In dieser Ausgabe:
>> Gespräch: Laura Owens
>> Interview: Markus Schinwald
>> Kinderbildnisse in der Sammlung Deutsche Bank
>> Kindliche Strategien in der Kunst

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Mit den Augen eines Kindes


In ihrem anarchischen Angriff auf gesellschaftliche und künstlerische Konventionen suchen Maler seit den Avantgarden ihrem Bedürfnis nach Unmittelbarkeit und Unverfälschtheit Ausdruck zu verleihen. Die Vorstellung, dass das Kindliche in der Kunst eine Möglichkeit ist, im kreativen Prozess in Regionen der Persönlichkeit vorzudringen, die anderen verschlossen bleiben, wirkt dabei fort bis in die Gegenwart. Ulrich Clewing beschreibt die kindlichen Strategien dieses Aufbegehrens.



Laura Owens, Untitled, 1999
Sammlung Deutsche Bank, Courtesy Sadie Coles HQ

Vielleicht würde ein Kind so malen: Die Linien des Karomusters im Hintergrund sind mit Farbstift unregelmäßig und krakelig gezogen. Auch die heiteren Farbflecken in Hellgrün und Gelb, die wie Laub über das Papier wehen, scheinen rein zufällig über das Blatt verteilt worden zu sein. Tatsächlich aber war die amerikanische Künstlerin Laura Owens 29 Jahre alt, als sie 1999 dieses Aquarell anfertigte. "Ich habe immer gedacht, dass es besser ist, das Bild dem Alltag anzupassen, als dass der Alltag dem Bild angeglichen wird. Ein Gemälde sollte in dein Leben passen", äußerte sie im selben Jahr in einem Interview mit Artforum. Inzwischen gehört Owens zu den prominentesten Vertretern der amerikanischen Gegenwartsmalerei. Während viele ihrer Zeitgenossen sich mit dem Heroismus und den Leistungen vorangegangener Generationen abplagen, sind die Bilder der in Los Angeles beheimateten Malerin von fast märchenhafter Leichtigkeit erfüllt. Owens greift die unterschiedlichsten Quellen auf, von Meistern der Moderne wie Henri Rousseau oder Toulouse-Lautrec über Abstrakten Expressionismus, Op-Art. Zugleich ist ihre Arbeit von Tapeten, Dekormustern, Comics, Kinderbüchern oder traditioneller japanischer Kunst inspiriert .


Laura Owens, Ohne Titel, 2001
Courtesy of Gavin Brown's enterprise, New York


Die naive Anmutung der sanften Waldtiere, die ihre Landschaftsbilder bevölkern, mag über die kunstgeschichtlichen Referenzen hinwegtäuschen. Aber bereits beim zweiten Blick wird deutlich, wie raffiniert sich ihr Werk zwischen Abstraktion und Figuration bewegt. Owens geht vor allem um formale Aspekte, um Farbauftrag, Perspektiven, Fläche, um das Verhältnis des Gemäldes zu seiner Umgebung. Die spielerische Verbindung zwischen vermeintlich kindlichen oder "primitiven" Gesten, konzeptionellen Überlegungen und ausgefeilter Technik dient Owens als Strategie, um die Geschichte der Malerei zu reflektieren und ihre Grenzen auszuloten.



Erich Heckel, Stehendes Kind - Fränzi, 1910
Sammlung Deutsche Bank

Paul Klee, Seiltänzer, 1923
Sammlung Deutsche Bank


Mit ihrer Strategie des Kindlichen befindet sie sich dabei in guter Gesellschaft. Blickt man zurück auf die Kunst der letzten hundert Jahre, stellt man fest, dass das Kindliche schon immer Hauptreferenz der Avantgarden war. Die Maler der Dresdner Brücke, die Dadaisten, die Surrealisten, Bauhaus -Künstler wie Paul Klee - sie alle und unzählige weitere Künstler gehören zu jener breiten Bewegung, die die Kunst des 20. Jahrhunderts geprägt hat wie kaum eine zweite. Pablo Picasso, einer ihrer Hauptvertreter, charakterisierte sie einmal nach dem Besuch einer Ausstellung mit Kinderzeichnungen mit diesen Worten: "Als ich so alt war, konnte ich malen wie Raffael. Aber ich brauchte ein Leben lang um so zu malen wie die Kinder."
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab es unter Künstlern in ganz Europa eine breite Opposition gegen die als erstarrt, blutarm und kraftlos empfundenen Akademien und deren Mitglieder. Sie äußerte sich zunächst in Sezessionen – Abspaltungen – von den alten Künstlervereinigungen, und dann in einem immer feiner werdenden Flickenteppich von Künstlergruppen, die häufig nicht nur in kunsttheoretischen Ansichten übereinstimmten, sondern auch in ihren Weltanschauungen.


Ein Maler wie Erich Heckel malte seine Figuren und Landschaften nicht deshalb so grob und - quasi kindlich - vereinfacht, weil es nicht anders vermochte. Sondern weil er damit dem Ausdruck verleihen konnte, was er und seine Künstlerfreunde Ernst Ludwig Kirchner, Fritz Bleyl und Karl Schmidt-Rottluff auf einer Ankündigung ihrer Ausstellung in der Dresdner Lampenfabrik Seifert 1906 als ihr Programm formuliert hatten: "Mit dem Glauben an Entwicklung, an eine neue Generation der Schaffenden wie der Genießenden, rufen wir alle Jugend zusammen, und als Jugend, die die Zukunft trägt, wollen wir uns Arm- und Lebensfreiheit verschaffen gegenüber den wohlangesessenen älteren Kräften. Jeder gehört zu uns, der unmittelbar und unverfälscht das wiedergibt, was ihn zum Schaffen drängt."



Kurt Schwitters, Contramerk, 1923
Sammlung Deutsche Bank



Mit diesen Zeilen haben die Brücke-Maler den Prototyp eines Kunst-Manifests verfasst, das so ähnlich wohl auch etliche Künstlergruppierungen nach ihnen unterschrieben hätten. Die eigene Gestaltungsfreiheit, die Ablehnung des Althergebrachten, "Wohlangesessenen", der Anspruch auf Teilhabe, Gehör - kurz: auf Zukunft -, das sind Beweggründe und Postulate, die Künstler im Lauf des 20. Jahrhunderts oft geltend gemacht haben. Am wichtigsten ist im Brücke-Manifest aber der Punkt, an dem davon die Rede ist, seinem inneren Drängen nachzugeben und es "unmittelbar und unverfälscht" ins Kunstwerk zu übersetzen.


Heinrich Hoerle, Begegnung, 1925 Sammlung Deutsche Bank


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