In dieser Ausgabe:
>> Gespräch: Laura Owens
>> Interview: Markus Schinwald
>> Kinderbildnisse in der Sammlung Deutsche Bank
>> Kindliche Strategien in der Kunst

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Kindheit war, nicht zuletzt dank reformerischer Pädagogen wie Jean Jacques Rousseau, zu einer autonomen Phase der Entwicklung geworden. "Die Natur will, dass Kinder Kinder sind, bevor sie zu Erwachsenen werden", hieß es bei Rousseau 1762, der einen radikal neuen Erziehungsstil verlangte, damit die Gesellschaft die Kinder nicht korrumpiere. Fünf Jahrzehnte später war die Botschaft vom Kind als purem Sinnenwesen, das mit "sensitiver Vernunft" begabt und ein Synonym für den "vorgesellschaftlichen Naturzustand des Menschen" ist, im Bewusstsein der künstlerischen Avantgarde verankert.

Heinrich Hoerle, Mädchen vor Spiegel, 1930
Sammlung Deutsche Bank


Die Romantik wertete dieses Kindheitsideal religiös auf und verwies auf seine Nähe zur Unendlichkeit. "Vielleicht ist das Kind, das im ersten Augenblick den Lichtstrahl des Tages erblickte, klüger als wir alle", meinte Ludwig Tieck, und für Novalis waren Kinder "unbegreifliche und höhere Erscheinungen". Daran knüpfte Anfang des 20. Jahrhundert noch einmal die italienische Pädagogin Maria Montessori an, indem sie im Kind einen "sozialen Messias" erkannte. Und auch in der Kunst wurde das Sujet erneut populär: Auf der Suche nach alternativen Ausdrucksformen jenseits der erschöpften akademischen Tradition sammelten etwa der Kreis um den Blauen Reiter, Picasso oder Paul Klee von Kindern gefertigte Zeichnungen und nutzten sie zur eigenen Inspiration. Andere entdeckten im Kinderbildnis den Entwurf eines ursprünglichen, unkonventionellen Menschenbildes.

Georg Baselitz, Hundejunge, 1967
Sammlung Deutsche Bank


Ähnlich wie Modersohn-Becker sahen das die deutschen Expressionisten. Kindmodelle wurden von Ernst Ludwig Kirchner, Erich Heckel oder Max Pechstein bevorzugt, weil diese sich relativ ungezwungen und dicht am Ideal des naturverbundenen Menschen bewegten. Hinzu kam allerdings auch die subtile erotische Körpersprache jener pubertierenden Mädchen, die aus zahlreichen Blättern der Expressionisten spricht: So taucht Fränzi , die 1909 bei der ersten Begegnung mit den Malern gerade neun Jahre alt war und von Kirchner ein Jahr später als nacktes Stehendes Kind gemalt wird, auch später immer wieder Akt oder nur spärlich bekleidet auf.


Norbert Bisky, alle stützen II, 2001
Sammlung Deutsche Bank

Einen konträren Weg schlug die Neue Sachlichkeit der zwanziger und dreißiger Jahre ein. Für sie war das Kinderporträt ein Instrument, um die herrschenden sozialen Missstände abzubilden. Künstler wie Otto Dix oder Conrad Felixmüller thematisieren Entfremdung und Armut vor allem in den Städten, die sich am kränklichen Zustand ihrer kleinen Protagonisten und nicht zuletzt der Kleidung festmachen lässt. Dabei verlor das Porträt jedoch sukzessive seine Funktion. Aus der individuellen Darstellung wird ein Typenbild. Dem entsprachen auch die Absichten der so genannten Progressiven, die sich in Köln zusammenfanden und ab 1930 deutschlandweit etablieren. Unter ihnen Heinrich Hoerle, der seine Figuren auf kubische Formen reduziert und wie das Mädchen vor Spiegel mit ausdruckslosen Minen versah – als Sinnbilder einer seiner Ansicht nach entmenschlichten Welt.


Marlene Dumas, Girl from a Dutch Painting, 1991
Sammlung Deutsche Bank

Eine spezifische Sicht entwickelte Otto Meyer-Amden (1885-1933), der lange Zeit in selbst gewählter Isolation lebte. Zwar tauchen auch auf seinen Blättern Kinder oder Jugendliche auf, die sich zu anonymen Massen gruppieren. Doch dafür greift der Maler auf eigene Erfahrungen im Internat zurück, in dem ein ritualisierter Alltag und Konformität zur selbstverständlichen Pädagogik gehörten. Seine Erinnerung will Meyer-Amden nicht als Trauma verstanden wissen: Viel mehr geht es dem tief religiösen Schweizer um die Frage, wie sich die spirituelle Erfahrung des Einzelnen im Kontext einer Gemeinschaft darstellen lässt. Daneben entstanden Zeichnungen, die trotz ihrer kleinen Formate auffallend monumental wirken. Ein Beispiel ist Meyer-Amdens Knabenakt von 1928, dessen schwebender Körper an den perfekten Proportionen der Antike orientiert scheint.



Eberhard Havekost, Langeweile 1 und 2, 1996
Sammlung Deutsche Bank


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