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Mehr als das Auge fassen kann
Fotokunst aus der Sammlung Deutsche Bank tourt durch Lateinamerika



Mit "Mehr als das Auge fassen kann" präsentiert die Deutsche Bank erstmalig eine umfassende Auswahl von Fotoarbeiten aus ihrer Sammlung. Die Schau entwirft ein facettenreiches Panorama der deutschen Fotografie der Gegenwart – von den modernen Klassikern der Düsseldorfer Schule bis zu jüngsten Protagonisten wie Delia Keller oder Sandra Meisel. Maria Morais stellt die Wanderausstellung vor, die jetzt ihre Premiere im MARCO Museum im mexikanischen Monterrey feiert.



Julian Rosefeldt, Oktoberfest, 1996-99,
Sammlung Deutsche Bank

Grell erleuchtet und mit tausenden von Menschen bis auf den letzten Platz angefüllt scheint das geschmückte Festzelt förmlich aus dem Bildausschnitt zu fließen. Das All-over aus Licht, Fahnen, Bannern, Tischen, Bänken und Gewimmel bringt das Bild zum Vibrieren und zieht den Betrachter zugleich mit einem unwiderstehlichen Sog in die Tiefe des Zeltbaus, der sich im Hintergrund in gleißend weißer Unschärfe auflöst. Julian Rosefeldts zentralperspektivisch fotografiertes Oktoberfest erscheint beinahe exemplarisch für das Thema der Ausstellung, als deren Teil die Arbeit ab Ende Januar durch Lateinamerika touren wird: Mehr als das Auge fassen kann – Fotokunst aus der Sammlung Deutsche Bank .



Andreas Gursky, Tokyo Börse, 1990,
Sammlung Deutsche Bank, © Courtesy: Monika Sprüth Galerie, Köln/VG Bild-Kunst, Bonn 2006

Mit der Wanderausstellung, die in den nächsten zwei Jahren in renommierten Museen in Monterrey, Mexiko-City, Bogota oder Sao Paulo gezeigt wird, gibt die Sammlung Deutsche Bank erstmals einen umfassenden Überblick der fotografischen Arbeiten aus ihrem Bestand. Dabei richtet die Ausstellung den Fokus auf die deutsche Fotografie nach 1945 und ihre Verbindung zu anderen Kunstformen und Strömungen – von den typologisch geprägten seriellen Anfängen bis hin zu den Großformaten, die seit den achtziger Jahren mit Skulptur und Malerei in Konkurrenz treten.



Candida Höfer, Museum für Völkerkunde Dresden I + II, 1999,
Sammlung Deutsche Bank, © VG Bild-Kunst, Bonn 2006

Mit seinen überbordenden Details versinnbildlicht das sakral anmutende Oktoberfest nicht nur den Titel der Schau. Es bezeichnet auch ein Stück moderner deutscher Fotografiegeschichte. "Es geht um eine Abwandlung des schon Bekannten", sagt Rosefeldt rückblickend zu seiner Arbeit. "Das Oktoberfest ist ein Raum des Alltäglichen und der lokalen Folklore, die sich jedes Jahr als Ritual wiederholt - und die jedes Jahr eine Meldung in den Nachrichten wert ist." Zugleich war Rosefeldt an dem archaischen Kontext interessiert, der im Bild aufscheint: "Ich musste dabei an Gemälde wie Albrecht Altdorfers Alexanderschlacht denken, und auch die Fotos, die Andreas Gursky auf Techno-Raves gemacht hat, erinnern mich immer wieder an Schlachtengemälde". Dass er auf den Düsseldorfer Fotokünstler Andreas Gursky Bezug nimmt, ist nahe liegend, denn das monumentale Oktoberfest entstand Mitte der neunziger Jahre auf dem Höhepunkt des Booms um die von Bernd und Hilla Becher geprägte Düsseldorfer Schule.



Thomas Struth,
Broadway at Wall Street New York/Wall Street, 1978,
Sammlung Deutsche Bank


Thomas Struth,
Broad Street New York/Wall Street, 1978,
Sammlung Deutsche Bank

Im Gegensatz zu den Bechers, die für ihre Architektur-Fotografien früh den Begriff "anonyme Skulpturen" verwendeten und damit eine Neudefinition der öffentlichen Plastik anvisierten, wandten sich ihre ebenfalls in der Schau vertretenen Schüler Candida Höfer, Andreas Gursky und Thomas Struth architektonischen Situationen zu. Ausgehend von der Idee, dass diese Räume die Verfassung der Öffentlichkeit prägen und von ihr geprägt sind, zielen ihre Aufnahmen von Architekturräumen darauf, die Bedingungen des öffentlichen Bewusstseins sowie kollektive Befindlichkeiten aufzunehmen und in einem Bildarchiv verfügbar zu machen.



Bernd und Hilla Becher, Hochöfen, 1972,
Sammlung Deutsche Bank, © Bernd und Hilla Becher, Konrad Fischer Galerie, Düsseldorf

In diesem Zusammenhang nehmen die von Bernd und Hilla Becher gezeigten Serien Hochöfen , Kühltürme und Wassertürme (alle 1972) auf Grund ihrer wegweisenden Bedeutung für die Neuformulierung fotografischer Grundsätze für die Ausstellung eine zentrale Stellung ein. Von ihnen selbst als "Typologien" bezeichnet, ordnet das Künstlerpaar seine fotografierten Objekte nach funktionalen, regionalen, historischen und ästhetischen Aspekten. Die gleichfalls in der Ausstellung gezeigten Arbeiten von Thomas Struth veranschaulichen, wie die Becher-Schüler diese Maßgaben thematisch erweiterten. Atmen seine frühen Aufnahmen von Straßen in New York noch deutlich den Einfluss seiner Lehrer, so verdeutlicht die Gegenüberstellung mit dem gut zehn Jahre später entstandenen Louvre 2 Paris wo diese erste Nachfolgegeneration ihr neues Experimentierfeld fand: in großformatigen fotografischen Einzelbildern.



Thomas Struth, Louvre 2 Paris, 1989,
Sammlung Deutsche bank

Zwar sind Thomas Ruffs monumentale Porträts von Freunden oder Gurskys Aufnahmen von Wertpapierbörsen weiterhin als Serien konzipiert, dennoch lenkt die schiere Größe der Motive die Aufmerksamkeit viel stärker auf das einzelne Werk. Verstärkt wird dieser Effekt durch die zusätzliche Aneignung malerischer Bildaufbauten - wie etwa Rosefeldts Bezug auf Altdorfers Alexanderschlacht. Wie sehr sich die Fotografie dabei auch der Malerei annähert, zeigt Delia Keller mit ihrer Bauhaustreppe, die Schlemmers gleichnamiges Motiv an der berühmten Treppe in Dessau fotografisch nachstellt. Die Nachahmung des gemalten Bildes durch die großformatige Aufnahme verweist nicht zuletzt auf das ausgeprägte Selbstbewusstsein junger Fotografen, die ihre Werke in direkte Konkurrenz zur Malerei setzen.
Thomas Ruff, Porträt (Elke Denda), 1988, Sammlung Deutsche Bank, © VG Bild-Kunst, Bonn 2006 Delia Keller, Die Bauhaustreppe, 2000, Sammlung Deutsche Bank, © VG Bild-Kunst, Bonn 2006


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