In dieser Ausgabe:
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Tatsächlich ist Averys namenlose Insel – deren Karte eine verzerrte Version des realen Mull darstellt – nicht einmal eine wirkliche Insel, sondern Teil ihres eigenen, in sich geschlossenen Universums, bevölkert von Menschen, gefallenen Göttern und einer unbestimmten Spezies namens If’fen. Dabei handelt es sich um ein Wortspiel mit einem Standardsatz philosophischer Logik: "If (x), then (y) – wenn (x), dann (y)". Die Insel ist ein bis ins kleinste Detail ausgearbeiteter, fiktiver Ort und Teil einer "illustrierte Enzyklopädie", an der Avery noch lange arbeiten wird.



Charles Avery, The Islanders - An Introduction, Installationsansicht,
Courtesy Doggerfisher, Edinburgh

"Ich bin kein Künstler", sagt er. "Ich bin ein Philosoph, der die Kunst als Basis seiner Träume nutzt. Die Insel ist die Ideenwelt, eine terra incognita . Wenn ich dorthin gehe, bin ich auf Entdeckungsreise."

Diese Gleichsetzung der Begriffe – Künstler, Philosoph – ist entscheidend. Für Avery sind Zeichnungen anschaulich gewordenen Ideen, die sowohl Objekte als auch keine Objekte sind. Zeichnen ist eine Tätigkeit, die Spuren hinterlässt, fast so wie ein Logiker die Etappen seines Denkprozesses auf ein Notizblatt kritzelt. Avery meint dies ausgesprochen ernst. Besonders wenn man sich die ursprüngliche Bedeutung des Wortes sincere (ernst) vergegenwärtigt. Es stammt von dem lateinischen Ausdruck sine cera (ohne Wachs) und bezieht sich auf einen Gegenstand, der ohne Wachs hergestellt wurde, ohne dieses Material, das dazu dient, Unebenheiten zu glätten. Für Avery sind die Relikte früherer Gedanken der Beweis fürs die Prozesshaftigkeit des Denkens. "Ich kaschiere meine Fehler nicht", sagt er über die Spuren, die er hinterlässt. "Sie hören auf, Fehler zu sein. Wenn ich sie ausradierte, werden sie zu Geistern."




Charles Avery, The grass is alive (Detail), 2005,
Courtesy Doggerfisher, Edinburgh


Charles Avery, Untitled (snakes), 2005,
Courtesy Doggerfisher, Edinburgh

Aber für Avery gibt es noch einen andern Grund, sein Inseluniversum so detailliert zu beschreiben – bis hin zum Archipel der Prozession der Natürlichen Zahlen und dem Meer der Klarheit im Süden und im Norden den Ewigen Wald, den kein Mensch je erblickt hat. Denn nur durch einen Prozess der Unterscheidung und Abgrenzung wissen wir, wer wir sind. Diese fundamentale Wahrheit, die Freud als Dreiecksbeziehung charakterisiert hat, hält uns davon ab, die flackernden Schatten an der Höhlenwand nur mit flüchtiger Neugierde zu betrachten."Darin liegt sehr viel vorsokratische Philosophie", sagt Avery und bestätigt so seine Verwendung von Platons berühmtem Höhlengleichnis als Analogie für das menschliche Bewusstsein. Deutlich wird dies vor allem bei jenem Teil der Installation, in dem zwei Gruppen nachgebildeter Kobras, die er vielleicht wegen ihrer aus Fabeln bekannten hypnotischen Fähigkeiten gewählt hat, voneinander getrennt sind – durch eine verspiegelte Scheibe, die einen Tisch in zwei Teile teilt. Die Welt existiert zwischen dem Bewusstsein der drei Schlangen auf jeder Seite der Trennwand. Auf den ersten Blick mag dieser Aufbau wie eine optische Täuschung erscheinen, aber das ist er keineswegs: auf der anderen Seite gibt es tatsächlich noch mehr Schlangen.



Charles Avery, Avatars, 2005,
Courtesy Doggerfisher, Edinburgh

Dies ist nur eine anderer Ausdruck dafür, dass Averys Welten niemals abgeschlossen sind. Der Betrachter kann darin auf eine "Kunst-Safari" gehen, wie der Künstler es scherzhaft nennt, aber skrupellose Händler sind auf seine Ankunft immer schon vorbereitet. Eine Zeichnung aus Die Insulaner zeigt einen etwas unheimlichen Laden, in dem Glasgefäße mit schlangenförmigen Objekten zum Verkauf bereit stehen. Die Kreaturen sind, im Jargon der Insel, Avatare : Das sind Ideen, schon fertig verpackt zum Mit-nach-Hause-nehmen, für die Art von Touristen, die auf Ausflügen zu Azteken-Tempeln die eingemeißelten Symbole bewundern, ohne je darüber nachzudenken, was sie bedeuten. Damit warnt Avery sowohl seine Künstler-Kollegen als auch jene, die Kunst konsumieren. "Jeder Gedanke und jede Idee ist eine Reise, und Künstler sind professionelle Träumer", sagt er mit Nachdruck zur ersten Gruppe, "also seid furchtlos." Und zur zweiten? "Kunst ist etwas, das nach meinem Verständnis im Bewusstsein des Betrachters existiert. Ich gebe eine Struktur vor, die der Betrachter ausfüllen und fortsetzen kann." Mit anderen Worten: Nutze dein Bewusstsein und dein träumendes Unbewusstsein sehr sorgfältig. Du weißt nie, was du finden wirst.

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