In dieser Ausgabe:
>> Interview Ellen Gallagher
>> Porträt Marlene Dumas
>> Neuankäufe 2005
>> Ausstellungs-Highlights 2006

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Kreative Unruhe:
Die aktuellen Neuankäufe der Deutschen Bank



Blumen des Bösen, provokante Formate, Reflexionen einer globalisierten Welt: Auch 2005 zeigten die Neuankäufe der Sammlung Deutsche Bank, wie die künstlerische Arbeit mit dem Medium Papier in all ihren Formen durchdekliniert werden kann. Christiane Meixner stellt eine Auswahl von jungen Highlights vor.

Meerschweinchen schwimmen nicht. Genauso wenig wie Maulwürfe oder Kaninchen, für die ein Ausflug ins Wasser der reine Alptraum ist. Dass sie es auf den Blättern von Katja Eckert dennoch können und dabei scheinbar schwebend durch flüssige Materie treiben, hat mehr mit technischen Finessen als mit der Wirklichkeit zu tun. Eckert erweitert das alltäglich Faktische um jene Ansichten, die durchaus möglich wären – würde man es mit derselben abgründigen Neugier sehen wie die junge Künstlerin.



Katja Eckert: Hase aus der Serie "Umwelt/Untitled", 2000,
Sammlung Deutsche Bank

Eckerts digitalisierte Zeichnungen auf Fotopapier gehören zu den jüngsten Ankäufen der Deutschen Bank. Hunderte Blätter internationaler Provenienz hat das Haus nach einer intensiven Sitzung der Ankaufskommission in seine Unternehmenssammlung aufgenommen, die als weltweit umfangreichste gilt. Da sich die Bank seit einem Vierteljahrhundert vorwiegend auf Papierarbeiten konzentriert, profitieren davon auch diesmal wieder internationale Künstler der Jahrgänge 1960 bis 1975, die das Medium in all seinen Facetten deklinieren.
Längst beschränkt sich die Zeichnung nicht mehr auf ein mehr oder minder abstraktes Motiv, das man zu Papier bringt. Der aktuelle Diskurs führt sowohl in die unmittelbare kunsthistorische Vergangenheit als auch in den konkreten Raum, den man mit Klebeband, Spanplatten aus dem Baumarkt oder anderen billig erworbenen Materialien Wand füllend gestalten und interpretieren kann. So macht es Markus Amm, dessen installative Arbeiten auf den historischen Konstruktivismus rekurrieren wie auf das Design und gegenwärtige Popmusik – ohne dass sich solche Referenzen für den Betrachter zufriedenstellend auflösen ließen.



Markus Amm: Nr. 9 aus der Serie "Untitled", 2005,
Sammlung Deutsche Bank

Ein Rest Unruhe bleibt, ähnlich wie im Fall der wuchernden Arbeit Mistletoe 2 von Simon Periton oder jenen Fleurs du Mal, die Christoph Schellberg mit Buntstiften und Kugelschreiber auf in Kaffee getränktes Papier gebracht hat und die sich erst bei konzentriertem Hinsehen aus Augen, Gesichtern und winzigen Totenköpfen zusammenfügen. Auch hier führt die ikonografische Verbindungslinie vom Vanitas-Symbol bis hin zu psychedelischen Zeichnungen der sechziger Jahre nicht zur lückenlosen Interpretation eines Motivs.


Simon Periton: Mistletoe 2, 2003,
Sammlung Deutsche Bank
Copyright Simon Periton, Courtesy Sadie Coles HQ, London

Christoph Schellberg: Blatt aus der Serie
"Fleurs du Mal", 2004,
Sammlung Deutsche Bank


Zitathaft, vielschichtig assoziativ und mit sichtbaren Rückgriffen auf eine Ästhetik, die die kunstimmanente Entwicklung der sechziger bis in die achtziger Jahre nachvollzieht: Solche Strategien scheinen zentral für die hier vertretenen Generationen. Zu ihnen zählt Thomas Werner, dessen fließende Frauenfigur problemlos den siebziger Jahren entsprungen sein könnte, der einen andererseits jedoch in zeitgenössischer Manier mit einem provokant überdimensionierten Format konfrontiert.


Thomas Werner: Girl (Pathosformel), 2005,
Sammlung Deutsche Bank, Copyright: Galerie Bärbel Grässlin, Frankfurt a. M.


Dazu gehören auch Nina Bovasso oder Maria Brunner. Während Bovasso metergroße Papierflächen mit abstrakten Bubbles füllt, montiert Brunner menschliche Augen, Münder und knallrote Kirschen zu leuchtenden, ornamentalen Blow-Ups. Was so plakativ-ansprechend daherkommt wie die Easyfun-Ethereal-Serie von Jeff Koons, in der Konsum zum Fetisch wird, trägt bei der 1962 geborenen Künstlerin allerdings Titel wie Von schwulen Blumen und schweren Gerüchen. Das passt nicht zu den populärkulturellen Emblemen und unterwandert ihren makellosen Eindruck.

Nina Bovasso: Eyeballs, 2005,
Sammlung Deutsche Bank
Maria Brunner:
Von schwulen Blumen und schweren Gerüchen, 2005,
Sammlung Deutsche Bank


Collagen sind auch das Thema der C-Prints von Werner Büttner, der bereits vor zwei Jahrzehnten und als Reaktion auf die reduzierte Sprache der Konzeptkunst zu ähnlichen Mitteln griff wie zeitgleich die Neuen Wilden in der Malerei. Ganz wie Martin Kippenberger oder Albert Oehlen, mit dem er 1976 die "Liga zur Bekämpfung des Widersprüchlichen Verhaltens" gründete, ging der Künstler jedoch sofort auf Distanz zu seinen eigenen Motiven. Die ironische Kritik an Konventionen jeder Art ist seither Büttners Markenzeichen, selbst wenn die unbetitelten Blätter so verlockend schöne Motive zeigen wie eine farbige Schlange im Gras oder ein antikes Haupt, an dessen Schläfe jemand eine Tube Farbe in Pistolenform drückt.


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