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“Eins und eins ist zwei – das kann ja wohl jeder begreifen“
Das Deutsche Guggenheim präsentiert Hanne Darbovens "Hommage à Picasso"


In "Hommage à Picasso", Hanne Darbovens Auftragsarbeit für das Deutsche Guggenheim, taucht der Besucher in ein Meer von 9720 Schriftblättern. Darboven notiert darin das letzte Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts. Ihren Aufzeichnungen stellt sie die Kopie eines berühmten Bildes zur Seite: Picassos 1955 entstandenes "Sitzende Frau im türkischen Kostüm". Komplettiert wird die Rauminstallation durch eine Serie von Skulpturen – von einer bronzenen Büste Picassos bis hin zu aus Birkenzweigen geflochtenen Eseln. Angela Rosenberg über die Ausstellung und Darbovens schnörkelloses Werk.




Hanne Darboven mit ihren Ziegen
©Courtesy Galerie Crone Andreas Osarek, Berlin


Sie hieß Esmeralda und war ein Weihnachtsgeschenk seiner Frau Jacqueline Roque. Die Rede ist von Pablo Picassos Ziege, die er als Bronzeplastik und auf mehreren Leinwänden verewigte. Picasso selbst gilt als Ikone für das Künstlerische an sich, für ungebändigte Originalität, ständige Innovation und sinnlichen Ausdruck. Der schnell malende Künstler mit dem zunehmend expressiv-unbekümmerten Gestus schuf ein gigantisches Oeuvre. Besonders zum Ende seiner Karriere, als er in schneller Folge zahlreiche Bilder produzierte, notierte er auf deren Rückseiten nicht nur ihr Entstehungsdatum, sondern auch die Uhrzeit.



Hommage à Picasso (Detail) 1995-2006
Photo:Mathias Schormann
Copyright:© Hanne Darboven

Mickey heißt die Ziege von Hanne Darboven. Als grande dame der Konzeptkunst wird die exzentrische Hamburger Künstlerin gern bezeichnet, was nicht so richtig auf die zierliche Frau mit den kurz geschnittenen grauen Haaren passen mag, die sich bevorzugt in maßgeschneiderte Herrenanzüge kleidet. „Ich will keine Expressivität“ sagt Darboven kühl. Emotionalität darzustellen empfindet die Künstlerin als rauschhaft und künstlich, stattdessen begann sie als junge Künstlerin ab 1966 Konstruktionen zu entwickeln und diese in Ziffern auszuschreiben. Der entscheidende Schritt bestand in der Erkenntnis, dass sich in der Zahlenkonstruktion des Tagesdatums die Essenz der Zeit verbirgt. Das Aufschreiben der Zeit als Ausformulierung dieser Zahlenkonstruktionen füllt seitdem den streng geregelten, fast mönchischen Tagesablauf der Künstlerin als ungewöhnliche Schreibarbeit: "Ich schreibe, aber ich beschreibe nichts".



Hommage à Picasso (Detail) 1995-2006
Photo:Mathias Schormann
Copyright:© Hanne Darboven

Die von der Künstlerin aufgeschrieben Nummern zählen nichts, sie sind selbst Material der Zeit, die beim Schreiben verrinnt. Tausende Blätter hat die Künstlerin mit Zahlen gefüllt, ausgeschrieben in ihrer präzisen Handschrift, Tag um Tag, Woche um Woche, Monat um Monat, Jahr um Jahr. Zahlenreihen, Zeilen ausgeschriebener Zahlwörter und ihre charakteristisch auf Bögen reduzierte Schrift, halten die Zeit in Heften, Büchern, Tableaus und Blattfolgen fest. Ergänzt durch Fundstücke, Texte, Fotografien oder Zeitschriftencover, die als historische, gesellschaftliche und politische Reflektionen integriert werden, ergeben sich aus den numerischen Konstruktionen Darbovens trotz aller scheinbaren Monotonie immer wieder neue und überraschende Variationen. Zu umfassenden Installationen arrangiert breiten sich die Jahrhunderte nicht nur als zerronnene Zeit, sondern als diskret kommentierte Epochen vor dem Betrachter aus.

Bei ihrem ausgeprägten Interesse an Nummern könnte man annehmen, die Künstlerin sei eher an den Daten auf den Rückseiten von Picassos Gemälden interessiert. Aber als Reminiszenz an den „wichtigsten Künstler des 20. Jahrhunderts“ zeigt die Künstlerin ihre Blätter in handbemalten Rahmen, die von polnischen Kunsthandwerkern, inspiriert von Picassos Gemälde Sitzende Frau in türkischem Kostüm, hergestellt wurden. Hanne Darboven fordert damit Picasso als Ikone der Innovation in seinem vermeintlich ureigenen Terrain heraus. Dabei stellt sie weniger das Schaffen des Künstlers selbst in Frage, sondern vielmehr den Mythos vom Künstler als Originalitätsproduzent. Wie kaum ein anderer Künstler hat Picasso ein Heer an Epigonen zurückgelassen, die Handschrift, Stilistik und Motive des Künstlers bis zur vollkommenen Bedeutungslosigkeit verwässert haben, was nicht ohne Auswirkungen auf seine eigene Rezeption geblieben ist. Dieses Phänomen beobachtet die Künstlerin nicht ohne Vergnügen und illustriert es anschaulich durch weitere Objekte wie die hübschen Reisigesel oder eine üppige Bronzeziege, die deutlich an Picassos Esmeralda-Bronze angelehnt ist.


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