In dieser Ausgabe:
>> "Mehr als das Auge fassen kann": Interview mit Friedhelm Hütte
>> Presse William Kentridge

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Ende 2004 zeigte die Sammlung Deutsche Bank "Aus deutscher Sicht", eine Überblicksschau deutscher Kunst des 20. Jahrhunderts. Mit "Mehr als das Auge fassen kann" tourt nun wieder eine rein deutsche Schau durch Südamerika, obgleich in der Sammlung auch hervorragende Fotoarbeiten ganz unterschiedlicher Länder vertreten sind. Während das Kunstengagement der Deutschen Bank global ist, setzen Sie auf nationale Eigenheiten. Warum?

Bei 3.000 fotografischen Werken in der Sammlung muss man sich bei der Zusammenstellung einer "kleinen" Auswahl ganz genau fragen, was die Auswahlkriterien sind und einen klaren Fokus haben. Sicherlich gibt es auch stark zunehmend hervorragende Werke von nicht-deutschen Künstlern. Aber der Schwerpunkt der Sammlung lag bis vor einigen Jahren vor allem auf deutscher Fotokunst, und bei so einem großen Bestand konnten wir hier wirklich "aus dem Vollen" schöpfen und die besten Beispiele für die Ausstellung heraussuchen. Außerdem hat sich – genauso wie bei der Heftigen Malerei – gezeigt, dass es eine sehr spannende Wechselbeziehung speziell zwischen lateinamerikanischer und deutscher Fotografie gibt, die bis in die vergangenen Jahrhunderte zurückreicht.



Gotthard Graubner, Ohne Titel
(Buddhistisches Kloster in Bhutan/ Himalaya), um 1976
Sammlung Deutsche Bank

Mit Imi Knoebel , Gotthard Graubner und Gerhard Richter sind auch Künstler in der Ausstellung vertreten, die man eigentlich nicht als Fotografen bezeichnen würde. Gibt es so etwas wie eine Trennlinie zwischen der Fotografie und den anderen künstlerischen Gattungen?

Wir haben in der Unterzeile zum Titel der Ausstellung ganz bewusst "Fotokunst" als Begriff ausgewählt: Mehr als das Auge fassen kann – Fotokunst aus der Sammlung Deutsche Bank . In den Katalog-Essays der lateinamerikanischen Autoren kommt zum Ausdruck, dass sich die Fotografie in Lateinamerika sehr stark aus der Reportage heraus entwickelt hat, aus der Landschaftsdarstellung, der Reisefotografie und dem Wirken von Fotografen, die für Zeitschriften gearbeitet haben. Natürlich gibt es diese Nähe zur Reportage und Dokumentation in der Fotografie auch in Deutschland. "Fotokunst" bedeutet eine Arbeitsweise, bei der die Kamera wie Pinsel und Meißel, oder konzeptionell eingesetzt wird. Von Knoebel gibt es zahlreiche frühe fotografische Experimente. Gerhard Richter hat neben der überwiegenden Malerei auch ein fotografisches Werk geschaffen, ebenso wie Sigmar Polke. Es gibt da eine ganze Reihe von Malern, die nicht nur beiläufig die Kamera benutzt haben. Eine wirkliche Überraschung für mich war allerdings die Arbeit von Gotthard Graubner. Seine Tanzenden Mönche nehmen eine Sonderstellung in seinem Werk ein.



Gerhard Richter,
aus der Serie: Sechs Photos 2.5.89-7.5.89, 1991,
Sammlung Deutsche Bank

Delia Keller, Die Bauhaustreppe, 2000
Sammlung Deutsche Bank, © VG Bild-Kunst, Bonn 2006


Fotografie war in der Sammlung der Bank schon lange vertreten bevor der Boom um dieses Medium auf dem Kunstmarkt ausbrach. Wie kam es zu diesem frühen Interesse an der Fotografie?

Wir haben von Anfang an festgelegt, dass wir Werke auf Papier sammeln. Dazu gehören Aquarelle, Zeichnungen, Gouachen und natürlich auch die Fotografie. Es war einfach ein "mediales" Kriterium zu sagen, alles was auf Papier entsteht, wird von der Bank gesammelt. Da gab es auch nie eine Diskussion darüber, ob die Fotografie zur bildenden Kunst gehört oder nicht.



Daniela Steinfeld, Klassenzimmer, 1994
Sammlung Deutsche Bank, © VG Bild-Kunst, Bonn 2006


Welche der ausgestellten Arbeiten finden Sie besonders faszinierend?

Von der Idee her gefällt mir Ottmar Hoerls Schwäbischer Traum, mit seiner Fahrt durch die deutsche Vorstadt. Eine Entdeckung waren für mich die bereits erwähnten Arbeiten von Gotthard Graubner. Wenn man sich diese wenig bekannte Serie genau anschaut, passt sie sehr gut zu seinen Farbraumkissen, das Verwischte in den Gewändern der Mönche und der spirituelle Hintergrund stehen im Bezug zu diesen Arbeiten. Die Klassenzimmerfotografien von Daniela Steinfeld rufen bei mir ganz persönliche Assoziationen hervor, meine Lehrer früher sahen auch so aus, wie die in Steinfelds Klassenzimmern. Da gerät man unversehens in Gedankenspiele, wer davon wohl der Geschichtslehrer oder der Mathelehrer sein könnte. Und man wird natürlich auch an August Sanders Porträts erinnert - der Kreis schließt sich.


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