter Portikus arrangiert sie 700 Melonen auf Tischen. Der Duft der Früchte komplettierte den optischen Eindruck zu einem multisensuellen Erlebnis.

Später richtet Grcic ihren Blick auch auf den Menschen: Ihre Filme Bolek und Lucy, Avonmouth porträtieren zwei junge Frauen, sie fotografiert spielende Kinder oder den Sprung eines Mannes in einen See. Er scheint auf ihren Bildern über dem Blau des Wasser zu schweben. Die flüchtigen Augenblicke des Lebens, die beiläufige Schönheit des Vergänglichen – Tamara Grcic hält sie fest und macht sie für den Betrachter erfahrbar.




Art at Work
Renommierte Fotografen dokumentieren die Kunst in der Deutschen Bank



"Business as usual" im Konferenzraum der Deutschen Bank? Nur auf den ersten, Blick. Konzentriert bei der Sache sind die in dunkle Anzuge gehüllten Männer auf jeden Fall nicht: Einer telefoniert, ein anderer mustert gelangweilt den Teppichboden, jemand trägt einen Stahlrohrsessel umher, einzelne Grüppchen sind ins Gespräch vertieft und niemand kümmert sich um den Kollegen, der die großformatige Fotografie an der Wand erläutert. Irgendetwas stimmt hier nicht. Der Raum wirkt verfremdet und lässt ein wenig an das Kabinett des Dr. Caligari denken. Und dann besitzen all diese Männer eine starke Ähnlichkeit. Tatsächlich handelt es sich stets um den gleichen unauffälligen, Mann mittleren Alters mit Halbglatze. Es ist der Berliner Künstler Martin Liebscher, zugleich Regisseur und Darsteller dieser Szene. Round Table, so der Titel, ist typisch für die Arbeiten aus seiner 2002 begonnenen Serie Familienbilder. Immer verkörpert der Schüler von Martin Kippenberger und Thomas Bayrle sämtliche Protagonisten seiner Fotografien selbst – von Campingurlaubern, die es sich in ihren Trainingsanzügen gemütlich gemacht haben, bis zu den Besuchern und dem gesamten Orchester in der Berliner Philharmonie. Am Computer setzt Liebscher seine Arbeiten aus vielen Einzelbildern zusammen. Für die drei Motive, die er diesen Sommer in den Räumlichkeiten der Deutschen Bank Frankfurt realisiert hat, schoss der Künstler 640 Fotos.



Martin Liebscher, Round Table, 2004
Sammlung Deutsche Bank, ©VG Bild-Kunst, Bonn 2005

Round Table ist das Oktobermotiv des Deutsche-Bank-Kalenders Kunst am Arbeitsplatz 2006 für Kunden und Mitarbeiter des Unternehmens. Neben zwei Werken von Liebscher sind darin auch Auftragsarbeiten von Barbara Klemm, Michael Danner und Lee Mawdsley zu sehen. Die Aufnahmen des Londoner Fotograf entstanden im Vorfeld zur Ausstellung 25 im Deutsche Guggenheim, Berlin. Für Visuell, das Magazin zur Jubiläumsausstellung der Sammlung Deutsche Bank, hat Mawdsley Kunstwerke in den Headquarters der Bank in Frankfurt, London und New York dokumentiert. Im Berliner Bankhaus Unter den Linden entstanden die beiden Aufnahmen von Michael Danner. Auf dem Juni-Blatt des Kalenders wirft er einen Blick in den Sanitätsraum, wo der New Yorker Künstler Tom Sachs mit schwarzem Stift ein Bauwerk von Le Corbusier direkt auf die Wand gezeichnet hat. Barbara Klemm, die "Grande Dame" der deutschen Pressefotografie, hat für den Juli ein kühl-elegantes Schwarzweiß-Bild aufgenommen. Es zeigt die Skulptur Kontinuität (1986) von Max Bill vor den Zwillingstürmen der Deutschen Bank in Frankfurt – jenes monumentale, aus Granit gearbeitete Endlosband das zum Wahrzeichen für das Kunstengagement der Deutschen Bank geworden ist.