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Einige der diesjährigen Arbeiten scheinen hingegen eher zufällig ins Programm gerutscht, so auch Paul Chans effektvolle aber leider etwas substanzlose digitale Projektion 1st Light (2005). Denkt man an Chans von Alexander Calders Mobiles inspirierten Arbeiten, seinen unerlaubten einmonatigen Aufenthalt im Irak oder sein Engegement für die Hilfsgruppe Voices in the Wilderness, ist die Erwartungshaltung gegenüber dieser Arbeit schon sehr hoch. Statt seine Bildwelt mit starken politischen Symbolen aufzuladen, ärgert er den Betrachter mit flüchtig anmutenden Scherenschnitten von Vögeln und anderen umherfliegenden Dingen. Jordan Wolfsons Schwarzweißfilm ist stumm und nutzt die Gebärdensprache, um ein Stück von Charlie Chaplins Der Große Diktator nachzuspielen. Das Ergebnis ist eher dürftig.


Paul Chan, 1st Light, 2005
©Copyright Cheryl Kaplan 2006. All rights reserved.

DTAOT: COMBINE (DON'T TRUST ANYONE OVER THIRTY, ALL OVER AGAIN) heißt die Rockoper, die von Dan Graham, Tony Oursler, Laurent P. Berger, and Japanther 2005 auf der Art Miami Basel aufgeführt wurde. Auf der Biennale wird die verfilmte Fassung vorgestellt. Während das Live-Element diesmal jedoch fehlt, schlug das Leben zu: Der Wärter Claude Mc Kay, der die Video-Installation bewachte, kollabierte und musste ins Krankenhaus gebracht werden. Zwei Tage später, bei der Privatführung für die Gäste der Deutschen Bank, ist er allerdings wieder wohlauf und hält gewissenhaft jeden über Dreißig davon ab, sich die Arbeit anzuschauen.



Marilyn Minter, Stepping Up, 2005
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Im Rahmen der Biennale vermag auch vermeintlich Subkulturelles kaum an den Normen zu rütteln. Würde man Marilyn Minters Gemälde von eklig verkrustete Fersen in Stöckelschuhen Stepping Up (2005) etwas mehr Raum gelassen, würde das Bild sein fieses Potential besser entfalten können. Und was Dekadenz angeht: Die Besucher stehen Schlange, um Francesco Vezzolis Trailer für ein Remake von Gore Vidals "Caligula" zu sehen. Das Ganze ist natürlich aufs Wunderschönste getürkt und prüde Eltern sollten ihren Kindern die Augen verbinden. Die Hauptattraktionen des 2005 gedrehten Streifens sind jedoch die phantastische Helen Mirren, Frauenschwarm Benicio del Toro und ein äußerst gut gelaunter Gore Vidal.



Helen Mirren in Francesco Vezzolis Trailer for
a Remake of Gore Vidal's Caligula, 2005
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Ergänzend zu diesen Filmkammern stellt ein Begleitprogramm experimentelle und politische Filme vor. Hier sind unter anderem WVLNT - Wavelength for Those Who Don’t Have the Time zu sehen, die 15-Minutenfassung des Avantgardfilmklassikers Wavelength, mit dem der Kanadier Michael Snow 1967 den Avantgardefilm revolutionierte. In einer einzigen, ursprünglich 45-minütigen Kamerafahrt erkundet Wavelength einen Raum, in dem Menschen auftauchen, ein Telefon klingelt und schließlich sogar jemand ermordet wird. Wie auch in seinem jüngsten Film SSHTOORRTY (2005) untersucht Snow die Bezüge zwischen dem Medium Film und der partiellen Wahrnehmung von Zeit und Realität.



Michael Snow auf der Whitney
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Zum Programm, das während der gesamten Laufzeit der Biennale zu sehen ist, gehören auch die Filme von Lewis Klahr und George Butler . Butlers 89-minütiger Streifen The Long War of John Kerry (2004) wäre sicher auch als Projektion im Außenbereich denkbar gewesen. Stattdessen wird der Besucher gleich am Eingang des Whitney Museums von der Neu-Auflage von Cameron Jamies Artists Tower for Peace begrüßt. 1966 ursprünglich als Protest gegen den Vietnamkrieg geschaffen, vereinte der Peace Tower Bilder von Künstlern wie Elaine de Kooning, Leon Golub, Donald Judd, Roy Lichtenstein und Mark Rothko, die in ein meterhohes Stahlgerüst gehängt wurden. Für die aktuelle Version taten sich Mark di Suvero und Rirkrit Tiravanija zusammen und luden 300 Künstler zur Mitwirkung ein, darunter Elizabeth Peyton, Simon Lee, Nancy Spero und James Rosenquist. Doch trotz dieser Vielfalt läßt die aktuelle Versin des einst kontrovers aufgenommenen Werks politische Schärfe vermissen – gerade zu einem Zeitpunkt, in dem sie angesichts weltweiter Proteste gegen die Präsenz der USA im Irak besonders vonnöten wäre.



Rirkrit Tiravanija auf der Whitney
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Immer wieder ist zu spüren, wie sehr die Biennale auf der ungewöhnlichen Verbindung von Film und Live-Ereignis aufgebaut ist. Das gilt vor allem für die Arbeit des französischen Künstlers Pierre Huyghe, mit der die von der Deutschen Bank geförderten Projektreihe des Public Art Fund im Central Park fortgesetzt wird. Anstatt die bestehende Weltkrise zu zitieren, hat Huyghe seine eigne Krise geschaffen, und das gleich in doppelter Ausführung. Die erste Version war ein vierwöchiger Trip in die Antarktis, den er auf 16mm festhielt. Die zweite war eine auf High Definition Video festgehaltene Live Performance im Central Park, bei der ein voll besetztes Orchester in einer künstlichen Eislandschaft spielte. In der von der Deutschen Bank geförderten Videoinstallation The Journey that wasn’t werden beide Ereignisse gegeneinander geschnitten – das Konzert und die geradezu abenteuerliche Reise an den Südpol. In einer Mischung aus Jäger des verlorenen Schatzes und ganz persönlichem Wahnsinn begaben sich Huyghe und seine Crew auf die Suche nach dem fast ausgestorbenen weißen Pinguin. Bei einer Privatführung durchs Whitney Museum erläuterte Huyghe sein Projekt, nachdem Seth H. Waugh, CEO Deutsche Bank Americas, und der Whitney Direktor Adam Weinberg einführende Reden gehalten hatten. Später hatten die Gäste der Deutschen Bank die Möglichkeit, von den Kuratoren Chrissie Iles und Philippe Vergne sowie sowie dem Präsidenten der Americas Foundation Gary Hattem und Alessandra di Giusto, Chief Administrative Officer der Deutsche Bank Americas Foundation, durch die Biennale-Ausstellung geführt zu werden.




Pierre Huyghe, Ausschnitte aus der Videoinstallation
The Journey that Wasn't, 2005
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