In dieser Ausgabe:
>> Interview Ellen Gallagher
>> Porträt Marlene Dumas
>> Neuankäufe 2005
>> Ausstellungs-Highlights 2006

>> Zum Archiv

 

Oft wird Ihre Arbeit mit dem Werk von Agnes Martin verglichen und so mit dem Minimalismus in Verbindung gebracht. Gleichzeitig bezieht sie sich aber auch auf alte Ausgaben von Magazinen wie "Ebony".

Was ich eigentlich mache, wird dabei oft nicht angesprochen. Wirklich interessant ist der zeitliche Rahmen, auf den ich mich als Künstlerin konzentriere. Ich beziehe mich im wesentlichen Teil meiner Arbeit auf die Zeit von 1932 bis 1972 – also von den Jahren vor dem 2. Weltkrieg über die Ära der Bürgerrechtsbewegung bis zum Vietnamkrieg und der Frauenbewegung. Von der Hoffnung auf Integration bis zum Erlöschen dieser Hoffnung. Die 1964 vom Ebony-Magazin herausgegebene Schallplatte "Kennedy and the Negro" mit Redeausschnitten von John F. Kennedy zum Thema Integration wird zum überragenden Sinnbild für dieses Versprechen und die hoffnungsvolle Stimmung im damaligen Amerika. Zugleich war diese Zeit aber auch lähmend. Ich spiele mit den Energien, die sich dabei angestaut haben.


Ellen Gallagher, "Afrylic" (Detail) , 2004,
Courtesy Gagosian Gallery



Was mich erstaunt, ist wie Ihr Archiv als Navigationsinstrument funktioniert.

Das auf meinen Arbeiten in einer Rasterstruktur angeordnete "Archiv" aus Magazinseiten bietet tatsächlich eine gute Orientierung. Auf dieser Bildebene erschaffe ich dann aber aus den Plastilin-Perücken eine weitere Oberflächenstruktur. Jede der einzelnen Knetgummiformen entsteht im Bezug auf die Perücken und die anderen Formen um sie herum. Manchmal verweist sie auch direkt auf den Text der Werbung, auf der sie angebracht ist. Es entsteht eine Art improvisierter Korrespondenz innerhalb der verschiedenen Schichten dieser Gemälde. Ich arbeite mit Wiederholungen und Überarbeitungen, um Verdichtungen oder Lücken zu schaffen. Eine Arbeit kann etwa eine Sequenz beinhalten, die auf ein unerfülltes Versprechen anspielt.

Beziehen sie sich auf die schwierige Lage, in der sich die Figuren auf Ihren Bildern oft befinden? So wie etwa die Krankenschwester Eunice Rivers, die im Rahmen des Tuskeegee Experiments zwischen 1932 and 1972 mit schwarzen Syphilispatienten gearbeitet hat?


Ja, das trifft aber auch auf Peg-Leg Bates zu, einen schwarzen Komiker mit einem Holzbein, der in jedem der Gemälde auftaucht. Er fungiert als mein Captain Ahab, als Navigator im Gittersystem. In Anspielung auf Ahabs düsteres Schicksal, das man ja aus Melvilles Moby Dick kennt, platziere ich oft die Figur einer unheimlichen Krankenschwester in seiner Nähe. Die Krankenschwestern sind Figuren, die immer wieder auftauchen. Als Schwindlerinnen, bei denen man nicht sicher sein kann, ob sie nun da sind, um zu heilen oder um Unruhe zu stiften. Sie sind erfunden, besitzen gleichzeitig aber auch einen ganz realen Bezug. Der Geist der schwarzen Krankenschwester Eunice Rivers "infiziert" das Gitter. Während des Tuskeegee Experiments wurden vor allem ungebildete, arme schwarze Farmer aus Alabama von weißen Ärzten im Dienste der Regierung dazu benutzt, die Auswirkungen der Syphilis zu erforschen. Eunice Rivers war die Kontaktperson für die Farmer und schleuste sie in dieses System hinein. Sie ahnten nicht, dass sie an einem Experiment teilnahmen und glaubten, das Gesundheitssystem würde sich um ihre Genesung kümmern. Obwohl das Heilmittel gegen Syphilis schon längst entdeckt war, wurde diesen Männern die entsprechende Behandlung verweigert. Als die Geschichte 1972 endlich bekannt wurde, spürte ein Reporter Eunice Richards auf und interviewte sie. Sie behauptete, dass sie nichts von dem Experiment gewusst habe und war sogar stolz darauf, dass sie die Farmer in das staatliche Gesundheitssystem integriert hatte. Vor ihrer Begegnung mit Schwester Rivers waren diese Männer noch nie in einem Krankenhaus oder im Kontakt mit der staatlichen Gesundheitsfürsorge. Es stellte sich dann aber heraus, dass dieses System selbst krank war.



Ellen Gallagher, aus der Serie "DeLuxe", 2005,
Sammlung Deutsche Bank, © Ellen Gallagher, Courtesy the artist and Hauser & Wirth Zürich London


Ihre Figuren wie etwa die Krankenschwestern sind "Trickster", also Schwindler. Das erinnert mich an Herman Melvilles satirischen Roman Confidence-Man (1857), in dem er das Phänomen des Schwindlers sehr einprägsam darstellt. Kennen Sie das Buch?

Das ist wirklich eine meiner Lieblingsgeschichten. Die Basis meiner eXelento -Gemälde bildet ein Raster aus 396 individuellen Porträts, die aus von mir archivierten Magazinen für Schwarze aus den fünfziger Jahren stammen. Jedes dieser Porträts habe ich mit Formen aus Plastilin ergänzt. Die Magazinseiten setzen sich zu einer Art Schelmenroman zusammen. Sieht man darauf eine einzelne Figur in verschiedenen Verkleidungen, die dich mit billigen Reklametricks betrügt, oder eine endlose Parade verschiedener Figuren? Diese Fragen drehen sich auch um die amerikanische Identität und ihre Brüche. Ich mag dieses Gefühl von Geschichte und Verkleidung. Im Bezug auf das Archiv erscheinen meine "Erfindungen" ja auch wieder zweifelhaft. Die Art, wie sich das Archivmaterial meinen Veränderungen widersetzt, zeugt auch von seiner starken Identität.



Ellen Gallagher, eXelento (Detail) , 2004,
Courtesy Gagosian Gallery


Welche Rolle spielen für Sie Fragen der Klassifizierung und der Identität?

Die Figuren für meine Arbeiten habe ich sozusagen rekrutiert. Sie werden aus ihrem alten Kontext gelöst und in ein fiktives Szenario gepresst, jede Wiederholung leitet dabei einen neuen Zustand dieser Charaktere ein. Für mich gibt es dabei zwei unterschiedliche Typen, diejenigen, die mitmachen, und diejenigen, die sich widersetzen.

Sozusagen Figuren, die ihrer Verwendung in diesem bildnerischen oder historischen Kontext zustimmen würden oder auch nicht. Oder Figuren, die einfach nicht die Form wahren – das spielt beim Knetgummi ja auch eine Rolle. In ihrer Arbeit geht es auch sehr stark um Bewegung. Knetmasse wird ja auch in Animationsfilmen verwendet.

Oder auch für Sprengstoff. In meiner Arbeit geht es darum, dass man etwas anbringen oder entfernen kann, ganz gleich ob wir nun über Melvilles Metaphern für Walfangschiffe oder die Middle Passage, die Route der Sklavenschiffe von Afrika nach Amerika, sprechen.


[1] [2] [3]