In dieser Ausgabe:
>> Interview: William Kentridge
>> Die Legende der zwei Inseln: Pierre Huyghe im Gespräch
>> Spiel mit der Wirklichkeit: Kunst und Theater
>> On Stage: Kunst, Raum und Inszenierung

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On Stage:
Kunst, Raum und Inszenierung



Seit Anfang des 20. Jahrhunderts haben nicht nur die Wissenschaften den Raum immer wieder neu und kontrovers interpretiert. Auch in den bildenden Künsten wurde der Raum zum Gegenstand theatralischer und minimalistischer Inszenierungen, in denen sich unterschiedliche Wahrnehmungsmodelle widerspiegeln. Eine Bestandsaufnahme von Christiane Meixner.


Gregor Schneider, Totes Haus Ur, Innenraum (Gästezimmer), 1985-97 (c)VG Bild-Kunst, Bonn 2005 Gregor Schneider, Totes Haus Ur, Detail (Flur), 1985-97, (c)VG Bild-Kunst, Bonn 2005


Das Tote Haus ur von Gregor Schneider schien auf der Biennale Venedig von 2001 plötzlich sehr lebendig: Draußen standen die Schaulustigen im dichten Pulk, drinnen traf man überall auf andere Besucher, die durch das architektonische Labyrinth mäanderten. All das minderte natürlich die Wirkung der Arbeit, die auf die klaustrophobische Wirkung größtmöglicher Isolation und Desorientierung zielt. Als Schneider Mitte der achtziger Jahre das Einfamilienhaus seines Vaters übernahm, war er sechzehn Jahre alt und das Haus in Rheydt perfektes Beispiel einer am Praktischen orientierten Architektur. Inzwischen hat der Künstler sein opus magnum geradezu obsessiv aus- und umgebaut, mit isolierten Zimmern und toten Gängen versehen. Er hat es in Teile zerlegt, an Sammler verkauft und in Venedig ein vorerst letztes Mal komplett zugänglich gemacht.



Gregor Schneider, Haus Ur in Rheydt, 1985-1999, (c)VG Bild-Kunst, Bonn 2005

Was Schneider bei aller Demontage jener Behausung nicht in Frage stellt, ist seine Vorstellung vom Raum als fester Größe innerhalb der Wahrnehmung. Destruiert wird nur die Logik der bestehenden Architektur, die Schneider nach einer völlig subjektiven Dramaturgie neu zusammenschraubt: Das Haus wird zur begehbaren Bühne und Manifestation psychischer Zustände, in denen sich die Ängste und Phobien ihrer Besucher spiegeln.

Dass sich der Raumbegriff selbst auch anders definieren lässt, dokumentiert eine der bedeutendsten deutschen Künstlerinnen der Nachkriegszeit: Hanne Darboven. Vor über drei Jahrzehnten hat sie damit begonnen, zeitliche Abläufe zu visualisieren. Ihre Methode erzeugt ein Raumbild durch das additive System der Verknüpfung: Indem Darboven eine abstrakte Maßeinheit wie Zeit in serielle Strukturen umsetzt und als Zahlenkolonnen fixiert, macht sie das Flüchtige sichtbar. Mit jeder späteren Präsentation der Zeichnungen strukturiert und prägt Darboven auch den Ort, an dem sie gezeigt werden – allerdings auf höchst abstrakte Art.



Hanne Darboven, 21x21, 1968
Sammlung Deutsche Bank (c)Darboven, Courtesy Galerie Susanna Kulli, St. Gallen

"Ich schreibe auf, aber ich beschreibe nichts", lautet Darbovens Konzept im Kontrast zum inhaltlich aufgeladenen Haus ur. Und während der Raum der Künstlerin ein konstruierter ist, bedient sich Schneider der affektiven, erlebbaren Architektur, die den Betrachter emotional gefangen nimmt. Beide aber erheben sie Anspruch auf den dreidimensionalen Raum, der ihre Arbeiten umgibt und im Dialog – wenn auch sehr unterschiedlich – interpretieret wird. In jüngerer Zeit haben narrative Kunstwerke ähnlich Schneiders Haus ur weit mehr Aufmerksamkeit erregt als karge, konzeptuelle Strategien. Ganze Ausstellungen widmeten sich dem Phänomen der installativen Kunst in theatraler Inszenierung – so On Stage im Kunstverein Hannover (2002/2003), wo unter anderem Christoph Büchel das gesamte Inventar einer Punkband nach ihrem Konzert auf minus 25 Grad tief frieren ließ und so den vergänglichen Moment des Auftritts im Stillstand gegenwärtig machte.


Christoph Büchel, Minus, 2002, Installationsaufbau von 2005
in Zusammenarbeit mit den Gruppen Los Chicros und I love UFO
(c)Büchel, Courtesy Galerie Susanna Kulli, St. Gallen

Im selben Jahr fand auch die große Ausstellung der Cremaster-Filme und teils aus gekühlter Vaseline bestehenden Filmsets von Matthew Barney im Kölner Museum Ludwig statt, während das Magazin Texte zur Kunst ein kritisches Heft zum Thema Raum herausgab.

Letzteres verweist auf den engen Zusammenhang zwischen den Spielarten räumlicher Inszenierung und einem grundsätzlichen Verständnis, das die Kunst vom Raumbegriff hat. Seit knapp einem Jahrhundert haben die wissenschaftlichen Disziplinen den Raum immer wieder kontrovers interpretiert. Die unterschiedlichen Auffassungen beruhen dabei auf zwei grundsätzlichen Bezugssystemen – Raum wird entweder als absolute Größe oder als relativ und konstruiert definiert. Und obgleich sich ein Kunstwerk wie Haus ur aus der älteren und statischen Idee des räumlichen Kontinuums speist, sind Kategorien wie "zeitgemäß" oder "überholt" für die jeweilige Raumidee nur unzureichend. Vielmehr illustrieren sie, wie radikal sich die Auffassung vom Verhältnis zwischen Mensch und Raum seit 1905 gewandelt hat.

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