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"Kathedrale des Denkens"
Die Presse über Hanne Darbovens Installation "Hommage à Picasso" im Deutsche Guggenheim



Hanne Darbovens Auftragsarbeit "Hommage à Picasso" bedeckt die Wände im Deutsche Guggenheim mit einem Meer von 9.720 Schriftblättern, die in 270 Rahmen eingefasst sind. Die Künstlerin notiert darauf das letzte Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts. Ihren Aufzeichnungen stellt sie die Lithographie eines berühmten Gemäldes zur Seite: Picassos 1955 entstandene "Sitzende Frau im türkischen Kostüm". Komplettiert wird die Rauminstallation durch eine Serie von Skulpturen – von einer bronzenen Büste Picassos bis hin zu aus Birkenzweigen geflochtenen Eseln. Akustisch begleitet wird die Ausstellung von Darbovens Komposition "Opus 60". Die Presse zeigt sich von der monumentalen Installation überaus beeindruckt.

"Egal welchen Künstler das Deutsche Guggenheim ausstellt – jedes Mal fragt man sich als erstes: Wie wird wohl diesmal der schlauchförmige Saal bespielt worden sein? (…) Im Laufe der letzten Jahre hat eine Vielzahl prominenter Künstler hier ihre Signatur abgegeben, und umgekehrt hat der Ausstellungsort dem jeweils präsentierten Werk seine Prägung verliehen. Zu einem Ereignis aber verdichtet sich die spezifische Verbindung aus Werk und Ort in Hanne Darbovens Hommage à Picasso. Das Deutsche Guggenheim ist plötzlich keine gewöhnliche Ausstellungsstätte mehr, sondern ein Pantheon – für den Jahrhundertkünstler Picasso und die Erschafferin dieser Installation." So beginnt Nicola Kuhn im Berliner Tagesspiegel ihre Besprechung der Ausstellung, deren Spannung für sie aus der Begegnung zweier "Temperamente, wie sie verschiedener nicht vorstellbar sind" resultiert: "auf der einen Seite der Maler, dessen Leidenschaft und Erfindungskraft jegliches Maß der Kunstgeschichte sprengt, auf der anderen Seite die Minimal-Art-Veteranin, die seit Jahrzehnten Zahlen und Ziffern schreibend ein Werk entwirft, mit dem sie das Phänomen Zeit zu bannen sucht." Kuhn empfindet Darbovens 9.720 Schriftblätter, die die Wände der Ausstellungshalle bedecken, als "überwältigend". Die Rauminstallation erinnert sie an ein "Pharaonengrab", "denn die Blätter werden in 270 handbemalten Bilderrahmen präsentiert, deren Musterung an Hieroglyphen erinnert." Trotz der Wucht der Inszenierung entstehe in der Schau ein "subtiler Dialog" zwischen "Picassos affektgeladener Malerei und Darbovens sklavischen Schreibexerzitien, die die verrinnende Zeit zum Bild erhebt.

Dem Drama der Geschichte, dem Tagesgeschehen stellt die Hamburger Künstlerin die Gleichförmigkeit ihrer Zahlenkolonnen entgegen. Wer sich darauf einlässt, entdeckt die Emotionalität dahinter. Und plötzlich erscheint in diesem Kosmos ein Picasso – geradezu berechenbar."


Für Harald Falckenberg von der Kunstzeitung ist die Installation "eine der zentralen Arbeiten" Hanne Darbovens, in der sie ihre "Zahlenschrift" in ein Netz von Bezügen stellt. Ein entscheidendes Element seien dabei die Rahmen, die ihre Schriftblätter umfassen. "Normalerweise begnügt sich Hanne Darboven mit billigen Gebrauchsrahmen aus Kaufhäusern. Hier aber sind sie nach dem Muster des Rahmens der Picasso-Lithographie von Polnischen Kunsthandwerkern gefertigt und bemalt worden. Es geht um Referenzen (etwa auf Picassos Hausziege Esmeralda), Zitate und Wiederholungen, letztlich um die Trivialisierung der mimetischen Kunsttradition. Für Darboven ist Picasso Sinnbild dieser Entwicklung, der letzte große Maler."

Ingeborg Ruthe von der Berliner Zeitung erscheint Hanne Darboven als Deutschlands "konsequenteste Konzeptkünstlerin". Ihr Ansatz bringe "Zeit und Geschichte in ein eigenwilliges Ordnungssystem", das sich "zur Raumskulptur fügt", mit der die Künstlerin die Welt einkreist. Mit ihrer Hommage à Picasso versuche sie, "die Rolle des Zitierens und der Verehrung in der Kunst genauer zu erfassen." Ruthe lenkt in ihrer Rezension die Aufmerksamkeit auch auf die von polnischen Besenbindern kunstvoll gefertigten Esel aus Birkenreisig, die am Ende der Ausstellungshalle stehen. "Mit diesen archaischen Tiergestalten will Darboven einfach nur nach dem Entstehen von Kunst fragen und auf den Zusammenhang von Konzept und Handwerk verweisen. Sie widerlegt so nicht zuletzt das Vorurteil, ihre 'Zahlenakrobatik' sei kopflastig." Durch die Musik, die die Installation begleitet, würde diese "Kathedrale aus Geschriebenem" noch zusätzlich emotional aufgeladen mit "einem Pathos, das nicht überwältigen will, sondern sanft berührt und die Gedanken gleichsam nach oben, in eine imaginäre Kuppel, erhebt."

Auch Gabriele Walde von der Berliner Morgenpost fühlt sich von der Installation in einen sakralen Raum versetzt. Es scheint ihr, "als ob die Zeit hier stehen bleibt, damit sich der Besucher ihrer bewusst wird." Angesichts von Hanne Darbovens "Kathedrale des Denkens" kommt sie zu dem Schuss: "Wirkungsmächtiger kann Kunst wohl kaum sein."