In dieser Ausgabe:
>> Between Bridges
>> Beat Streuli
>> Mehr als das Auge fassen kann
>> Tagebuch einer Mexiko-Reise

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"Grausam" ist allerdings kein Begriff, den man mit Streuli verbinden würde. Schon gar nicht, wenn man dem schlanken, noch immer jungenhaft wirkenden Künstler gegenüber sitzt, der viel zu entspannt ist, um grausam zu sein, und viel zu selbstbewusst, um nicht entgegenkommend zu sein. Es ist ganz unkompliziert, mit ihm ins Gespräch zu kommen, und doch sagt er dann unvermittelt: "Für mich ist das kein Thema, der Mensch." Das Thema ist eben die Großstadt-Symphonie, das Dröhnen des urbanen Lebens, in dem Streuli die Menschen zwar groß herausstellt, in dem er sie aber doch als Teil dessen sieht, was eben ist. Die festgehaltenen Szenen sind überprüfbar. Trotzdem wirken sie bigger than life. Seine Kamera mit dem Teleobjektiv scheint die Gewalt und die Wucht des Alltags erst richtig sichtbar zu machen. Damit zeigt sie sehr präzise, was dieser Glamour tatsächlich ist: der Glamour des Gewöhnlichen.



Beat Streuli, Krakow October 05, 2005
Courtesy Galerie Wilma Tolksdorf und Beat Streuli

In diesem Glamour des Gewöhnlichen verdichtet sich aber nicht nur Beat Streulis systematische Auseinandersetzung mit seinem zentralen Motiv, der Stadt und ihren Menschen; in ihm verdichtet sich auch seine Auseinandersetzung mit dem Medium selbst, seine Kritik an der Fotografie und dem Dokumentarismus. Einerseits möchte man Streulis Foto- und Videoarbeiten sofort in die Tradition der Straßenfotografie und damit der dokumentarischen Fotografie stellen. Andererseits steht dem ein artifizielles, überschüssiges Moment entgegen, das seine Bilder mit denen der Werbung teilen; ein monumentales Pathos, eine offen erklärte Apologie des modernen urbanen Lebens. „Es geht in meiner Arbeit schon darum, dass sie ein bisschen Cinema Verité ist; sie lebt davon, dass sie teilweise wie inszeniert ausschaut, es aber nicht ist. Es geht insofern um ein idealisiertes Bild, als das Bild, das wir vor Augen haben, schon extrem idealisiert ist. Wir blenden doch jeden Pickel aus. