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"Mehr als das Auge fassen kann": Interview mit Friedhelm Hütte


Mit "Mehr als das Auge fassen kann" präsentiert die Sammlung Deutsche Bank ab Februar erstmals eine Gruppenausstellung, die allein der Fotografie gewidmet ist. Von Dieter Appelt bis Wolfgang Tillmans werden Arbeiten von über 50 deutschen Fotokünstlern gezeigt, deren Spektrum von modernen "Klassikern" um die "Düsseldorfer Schule" bis zu ganz jungen Vertretern der deutschen Fotoszene reicht. Nach ihrem Start im mexikanischen Monterrey wird die Auswahl durch weitere bedeutende Museen Lateinamerikas reisen und in Mexico-City, Bogota, Buenos Aires, Lima, Sao Paulo und Santiago de Chile zu sehen sein. Friedhelm Hütte, Direktor der Deutsche Bank Art, erläutert im Interview mit Maria Morais Hintergründe und Entstehungsgeschichte der Schau.


Friedhelm Hütte, Direktor Deutsche Bank Art


Maria Morais: Wie entstand die Idee zur Ausstellung "Mehr als das Augen fassen kann"?

Friedhelm Hütte: Die grundsätzliche Idee, eine weitere Ausstellung in Lateinamerika zu zeigen, ergab sich unmittelbar aus dem Erfolg und der Akzeptanz der vorhergehenden Präsentation Heftiger Malerei. Die Ausstellung Il Ritorno dei Giganti/Die Rückkehr der Giganten war von 2002 bis 2004 durch Lateinamerika getourt und lief so gut, dass von den beteiligten Museen eine baldige Wiederholung gewünscht wurde. Dass wir uns nun gerade für eine Fotografie-Ausstellung entschieden haben, hatte mehrere Gründe, denen viele Fragen voraus gingen: Was für ein Thema könnte in den lateinamerikanischen Ländern interessant sein? Was wurde dort noch nicht so häufig gezeigt? Was könnte das für eine Ausstellung sein, die dort auf wirkliches Interesse stößt? Worin erscheint Deutschland besonders interessant? Da lag es dann schon bald auf der Hand, sich für eine Fotografie-Schau zu entscheiden. Wir haben ja schon etliche Ausstellungen präsentiert, die Einblick in unsere Sammlung geboten haben, darunter Arbeiten auf Papier oder die Jubiläumsschau 25, die, nach ihrer Station in Berlin letztes Jahr, in diesem Frühjahr in Japan zu sehen sein wird. Eine reine Fotografie-Ausstellung gab es aber noch nicht. Diesen Einblick in die Sammlung – zu der rund 3.000 Fotoarbeiten zählen – haben wir bisher noch nicht geboten.



August Sander, Lackierer, © Photograph. Samml./SK Stiftung Kultur-A. Sander Archiv, Köln/VG Bild-Kunst, Bonn 2006

Die Ausstellung tourt zwei Jahre durch unterschiedliche südamerikanische Hauptstädte. Wie kamen die Kontakte zu den großen Museen, in denen die Ausstellung gezeigt wird, wie etwa in Mexiko-City, Sao Paulo oder Bogota, zustande?

Mit einigen Museen sind wir bereits seit vielen Jahren verbunden. Da könnte man fast schon von Partnermuseen sprechen, zu denen zählen zum Beispiel das MAM , das Museum für Moderne Kunst in Sao Paulo, oder das MARCO Museum für zeitgenössische Kunst in Monterrey. Da waren wir bereits zu Gast und das hat sich sehr bewährt. Die anderen beteiligten Museen in Chile, Kolumbien, Peru und Argentinien sind durch die Kontakte der Deutsche Bank Stellen in den jeweiligen Städten zustande gekommen.




Thomas Ruff, Porträt (Thomas Bernstein), 1988
Sammlung Deutsche Bank, © VG Bild-Kunst, Bonn 2006


Was hat Sie an der Idee der Reihung und dem Großformat in der Fotografie besonders interessiert?

Beide Formen sind besonders typisch für die deutsche Fotografie. Die Reihung oder die Arbeit in Serien geht ja bereits auf August Sander und Karl Blossfeldt zurück. Mit den Becher-Schülern gab es dann Jahrzehnte später eine große formale Neuerung. Struth, Gursky und Ruff haben das Großformat in der Fotografie mehr oder weniger erfunden, zumindest aber zum Erfolg geführt. Inzwischen ist auch dieses Format für die deutsche Fotografie typisch geworden. Diese Entwicklungen sind in der Sammlung Deutsche Bank besonders gut dokumentiert. Wir haben oft Reihen und Serien angekauft und auch großformatige Fotografien sind zahlreich vorhanden.




Thomas Struth, Dey Street New York/ Wall Street, 1978
Sammlung Deutsche Bank

Die Fotografie der Bechers ist assoziiert mit "typisch deutschen" Tugenden: analytischer Blick, Nüchternheit, Kategorisierung. Würden Sie sagen, dass dies auch typische Merkmale für die deutsche Fotografie nach 1945 sind?

Da würde ich nicht zustimmen. Wenn man sich den Katalog anschaut, sieht man, dass wir gerade auch nach Beispielen gesucht haben, wo dies nicht der Fall ist. Wir haben Arbeiten ausgewählt, die eben nicht von diesem analytischen Blick geprägt sind, in denen ein subjektiver Blick vorherrscht. Es gibt in der Ausstellung Künstler, die ihre Arbeit als Reihe ordnen, dabei nichts Analytisches im Sinn haben, sondern vielmehr versuchen Abläufe darzustellen, Dynamik, Rhythmus oder eine Bewegung zu simulieren. Susa Templins Putzen etwa oder Gotthard Graubners Tanzende Mönche, da steckt ungeheuer viel Bewegung drin, das rückt stark in die Nähe von Film. Wenn man sich Jürgen Klaukes Fotoarbeiten in der Ausstellung anschaut, dann sieht man, wie mystisch und surrealistisch sie sind. Das hat gar nichts mit der Becher-Schule zu tun und trotzdem sind es serielle Arbeiten. Eigentlich haben wir uns eher bemüht zu veranschaulichen, dass die nüchterne Analyse nur eine von vielen Facetten in der deutschen Fotografie ist.


Susa Templin, aus der Serie: Putzen, 1993
Sammlung Deutsche Bank



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