In dieser Ausgabe:
>> Hanne Darbovens "Hommage à Picasso"
>> Mehr als das Auge fassen kann

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Eine ganz andere Strategie der seriellen Fotografie als die der Becher-Schule verfolgen hingegen die Fotoarbeiten von Jürgen Klauke und Dieter Appelt. Mein Haus in Oppedette von Appelt oder Klaukes Formalisierung der Langeweile dokumentieren künstlerische Aktionen oder Performances, die von Anbeginn als Ausgangspunkte für ihre Fotodokumentationen angelegt waren. Das Ordnen und Sortieren mittels der Fotografie sind hier integrative Bestandteile der künstlerischen Arbeit und erfüllen neben der reinen Dokumentation auch einen ästhetischen und narrativen Zweck. Klauke fügt seine in sorgsam ausgeleuchteten Studios aufgenommenen Bilder zu Tableaus zusammen und sucht in bizarren Stillleben die psychischen Untiefen des Individuums auszuloten. Appelts in gestochenem Schwarzweiß fotografierte Serie zeigt ihn selbst als Gefangenen seiner Phantasiearchitektur. So liest sich Mein Haus in Oppedette wie das szenische Protokoll seiner Aktion in der französischen Provence, die dokumentiert, wie der Künstler unter dem glühenden Licht der steil einfallenden Sonne eine archaisch anmutende Behausung an einem kargen Felsen errichtet.



Dieter Appelt, Mein Haus in Oppedette, 1980,
Sammlung Deutsche Bank


Ebenso in der Tradition des Sammelns und Ordnens steht die Serie Händlerbörse, in der Peter Loewy an Computerarbeitsplätzen den Spuren ihrer Benutzer nachgeht und dabei Spielzeugautos, Stofftiere, Familien- und Urlaubsfotos, Wimpel oder Aufkleber entdeckt. Mehr noch als um eine Bestandsaufnahme geht es Loewy in seiner Fotografie jedoch um das Einfangen einer metaphysischen Ebene, wie seine Aussage zu der 1997 begonnenen Serie von Künstlerateliers offenbart: "Nun bin ich im Besitz vieler Fotos aus Künstlerateliers und muss mich der Frage stellen, was ich eigentlich gesammelt habe und warum. Kunstwerken wird nachgesagt, sie hätten eine Aura. Woraus besteht sie aber, wo kommt sie her? Schwebt sie vielleicht in den Ateliers und hängt sich an die Werke, wenn diese den Raum verlassen? Ein bisschen davon wollte ich wohl aufspüren, einfangen, mitnehmen. Das Ergebnis: eine Sammlung von Aura."





Tamara Grcic, Ohne Titel, New York, 1995,
Sammlung Deutsche Bank


Den Arbeiten der jüngeren Fotografen in der Ausstellung ist eine neue Tendenz abzulesen: Ihre seriellen Reihungen verschaffen dem Alltäglichen einen neuen Raum. Der Blick ist hier aufs Detail gerichtet, sucht mit Makroaufnahmen oder Unschärfen in der Wirklichkeit verborgene Momente einzufangen. In ihrer 12-teiligen Serie Ohne Titel, New York (1995) hat Tamara Grcic an einem Marktstand in Chinatown Stillleben von Gemüse und Obst fotografiert, die in ihrer Beiläufigkeit fast wie zufällig arrangiert wirken.



Sandra Meisel, Turquois Series - Alyssa, 2000,
Sammlung Deutsche Bank

Die Motive verströmen etwas Poetisches, was sie mit den ebenfalls gezeigten Arbeiten Sandra Meisels gemein haben. Doch hinter der verklärenden Oberfläche ihrer Serie Turquois Series - Alyssa (2000) verbirgt sich bei Meisel eine engagierte, aufklärerische Haltung: In ihren Fotoarbeiten verbindet sie gezielt soziale und formale Fragestellungen mit der ganz pragmatischen Forderung nach einem gerechteren Umgang mit Technologie, menschlicher Arbeit und Kreativität.


Wo in der aktuellen Fotografie dennoch weiterhin auf das Großformat zurückgegriffen wird, geht es häufig um die spielerische Überwindung von Gattungsgrenzen oder das Aufzeigen derselben. Martin Liebschers verschwommene Schwenks über den Dächern Frankfurts in Frankfurt/Zeil (1995) wirken wie eingefrorene Filmsequenzen, wohingegen Wim Wenders monumentales Cinemascope-Foto Streetfront in Butte, Montana (2000) mit einem die Kinoleinwand simulierenden Format seine Herkunft fast schon überaffirmativ in Szene setzt.



Martin Liebscher, Frankfurt/Zeil, Ausschnitt, 1995,
Sammlung Deutsche Bank, © VG Bild-Kunst, Bonn 2006


Mit einem breit gefächerten Panorama deutscher Fotografie nach 1945 bietet Mehr als das Auge fassen kann nicht nur einen repräsentativen Einblick in den fotografischen Bestand der Sammlung, sondern zugleich ein divergente Annäherung an die alltägliche Realität. In den abschließenden Worten zum Katalog der Schau fasst dies Friedhelm Hütte, Direktor der Deutsche Bank Art so zusammen: "Erst im Bereich, der weder für die Kamera noch das Auge abbildbar ist, dort wo Sehen durch Erinnerung und Gefühl erst zur Wahrnehmung wird, sich Optik in Erleben verwandelt, wo unsere inneren Bilder aufleuchten, dort entsteht Wirklichkeit."



Wim Wenders, Streetfront in Butte, Montana, 2000,
Sammlung Deutsche Bank


Mehr als das Auge fassen kann zeigt Arbeiten von:
Dieter Appelt, Brigitte Bauer, Cecile Bauer, Lothar Baumgarten, Bernd & Hilla Becher, Johannes Bernhard Blume, Frank Darius, Gerald Domenig, Thomas Florschuetz, Günther Förg, Jochen Gerz, Imi Giese, Claus Goedicke, Gotthard Graubner, Tamara Grcic, Andreas Gursky, Petra Herzog, Candida Höfer, Ottmar Hörl, Stephan Huber, Axel Hütte, Delia Keller, Jürgen Klauke, Astrid Klein, Imi Knoebel, Raimund Kummer, Martin Liebscher, Peter Loewy, Katharina Mayer, Sandra Meisel, Ralph Müller, Ralf Peters, Hermann Pitz, Sigmar Polke, Bernhard Prinz, Dieter Rehm, Gerhard Richter, Julian Rosenfeldt, Thomas Ruff, Jörg Sasse, Jürgen Schmidt, Katharina Sieverding, Annegret Soltau, Jörg Spamer, Daniela Steinfeld, Thomas Struth, Susa Templin, Wolfgang Tillmans, Timm Ulrichs, Wim Wenders, Dorothee von Windheim, Gerhard Winkler, Valentin Wormbs

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