In dieser Ausgabe:
>> Gespräch: Laura Owens
>> Interview: Markus Schinwald
>> Kinderbildnisse in der Sammlung Deutsche Bank
>> Kindliche Strategien in der Kunst

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Wenn ein Künstler wie der 1970 geborene Norbert Bisky das Thema des Internatszöglings später wieder aufnimmt, wird deutlich, wie sehr sich das Kinderbildnis in den Jahrzehnten danach verändert hat. "Was im 18. Jahrhundert mit Rousseau begann und ausgeprägt in der deutschen Romantik zutage trat – die Entdeckung des Kindes als Individuum", schreibt die Kuratorin Doris Krystof, "entwickelte sich im 20. Jahrhundert zu einem unverbrüchlichen Wert." Ihr Aufsatz Das himmlische Kind erwähnt nicht nur die Folgen für das Sujet, das rasch zum "Symbol für Reinheit, Echtheit und Ursprünglichkeit" wurde. Damit verband sich allerdings auch eine erheblich eingeschränkte Sicht auf die reale, ungeschönte Individualität. "Erst in den 60er und 70er Jahren des 20. Jahrhunderts wurde Kritik an dem romantischen Konzept von Kindheit laut." Als Konsequenz, so Krystof, "stirbt es ziemlich schnell aus".



Charles Avery, Uncle Eugene's Funeral, aus der Serie:
The Life and Lineage of Nancy Haselwon, 1999
Sammlung Deutsche Bank

An seine Stelle treten andere Ideen. Konstant bleibt nur das Motiv, seine eindeutige Lesbarkeit aber verschwindet zugunsten zahlreicher Strategien, die sich jeder Künstler individuell aneignet. So tauchen bei Georg Baselitz mehrfach kindliche Typen auf – etwa in seinem skandalträchtigen Gemälde Die große Nacht im Eimer (1962/63), das einen Jungen nach dem Onanieren zeigt, oder auf dem Blatt Hundejunge. Seine Bilderwelt richtet sich gegen feste Kategorien ebenso wie falsche Ideale: Baselitz kreiert in jenen Heldenbildern der sechziger Jahre "neue Typen", die mit ihren wuchtigen Körpern als Arbeiter, Hirten oder Rebellen das Bildformat füllen. Und selbst wenn Marlene Dumas für ihr Blatt Girl from a Dutch Painting (1991) auf die Vorlage eines kanonisierten Jahrhunderts zurückgreift, entsteht ein autonomes Kinderporträt.



Florian Merkel, beide: Ohne Titel, 1993
Sammlung Deutsche Bank

Das Kinderbildnis wird zum Ort der Selbsterkundung. Wer immer den Mythos von der Kindheit als paradiesischen Zustand hinterfragt, entlarvt ihn als Illusion. Sei es Eberhard Havekost, dessen ausdruckslose Jungengesichter für Langeweile stehen oder Bisky, dessen Aquarelle alle stützen diffus zwischen sportlichem Spiel und grausamem Drill changieren. Ähnlich zwiespältig erzählt Charles Avery vom Kindsein: Auf seinem Gruppenbild Uncle Eugene’s Funeral ist der kleinste Friedhofsgänger nur eine störrische Person, die vom Vater mitgeschleift wird. Und sind die unbetitelten Spielszenen von Florian Merkel oder Hirschvogels dekorativ gerahmtes Babybild in all ihrer Bonbon-Farbigkeit nicht doch ein wenig zu bunt, um wahr zu sein?

Hirschvogel, Ohne Titel, 1992
Sammlung Deutsche Bank


Mit der Vertreibung aus dem Paradies verliert das Kinderbildnis schließlich seine Unschuld. Aus den Märchen mit ihren klaren Merkmalen von Böse und Gut konstruiert die japanische Künstlerin Miwa Yanagi aufwendig fotografierte Szenen, in denen brave Mädchen zugleich alte Vetteln und Hexen sind. Komplexe psychologische Überlagerungen treten an die Stelle schlichter Grundmuster und schaffen Platz für Kinderporträts, in denen die Dargestellten keineswegs nur friedlich harmlose Geschöpfe sind. Konstant bleibt der Blick des Künstlers, der das Kinderbildnis seit der Entdeckung des Sujets zur Projektionsfläche macht – ein Ventil für alle Wünsche, Sehnsüchte und Ängste der Erwachsenen.


Miwa Yanagi, Rapunzel, 2005, © Miwa Yanagi,
Courtesy Galerie Wohnmaschine, Berlin
Sammlung Deutsche Bank

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