In dieser Ausgabe:
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"Wie man sich Freunde schafft …"
Tessen von Heydebreck über bürgerliches Engagement für die Kultur und Corporate Citizenship


Im Berliner Haus der Deutschen Wirtschaft trafen sich am 20. Januar 2006 Vertreter aus Kultur, Wirtschaft und Gesellschaft, um gemeinsam über neue Ideen und Strategien zur Stärkung des bürgerlichen Kulturengagements in Förder- und Freundeskreisen zu diskutieren. "Wie man sich Freunde schafft…" hieß das Symposium, das der Kulturkreis der deutschen Wirtschaft gemeinsam mit dem Forum Zukunft Berlin veranstaltet hat. Die Einführungsrede der Veranstaltung hielt Tessen von Heydebreck, der als Mitglied des Vorstands für das Kunst- und Kulturförderung der Deutschen Bank zuständig ist. Wir dokumentieren seine Rede in Auszügen.

Freundes- und Förderkreise sind ein hervorragendes Beispiel für eine funktionierende Bürgergesellschaft. In ihnen engagieren sich Bürger aus Freude und Verantwortungsgefühl für eine Kulturinstitution oder einen bestimmten Kulturbereich. Nicht erst seit dem Jahr des Ehrenamts 2001 und der entsprechenden Enquete-Kommission ist das Schlagwort "Bürgerschaftliches Engagement" in aller Munde. Gerade angesichts schwindender staatlicher Zuwendungen für den sozialen und kulturellen Bereich hat es manchmal geradezu den Klang einer beschwörenden Zauberformel.



Tessen von Heidebreck bei der Einführungsrede, Foto: Sophie Bertone / Kulturkreis der deutschen Wirtschaft

Wir verfügen in Deutschland über eine auch im internationalen Vergleich ungewöhnlich reiche und vielfältige Kulturlandschaft. Ein derart dichtes Netz von Stadt- und Staatstheatern, Museen, Bibliotheken, Kunstgalerien und vielem mehr ist ohne ehrenamtliche Unterstützung nicht denkbar. Für den Erhalt dieser kulturellen Vielfalt ist es deshalb von größter Bedeutung, privates Engagement im Kulturbereich zu motivieren, zu bestärken und zu binden.

Es geht nicht darum, den Staat aus seiner Verantwortung für die Förderung von Kunst und Kultur zu entlassen. Die Diskussion über die Verankerung der Kultur als Staatsziel im Grundgesetz hat gezeigt, wie wichtig es ist, dieses Thema gesellschaftlich zu verankern. Kulturelle Vielfalt ist ein wichtiger Faktor nicht nur für das gesellschaftliche, sondern auch für das wirtschaftliche Wohlergehen einer Region. Und gerade vor dem Hintergrund der zunehmenden Pluralisierung und Individualisierung unserer Gesellschaft kommt dem identitätsstiftenden Potential von Kunst und Kultur große Bedeutung zu.Doch auch unabhängig von diesen übergreifenden Fragen bereichert es das kulturelle Leben, wenn sich Menschen aus Interesse und Begeisterung in ihrer Freizeit für "ihr" Stadttheater oder "ihr" Museum engagieren.

Auch die Deutsche Bank ist ein Bürger dieses Landes - als Corporate Citizen tragen auch wir gesellschaftliche Verantwortung. Seit vielen Jahrzehnten engagiert sich die Deutsche Bank in erheblichem Umfang in der Gesellschaft - sowohl in Deutschland als auch international, sowohl mit Projekten ihrer Stiftungen als auch mit Spenden und Sponsorships und im persönlichen Einsatz ihrer Mitarbeiter.



Ausstellung 25 Jahre Sammlung Deutsche Bank im Deutsche Guggenheim (c) Deutsche Guggenheim, Berlin Foto: Mathias Schormann

Nach unserer Erfahrung und unserem Selbstverständnis ist die Förderung von Kunst und Kultur keine beliebige, schöngeistige Schwärmerei, sondern essentiell auch für die eigene Unternehmenskultur. So ist etwa die Kunstsammlung Sammlung Deutsche Bank, die seit 1979 kontinuierlich unter dem Motto "Kunst am Arbeitsplatz" ausgebaut wird, mit über 50.000 Werken die größte Firmensammlung weltweit. Es zeigt sich immer wieder, dass die Begegnung mit Kunst am Arbeitsplatz, die Präsentation zeitgenössischer, auch sperriger Kunst im ungewohnten Umfeld einer Bank zu fruchtbaren Diskussionen anregt und eine Bereicherung für unzählige Mitarbeiter und Kunden darstellt.

