In dieser Ausgabe:
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Ringende Priester, erschossene Madeleines
Die Vadim Zakharov-Retrospektive in der Moskauer Tretjakow Galerie




Vadim Zakharov und Ariane Grigoteit, Direktorin Deutsche Bank Art,
bei der Eröffnung von "25 Years on One Page" in der Tretjakow Galerie

Riesige Aktenordner beherbergen ein Archiv der Geschichte der modernen Kunst Russlands. In Vadim Zakharovs begehbarer Installation können sich Ausstellungsbesucher über die Entwicklung der russischen Kunst von den Konstruktivisten bis hin zu seinen Künstlerfreunden informieren. Seine 2003 entstandene Geschichte der russischen Kunst von der Avantgarde bis zur Moskauer Schule des Konzeptualismus wirkte wie ein Resümee von Russia!, der großen Überblicksaustellung russischer Kunst von den Anfängen bis zur Gegenwart, die Ende letzten Jahres im New Yorker Guggenheim Museum gezeigt wurde. Dass auch Zakharov selbst mit seiner Arbeit in der Ausstellung vertreten war, wundert nicht. Denn nach einer über zwanzig Jahre währenden Laufbahn wird er international als bedeutender russischer Künstler der Gegenwart gefeiert. Als ersten Vertreter seiner Generation ehrt die Moskauer Tretjakow Galerie, eines der bedeutendsten Museen Russlands, den 1959 geborenen Künstler mit einer umfassenden Retrospektive. Gesponsert wird die 25 Years on One Page betitelte Schau von der Deutschen Bank.

Vadim Zakharov, Executionchairs of Love, 2004,
Courtesy Galerie Schüppenhauer, Köln


Mit dieser Ausstellung, die unter der Schirmherrschaft des russischen Kultusministeriums steht, ist Zakharov im Zentrum der offiziellen Kultur seines Heimatlandes angekommen. Dabei begann er seine künstlerische Laufbahn in der Underground-Szene im Kreis der Moskauer Konzeptualisten. Diese Gruppe von Künstlern und Schriftstellern, zu der etwa Ilya Kabakov oder Vladimir Sorokin gehörten, war seit den siebziger Jahren in der russischen Hauptstadt aktiv. Radikal führten sie abseits der staatlich geförderten Kultur die Tradition der russischen Avantgarde fort und bildeten ein Netzwerk, das privat Ausstellungen und Lesungen organisierte.

Ihre häufig ironisch gebrochenen Arbeiten wendeten sich gleichzeitig gegen die offizielle Staatskunst, die moralisierenden Tendenzen in der Kunst der Dissidenten und die Utopien der russischen Avantgarde. "Wir haben uns Schallplatten mit Breschnews Parteitagsreden vorgespielt und dazu getanzt. Wir haben die Fernsehnachrichten parodiert. Das war sehr spannend", schildert Vladimir Sorokin die Atmosphäre im Moskauer Underground der siebziger Jahre.

Vadim Zakharovs Rolle als Archivar dieser Szene ist untrennbar mit seiner Rolle als Künstler verbunden. Der Aufbau autonomer Strukturen, in denen seine Kunst und die seiner Mitstreiter produziert und gezeigt werden konnte, war für ihn entscheidend. Das blieb auch nach seiner Übersiedlung nach Köln 1990 so. Die dort von ihm herausgegebene Zeitschrift Pastor fungiert als Plattform für befreundete Künstler, Schriftsteller und Philosophen aus seiner Heimat, gemeinsam mit anderen russischen Künstlern kuratierte er die Ausstellung Einladung zur Hinrichtung in der Kölner Galerie Schüppenhauer. "Nach und nach besetzt Zakharov alle offenen Stellen, die das System der zeitgenössischen Kunst zu bieten hat: Künstler, Kurator, Kritiker, Herausgeber, Biograph, Archivar, Dokumentarfilmer, Historiker und Dolmetscher", so formuliert es der Kritiker Boris Groys in seinem Katalogtext für die Moskauer Ausstellung.


Vadim Zakharov, Erste Korrektur zu Marcel Proust
Courtesy Galerie Schüppenhauer, Köln

Die Schau in der Tretjakow Galerie gibt mit mehr als 60 Arbeiten einen umfassenden Überblick über Vadim Zakharovs Arbeiten seit 1978 – von Schwarz-Weiß-Fotos, die seine frühen Performances festhalten, über Videos, auf denen er in den neunziger Jahren Ausstellungen russischer Künstler im Westen dokumentiert hat, bis zu aktuellen Installationen wie Executionchairs of Love (2004). Mit abgründigem Humor verbindet diese Arbeit die Themen Folter und Liebe. Ein schwarzer Teppich führt die Ausstellungsbesucher zu einem hölzernen Thron, unter dessen Sitzfläche ein Rosenstock steht. Seine Spitze ragt durch ein Loch in der Sitzfläche. Im alten China fesselte man zum Tode Verurteilte an ähnliche Stühle. Darunter wurde eine Bambusstaude platziert, deren schnell wachsenden Triebe sich in den Todgeweihten bohrten. Gleichzeitig erinnert der Thron aber auch an eine altertümliche Toilette. In der Foto- und Videoarbeit Funny and Sad Adventures of a Stupid Pastor (1996) tritt der Künstler im bodenlangen Priestergewand zum Kampf gegen einen fast nackten japanischen Sumoringer an, in seiner Performance Erste Korrektur zu Marcel Proust- Die Tötung des Madeleine Gebäcks wird Prousts berühmtes Backwerk zum Tod durch Erschießen verurteilt. Auch wenn Zakharovs Arbeiten, mit denen er sich eine ganz eigene Position in der russischen Gegenwartskunst geschaffen hat, anfangs sehr disparat wirken, besitzen sie doch Gemeinsamkeit – ironische Brechungen und schwarzer Humor.

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