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Warten auf Wirkung
Die Buchstabenbilder von Hubert Kiecol in der Kantine des ibc


Mit Miniaturhäusern aus Beton ist Hubert Kiecol in den achtziger Jahren bekannt geworden. Skulpturen aus dem Alltag, die authentische Erfahrungen spiegeln und ästhetisch transformieren. Solche Häuser sind auch jetzt noch auf den Bildern des renommierten Künstlers zu erkennen, die er für das Casino des Frankfurter ibc geschaffen hat: Hier allerdings stehen die Motive gleichwertig neben Kiecols gemalten Satzfragmenten. Ulrich Clewing hat sie gelesen.



Hubert Kiecol, Glückliche Maße, 2004
Sammlung Deutsche Bank

Diese Worte sind nicht zu verstehen. Die Buchstaben ergeben einfach keinen Sinn. Oder etwa doch? Langsam, sehr langsam nur gewöhnt sich das Auge an den merkwürdigen Zeilenumbruch auf den Bildtafeln von Hubert Kiecol, die in der Kantine des ibc hängen. Zuerst nimmt man lediglich Bruchstücke wahr: die orange eingefärbten Wolkenbilder im Hintergrund; die seltsamen spitzgiebligen Häuser, die der Kenner mit einem Blick als jene Skulpturen aus Beton identifiziert, mit denen der 1950 in Bremen geborene Künstler zu Beginn der achtziger Jahre seinen Durchbruch in der internationalen Kunstszene feierte. Dazu gesellt sich die Aneinanderreihung von Lettern, die sich eher in der Vertikalen abzuspielen scheint als in der gängigen waagerechten Ausrichtung. Das alles ist in hohem Maße irritierend - bis man nach einer Weile darauf kommt, dass sich die Buchstaben eben doch zu Worten formen, die wiederum Sätze formulieren oder wenigstens Fragmente von Sätzen.



Blick ins Casino im Frankfurter ibc-Gebäude der Deutschen Bank

Wer dann anfängt zu lesen, wird mit teils kuriosen, teils alltäglichen Aussagen konfrontiert: Alleine unterhalten steht da, Initials BB oder Flüsternde Gestalten. Korrekte Tiere, Beschleuniger , Sachlich richtig und - das vor allem - Einverstanden. Initials BB , schönes Beispiel: Die Älteren unter den Kantinenbesuchern denken dabei vielleicht an die gleichnamigen Song von Serge Gainsbourg, der den Sex-Appeal von Brigitte Bardot feiert. Die um die Vierzig erinnern sich an Boris, den „Boum Boum Becker“ aus Leimen, der mit sechzehn Jahren kraft seines enormen Aufschlags zum ersten Mal Wimbledon gewann, wohingegen den Jüngeren die B-Boys des Hiphop einfallen, die coolsten Brüder unter der Sonne, zumindest der westlichen Hemisphäre. Während also die Interpretationen je nach Alter und Disposition ins Kraut schießen, ist der Betrachter längst dort, wo Hubert Kiecol ihn haben will: auf der Ebene der persönlichen Wahrnehmungen und Assoziationen, auf der allgemeine Eindrücke und Banalitäten sich aufspalten in individuelle Lesarten und Bedeutungen, Prägungen und Erinnerungen.



Hubert Kiecol, Glückliche Maße, 2004
Sammlung Deutsche Bank

"Man braucht gar nichts Außergewöhnliches zu zeigen, es geschieht ja genug", hat Kiecol, dem in den Frankfurter Zwillingstürmen der Deutschen Bank ein ganzes Stockwerk gewidmet ist, einmal zu Protokoll gegeben. In der Kunstwelt bekannt geworden ist der seit langem in Köln lebende Bildhauer durch seine Haus-Plastiken - kleine, zum Teil winzige, schematisierte Darstellungen von typisch deutschen Eigenheimen, die nun möglicherweise durch die Streichung der gleichnamigen Zulage in existentielle Gefahr geraten, die bundesrepublikanischen Vorstädte und verstädterten Dörfer aber gestalterisch so nachhaltig beeinflusst haben, dass sie aus dem kollektiven Gedächtnis nicht mehr wegzudenken sind.



Hubert Kiecol, Tisch mit acht Häusern, 1980

Damals baute Kiecol Häuser-Skulpturen in jeder Form. Er stellte "Gebäude" her aus grau-grünem Beton, den er manchmal nachträglich noch bemalte. In gewisser Weise war diese Serie von Skulpturen außerordentlich nahe dran an der Wirklichkeit, denn in ihr deklinierte Kiecol alle möglichen Varianten des alltäglichen, real existierenden Bauens: Mietshäuser, Bürogebäude, gerade und schiefe Türme nebst Bunkern als Überbleibsel des Zweiten Weltkriegs, bloß alles en miniature. Für seine größeren Plastiken benutzte er Ziegelsteine in gemauertem Verbund, ferner massive Holzbalken und Eisenbahnschwellen. Später kamen Materialien wie Glas und Stahl hinzu, die seine Plastiken zum Teil wie Gewächshäuser aussehen ließen.



Hubert Kiecol, Haus mit vielen Fenstern, 1984

Und im Grunde ging es dabei stets darum, mit gewohnten Wahrnehmungsmustern, Klischees, inneren und äußeren Bildern, ästhetischen Erfahrungen in authentischer und dabei gleichzeitig sehr spielerischer Art umzugehen. Von Kiecols Heimatstadt Bremen ist es nicht mehr weit bis nach Holland, dem Prototypen einer generalstabsmäßig organisierten, halb staatlichen und halb privaten Landwirtschaft. Die nähere Umgebung von Bremen zählt zu den am dichtesten besiedelten ländlichen Regionen in Deutschland.

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