In dieser Ausgabe:
>> Interview Ellen Gallagher
>> Porträt Marlene Dumas
>> Neuankäufe 2005
>> Ausstellungs-Highlights 2006

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Ellen Gallagher, "Afrylic" (Detail) , 2004 Courtesy Gagosian Gallery Ellen Gallagher, aus der Serie "DeLuxe", 2005, Sammlung Deutsche Bank, © Ellen Gallagher, Courtesy the artist and Hauser & Wirth Zürich London





Sie sprechen die Themen Blindheit und Betrug an. Das erinnert mich an Shakespeares Figur des alternden Königs Lear, dessen Blindheit ganz real ist. Zugleich ist diese Blindheit auch eine Metapher für die Unfähigkeit, soziale Barrieren zu erkennen oder die Wirklichkeit zu sehen.

Es geht auch um die Weigerung zum sehen. Der einzige Punkt, an dem es in Bezug auf meine Arbeiten sinnvoll ist, über das Thema Rasse zu sprechen ist meine Auffassung von Subjektivität. Manche Betrachter stehen vor meinen Arbeiten und können keine Beziehung zu ihnen entwickeln, während andere die Zeichen lesen können, ganz gleich, ob es sich um formale Zusammenhänge oder auch ganz subjektive Dinge handelt. Wenn ich an etwas arbeite, lasse ich auch Missverständnisse oder andere Lesarten zu. Als Künstlerin erschaffe ich neue Erzählungen, die auf bereits bestehende Bedeutungsebnen aufbauen. Das ist genau wie mit den Colorforms von denen Sie erzählt haben, oder den Dingen, die ich bereits als Kind getan habe – wie etwa meiner Ausschneidepuppe einen Haufen Papierkostüme übereinander anzuziehen. Das hatte auch viel mit improvisiertem Aufschichten zu tun, mit einem Spiel aus Fragen und Antworten. Es geht dabei nicht um das Publikum. Viel faszinierender ist die Kluft zwischen dem vorgefertigten Material und den Möglichkeiten, es in seine Gewalt zu bringen und seine eigene Weise einzusetzen. Bei diesem improvisieren Spiel stellt man sich "blind" und erzeugt durch die eigene Vorstellungskraft neue Lesarten.


Ellen Gallagher, aus der Serie "DeLuxe", 2005,
Sammlung Deutsche Bank, © Ellen Gallagher, Courtesy the artist and Hauser & Wirth Zürich London


In ihrem Werk nehmen Sie dem Körper seine festen Erscheinungsformen, indem Sie ihn maskieren. Dabei stellen Sie auf ungewöhnliche Weise historische Lesarten des Blackface Minstrel in Frage, bei dem geschminkte Darsteller schwarze Stereotypen verkörperten, die stets als komisch und dümmlich dargestellt wurden. Minstrel Shows waren dabei nicht nur seichte Vaudeville-Unterhaltung, sondern auch gekünstelt und extrem erniedrigend. Ihre Arbeit zeigt dies nicht nur auf, sondern dringt in die Tiefe, interpretiert neu und versucht, sich der Identität des Subjekts zu vergewissern.

Blackface Minstrel ist eine Geistergeschichte. Es geht um Verlust: Auf der einen Seite ist da die schwarze Maske, auf der anderen Seite eine merkwürdige Form von Vergeistigung. Bert Williams hat die Maske des Minstrel reaktiviert. Ich kenne eine Aufnahme von ihm, er singt: "I Don’t Like the Face You Wear" – "Ich mag das Gesicht nicht, was du trägst", in diesem schrecklichen falschen schwarzen Akzent. Er singt den Text ganz langsam und interpretiert ihn als ein Zerrbild. Wie Melville gehören Blackface Minstrels zu den ersten großen amerikanischen Abstraktionen, sogar noch vor dem Jazz. Es ist die tatsächliche Integration des afrikanischen Körpers in die amerikanische Kultur. Nur die Augen und Lippen schweben scheinbar körperlos, wie Geiseln, im elektrischen Schwarz der Minstrel Bühne. Ich bin nicht daran interessiert, das Image von Sambo, dem schwarzen Jungen aus dem alten Kinderbuch, wieder zu erwecken. Bert Williams stellte dieses Zerrbild als eine Form in Bewegung dar. Er erweckte etwas, was eigentlich statisch sein sollte. Er eignete sich die Minstrel Maske an und brachte sie dazu, in seinem Sinne zu sprechen.


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