In dieser Ausgabe:
>> Portrait Hanne Darboven
>> Interview: Tim Eitel
>> Dieter Roth & Dorothy Iannone
>> Interview: Uta Barth

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Ihre Architekturen und Landschaften wirken meist ortlos und irreal.

Das ist unterschiedlich. Bei den früheren Museumsbildern waren viele tatsächlich an reale Museen angelehnt, die dann sogar im Titel auftauchten. Später bin ich immer mehr dazu übergegangen, Orte zu konstruieren, sie also zu erfinden. Letztlich geht es mir doch mehr um eine allgemeine Richtlinie, um einen Typus von Architektur oder Landschaft.



Tim Eitel, MMK, 2001,
Foto Uwe Walter, Berlin,
Courtesy Galerie EIGEN + ART, Leipzig/Berlin,
© VG Bild-Kunst, Bonn 2006

Um welche Art von Zivilisationserfahrung geht es in Ihren Bildern?

Auf jeden Fall um die Zivilisation, in der ich lebe. Vor allem geht es mir um die Oberflächen der Zivilisation, die viel über tiefer liegende Strukturen verraten. Zum Beispiel die repräsentative Architektur und das Verhältnis des Menschen dazu. Im öffentlichen Raum geht es doch meistens darum, Macht darzustellen. Da finde ich es interessant zu beobachten, wie sich der Mensch in der Architektur behauptet. Zudem muss ich gestehen, dass ich ein Haltungsfetischist bin. Ich beobachte mit Vorliebe, wie jemand steht, wie er seine Schultern hochzieht oder fallen lässt. Mich interessiert, wie viel Psychologie sich in Körperhaltungen ausdrückt. Ich glaube daran, dass sie sich ändern, ja dass es auch dafür Moden gibt. Dem spüre ich nach.

Die Natur in Ihren Gemälden wirkt oft abstrahiert und auf Farbflächen reduziert.

Die Natur, die ich darstelle, ist eine artifizielle. Ich denke, ich teile mit vielen anderen meiner Generation die Empfindung, dass die Natur heute nicht in erster Linie als Natur wirkt, sondern als künstlicher Erfahrungsraum. Sie ist längst vom Menschen erschlossen und hat Erlebnischarakter. Sie ist Landschaftsgarten oder Freizeitpark, in dem sich die Städter erholen. Also der völlige Gegensatz zu dem, was Natur einmal vielleicht war, nämlich das Wilde und große Unbekannte, die Bedrohung, wie sie sich uns nur noch gelegentlich in Katastrophenfällen in Erinnerung ruft.




Tim Eitel, Teich, 2004, Foto Uwe Walter, Berlin,
Courtesy Galerie EIGEN + ART, Leipzig/Berlin,
© VG Bild-Kunst, Bonn 2006


Und trotzdem denkt man vor Ihren Bildern immer wieder an romantische Traditionen, in denen die göttliche, unberührte Natur eine so große Rolle spielt.

Das liegt vor allem an manchen formalen Ähnlichkeiten. Meine Bilder werden ja häufig mit Caspar David Friedrich verglichen. Da gibt es auch durchaus Bezüge, die mir bewusst sind. Trotzdem sehe ich in meiner Malerei den romantischen Gegensatz zwischen Natur und Zivilisation aufgehoben. Auch geht es mir bestimmt nicht um das Göttliche in einer Landschaft.



Tim Eitel, Küste, 2004,
Foto Uwe Walter, Berlin,
Courtesy Galerie EIGEN + ART, Leipzig/Berlin,
© VG Bild-Kunst, Bonn 2006

In Ihren jüngeren Arbeiten sind die zuvor so Licht durchfluteten Landschaften monochromen Hintergrundflächen gewichen.

Das war eine längere Entwicklung. Ich habe ja mit Interieurs angefangen. Dann malte ich eine Zeit lang Landschaften – auch wenn es gar nicht so viele waren, wie manche meinen. Aber durch die Landschaften gewann ich einen neuen Blick auf die Interieurs. Ich kann sie nun atmosphärischer malen. Bei der Arbeit an einer Wolke merkte ich auf einmal, dass ich mit fein nuancierten Grautönen eine ganz andere Stimmung und auch eine ganz andere Art von Raum erzeugen kann. Es gelang mir mit dem relativ schmalen Spektrum von Grau besser als mit stärkeren Farben, scharfe Formen zu setzen, die trotzdem atmosphärisch wirken. Ich kann harte Flächen setzen, das heißt ich füge eine graue Fläche neben die andere, und manchmal erzeugt erst eine in die Flächen gesetzte Figur den räumlichen Eindruck.



Tim Eitel, Selbstportrait, 2005,
Foto Uwe Walter, Berlin,
Courtesy Galerie EIGEN + ART, Leipzig/Berlin,
© VG Bild-Kunst, Bonn 2006

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