In der Wirtschaft gibt es schon seit längerer Zeit ein Bewusstsein für die Bedeutung der so genannten "soft skills". Unsere heutige Wissensgesellschaft ist darauf angewiesen, die Kreativitätspotenziale der Menschen zu entwickeln und zu nutzen. Es wird immer wieder deutlich, dass ein eingleisiges Denken unserer hochkomplexen Welt nicht gerecht wird.



Tessen von Heydebreck und Prof. Irina Antonowa, Direktorin des Puschkin Museums, bei der Eröffnung der Ausstellung "Aus deutscher Sicht" mit Arbeiten aus der Sammlung Deutsche Bank

Deshalb ermutigen wir unsere Mitarbeiter zu bürgerschaftlichem Engagement, das ihr persönliches Blickfeld erweitert und bereichert. So gibt es eine ganze Reihe von Programmen, in denen sich Mitarbeiter der Bank beispielsweise als Mentoren für Schüler mit schwierigen Bildungschancen engagieren.

Darüber hinaus hat die Bank mit der "Initiative plus" ein Instrument geschaffen, mit dem sie den individuellen ehrenamtlichen Einsatz ihrer Mitarbeiter fördert und anerkennt - und das weltweit. Wann immer sich ein Mitarbeiter der Bank in seiner Freizeit für eine Institution oder Initiative engagiert, erhält diese Einrichtung von der Bank eine Spende in Höhe von 500 Euro. Auf diese Weise werden auch unzählige kulturelle Initiativen und Freundeskreise durch die Deutsche Bank unterstützt.



Besucher der Ausstellung "Das MoMA in Berlin" betrachten
"Der Tanz I" von Henri Matisse, Foto: Jens Liebchen

Ein weiterer Ausdruck unseres gesellschaftlichen Engagements ist die Deutsche Bank Stiftung mit ihren Arbeitsschwerpunkten Bildung, Soziales, Musik und Kunst. Zu den zahlreichen und vielfältigen Förderaktivitäten der Stiftung, aber auch der Bank selbst, gehört auch die Unterstützung von Freundes- und Förderkreisen im Kulturbereich.

Ein besonders prominentes Ausstellungsprojekt hat der Verein der Freunde der Nationalgalerie im Jahr 2004 ermöglicht: Das MoMa in Berlin zog 1,2 Mio. Besucher in die Nationalgalerie. Die Deutsche Bank war Hauptsponsor dieser spektakulären Schau, deren Publikumswirkung alle Erwartungen übertroffen hat. Als Sponsor haben wir festgestellt, wie angenehm die Zusammenarbeit mit einem Förderverein ist, der über schlanke und unbürokratische Strukturen verfügt.


Sol LeWitts Serienprojekt I (ABCD), im Hintergrund
die Schlange vor der Berliner Neuen Nationalgalerie

Ein anderes Engagement war die Unterstützung des Faust -Freundeskreises durch die Stiftung. Dieser Freundeskreis wurde gegründet, um die Inszenierung beider Teile des Faust durch Peter Stein im Rahmen der EXPO 2000 in Hannover zu ermöglichen. Die Deutsche Bank Stiftung unterstützte das Vorhaben gemeinsam mit dem Hauptstadtkulturfonds, der Stadt Wien, der EXPO 2000 und weiteren, privaten Förderern.

Der Faust-Freundeskreis hielt für seine Mitglieder mehrere attraktive Angebote bereit: Dazu gehörten Probenbesuche und Hintergrundgespräche mit Peter Stein, die Möglichkeit, bereits vor dem Beginn des offiziellen Kartenverkaufs Karten vorzubestellen sowie mehrere projektbegleitende Treffen der Freundeskreis-Mitglieder.Eine Besonderheit an diesem Freundeskreis war allerdings, dass er von Anfang an zeitlich befristet und unmittelbar mit der Faust-Inszenierung verknüpft war.

Wir haben die Erfahrung gemacht, dass diese zeitliche Befristung nicht wenigen Menschen die Entscheidung zu ihrem Engagement im Faust-Freundeskreis erleichtert hat. Tatsächlich zeichnet sich heute die Tendenz ab, dass es immer schwieriger wird, Mitglieder eines Förder- oder Freundeskreises langfristig zu binden. Es stellt sich die Frage, wie diese Bindung dennoch auch zukünftig erreicht werden kann, oder, um die Frage des Veranstaltungstitels aufzugreifen: Wie behält man die Freunde, die man gewonnen hat?

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