In dieser Ausgabe:
>> Gespräch: Laura Owens
>> Interview: Markus Schinwald
>> Kinderbildnisse in der Sammlung Deutsche Bank
>> Kindliche Strategien in der Kunst

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Geführte Verführer: Ein Interview mit Markus Schinwald


Zurzeit ist sein "Korridor der Unsicherheiten" in Münster zu sehen – eine surreale Märchenlandschaft, die den Betrachter ins Stolpern bringt. Ganz egal, ob der junge Österreicher Markus Schinwald Marionetten wie den Rattenfänger von Hameln Kinder entführen lässt oder anonyme Hotelzimmer mit bizarren Protagonisten bevölkert, stets verbergen sich hinter seinen traumartigen Szenarien subtile Abgründe. Maria Morais hat den Künstler in Wien zum Gespräch getroffen.



Markus Schinwald, Foto: Maria Morais

Marionetten, Körper, Kleider und Prothesen. Die Requisiten sind dem Theater entlehnt. In seltsam unbeseelt erscheinenden Hotelzimmern spielen sich irreale Szenen ab. Die Menschen, die sich darin bewegen, vollziehen merkwürdige Handlungen. Ihre Körper unterliegen den Zwängen fetischartiger Bekleidung, deren endgültiger Sinn sich nicht erschließt. Markus Schinwalds Filme, Fotos und Installationen sind betörend schön und unheimlich zugleich. Und sie haben ihn fast unmerklich in die vorderste Reihe der internationalen Kunstszene gebracht. Seelische Zustände überträgt der 1973 in Salzburg geborene Künstler in ein physisches Äquivalent. Doch wenn der menschliche Körper nicht mehr ausreicht, die Abgründe der Psyche auszuloten, treten Marionetten an seine Stelle. Dann wird die Welt als Bühne begriffen, auf der sich kuriose Geschichten abspielen, die immer wieder nur das Eine wollen: eine psychologisch aufgeladene Innenwelt nach außen kehren.



Markus Schinwald, Children's Crusade, 2004,
Film Stills, Courtesy Galerie Georg Kargl, Wien

Maria Morais: Kinder spielen in Ihrer Videoarbeit "Children's Crusade" (2004) eine zentrale Rolle. Neben den historischen Ereignissen um die mittelalterlichen Kinderkreuzzüge greifen Sie dabei eine der bekanntesten Sagen des Abendlandes, den "Rattenfänger von Hameln" auf. Was hat Sie an diesen Motiven fasziniert?


Markus Schinwald, Dictio Pii, 2001,
Film Still, Courtesy Galerie Georg Kargl, Wien

Markus Schinwald: Eigentlich war die Themenwahl ein Zufall. Ursprünglich wollte ich mit einem Kinderchor arbeiten. Bei meiner Recherche bin ich dann auf die Geschichte mit den Kinderkreuzzügen gestoßen, die kaum bekannt ist, da die Kirche dieses Kapitel eher unterschlägt. Mich hat interessiert, dass sich die Historiker nach wie vor streiten, wie es dazu gekommen ist. Es gibt ja den Fakt, dass eine große Schar von Kindern – in Köln waren es etwa 30.000 und Frankreich sogar einige mehr – losgezogen ist, um nach Jerusalem zu wandern. Das Ganze wurde nicht von der Kirche getragen. Es gibt sogar Spekulationen darüber, ob nicht eigentlich Sklavenhändler dahinter steckten. Offen ist auch, ob die Kinder wirklich Krieg gegen die Ungläubigen führen wollten, oder ob Sie den Feind so zu Tränen rühren sollten, dass er freiwillig die Waffen fallen lässt. Dadurch dass manche Details in den verschiedenen Geschichten genau übereinstimmen, andere jedoch überhaupt nicht, entstand für mich eine Art 'Lücke' und die hat mich interessiert. So habe ich die historische Geschichte mit dem Rattenfänger-Mythos verbunden, der topografisch und chronologisch verdächtig nahe an den historischen Ereignissen liegt.

Welche Rolle spielen die Mechanismen von Verführung und Verirrung in "Children’s Crusade"?

Eine große. Deshalb habe ich die Hauptfigur auch mit einer Marionette besetzt. Eine Marionette wird ja ebenfalls geführt. Mir kam es darauf an zu zeigen, dass ein Geführter auch verführt. Es wird ja auch nicht klar, von wem diese doppelgesichtige Marionette gelenkt wird. Ich sehe die Figur eher als Platzhalter, die durch irgendetwas oder irgendjemand ersetzt werden muss.


Die anonyme Marionette ist dabei ein sehr unheimlicher Anführer.

Wenn manche Arbeiten unheimlich erscheinen, dann wohl eben deshalb, weil es diese 'Lücke' gibt, einen Zustand, in dem die Dinge verschiedene Bedeutungen annehmen können oder gar nicht erläutert werden. Das beginnt bei meinen Arbeiten mit den Prothesen. Auch die können nicht sofort mit einem bestimmten Sinn besetzt werden. Es handelt sich ja um Apparate, die einen Zweck erfüllen, den wir nicht kennen.

Eben diese Stimmung des Unbekannten, des Fremden lässt die von Ihnen inszenierten Situationen und Szenarien wie Bilder aus Träumen erscheinen. Was interessiert Sie an der Auseinandersetzung mit dem Unbewussten?

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