In dieser Ausgabe:
>> Interview: William Kentridge
>> Die Legende der zwei Inseln: Pierre Huyghe im Gespräch
>> Spiel mit der Wirklichkeit: Kunst und Theater
>> On Stage: Kunst, Raum und Inszenierung

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Hermann Nitsch, Die Architektur des O.M. Theaters, Band II, 1984
Sammlung Deutsche Bank (c)VG Bild-Kunst, Bonn 2005
Hermann Nitsch, O.M. Theater, Performances von 1960-70, Ausschnitte (c)VG Bild-Kunst, Bonn 2005




Dabei dokumentieren ihre Phantasien von Sexualität und Macht einen Bedarf nach Selbstvergewisserung der eigenen Existenz, sowie ein Bedürfnis nach Transzendenz. Dieses im sinnlichen Exzess zu befriedigen, oder auch nur zu betäuben, lädt Hermann Nitsch ein, dessen radikales Orgien Mysterien Theater der Urform des Theaters, den rituellen Huldigungen an den griechischen Gott des Rausches, Dionysos, Tribut zollt. Bei dem über mehrere Tage choreographierten Erleben äußerster sinnlicher Erfahrungen, dem Herumspritzen von Blut und Wühlen in warmen Eingeweiden von eigens zu diesem Zwecke geschlachteten Tieren, kann der Betrachter zum Teilnehmer werden, sich im ästhetisch-regressiven Rausch über zivilisatorische Hürden hinwegsetzen und mit dem Künstler als Zeremonienmeister eine mystische Dimension erfahren. In komplexen Zeichnungen umreißt der Künstler dazu theoretische Grundzüge und durchaus im wörtlichen Sinne den Schlachtplan für seine Aktionen.


Jürgen Klauke, Formalisierung der Langeweile, 1980
Sammlung Deutsche Bank, (c)VG Bild-Kunst, Bonn 2005


Bereits die Begriffe Aktion, Happening oder Performance sind versteckte Hinweise darauf, dass die als suggestiv diskreditierte Theaterbühne mit der Reinheit der wahren Kunst inkompatibel ist. Folglich erschien es vielen Aktionskünstlern zwingend, vordergründig auf jede Form von Erhöhung der Darsteller zu verzichten, wenn jeder beliebige Raum zur "Bühne" werden kann. Kein Raum ist vollkommen leer oder total frei von Bedeutung, selbst der weiße Hintergrund von Jürgen Klauke’s Inszenierung, Die Hohlkehle , ist vertraute Kulisse als Hintergrund für Fotomodell und Produktpräsentationen, wie es im Kraftwerk Song Das Modell treffend beschrieben wird: "Sie stellt sich zur Schau für das Konsumprodukt / Und wird von Millionen Augen angeguckt". Jeder Ort ist spezifisch, hat eigene Qualitäten, bringt eine eigene Geschichte in die Inszenierungen der Künstler ein und erweitert so das künstlerische Welttheater zum allegorischen Schauplatz sozialer und politischer Realitäten.



Jörg Immendorff, Angel (Teildruck aus "Café Deutschland gut"), 1983
Sammlung Deutsche Bank, (c)Jörg Immendirff

Bei Jörg Immendorff ist alles Theater: jede Figur ist Protagonist und alles ist Kulisse. Der ehemalige Student der Theatermalerei, der sich in Joseph Beuys Düsseldorfer Akademie Klasse im selbst gebastelten Pappkostüm zum "Beuys-Ritter" erklärte, entwickelte im Rahmen seiner Arbeit mit der maoistischen Gruppe Ruhrkampf didaktische Bildfolgen, die selbstreflexiv Fragen nach der Bedeutung des Künstlers in der Gesellschaft aufwarfen. Über sie gelangt er zu Max Beckmanns am Bühnen-Symbolismus geschulter Malerei, mit großartigen Bildinszenierungen voller Pathos und Drama, zu seinem großen Bildzyklus Café Deutschland. Darin erweist er seinen Kunsthelden und Kollegen Referenz, mokiert sich über die Mythen West- und Ostdeutschlands, des Kunstbetriebs und die seine Person betreffend, und stellt sich als Atlas dar, der eine vereisende Weltkugel des Kalten Krieges unter dem Brandenburger Tor umher trägt. Deutschland, ein Wintermärchen: Die ostdeutsche Künstlerin Cornelia Schleime begibt sich für ihre Serie Auf weitere gute Zusammenarbeit ebenfalls in die Rolle der exemplarischen Selbstdarstellerin, um Stationen ihres Privatlebens nach dem Drehbuch ihrer Stasi-Akten darzustellen. Der unsichtbare Beobachtungsapparat gibt den surrealistischen Momenten dieser Rekonstruktionen, wenn die Künstlerin sinnend über den Verhandlungstisch spaziert, ein dramatisches Spannungselement und unterwandert den wieder erlebten Alltag.


Cornelia Schleime, Auf weitere gute Zusammenarbeit, 1993
Sammlung Deutsche Bank, (c)Cornelia Schleime


Rekonstruktionen schaffen Authentizität - wie in der Pseudo-Dokumentation des nachgestellten Zusammenstoßes streikender Bergarbeiter und der Polizei im Battle of Orgreave(2001) des Turner Preisträgers Jeremy Deller oder im Video Reenactments(2000) des in Mexiko-City lebenden Belgiers Francis Alys, der die Straßen seiner Stadt als wahre Bühne erlebt und seine Beobachtungen nicht nur in Zeichnungen und Fotos dokumentiert, sondern sich als Flaneur inszeniert, der mit entsicherter Pistole so lange durch die Straßen Mexico City’s läuft, bis er festgenommen wird. Ebenfalls in Mexiko City lebt der Spanier Santiago Sierra, der die Venedig Biennale 2003 in eine exklusive Bühne verwandelte, für die er sein Publikum selbst auswählte: wer keinen spanischen Pass besaß, durfte den von ihm gestalteten spanischen Pavillon nicht betreten und blieb ausgeschlossen vom Kunsterlebnis. Eine bittere Allegorie auf Einwanderungspolitik und das Aussperren von Menschen aus anderen Ländern, denen verwehrt wird, sich am Wohlstand westlicher Länder zu beteiligen.



Francis Alys, Videostill aus: Re-enactments, Mexico D.F., 2000
Courtesy Galerie Peter Kilchmann, Zürich

Auf einen globalen Exodus verweist die Videoinstallation Going Forth By Day, die Bill Viola 2002 speziell für das Deutsche Guggenheim in Berlin konzipierte. Auf fünf synchron ablaufenden Einzelprojektionen und mit der Perfektion einer aufwendigen Hollywoodproduktion erzählte Violas Zyklus von Tod und Wiedergeburt die Heilsgeschichte einer von Vernetzung und digitaler Revolution geprägten Epoche, deren technologisches Voranschreiten spirituelle Auferstehung verheißt. Gedreht in modernster High Definition-Video Technologie verwandelte Going Forth By Day die Ausstellungshalle Unter den Linden in einen erhabenen Raum postmodernen Nachdenkens, einer Mischung aus Kapelle, Laterna magica und Weltenbühne, geschaffen nicht aus Stein und Pflanze, sondern aus Pixeln und Licht.



Bill Viola, Going Forth by Day (Erstes Licht), Detail, 2002
©Deutsche Guggenheim/ Bill Viola, Foto: Kira Perov

Wie ein Befreiungsschlag eröffnete die Krise der illusionistischen Bühne der Moderne des 19. Jahrhunderts die Möglichkeit, die ganze Welt modellhaft aufnehmen und reflektieren zu können. Im Zustand karnevalistischer Umkehrung sind die Grenzen zwischen Herrschenden und Beherrschten ebenso verhandelbar, wie die zwischen Kunst und Leben oder zwischen Bühnenallegorie und Selbstinszenierung. Die spielerische Untersuchung bestehender Machtverhältnisse, von lustvoller Unterwerfung über Affirmation bis zur gespielten Revolte, findet im künstlerischen Psychodrama auf wechselnden Bühnen, in immer komplexeren Inszenierungen zu potenten Bildern für die sich immer komplexer darstellende Realität. Dass dabei das wahre Selbst mit allen denkbaren Facetten zum Vorschein gebracht wird, mag im Angesicht katastrophaler Missständen nebensächlich erscheinen, aber die Frage, ob sich das wahre Drama in uns selbst vollzieht, bleibt offen.


Bill Viola, Going Forth by Day (Die Reise), Detail, 2002
©Deutsche Guggenheim/ Bill Viola, Foto: Kira Perov

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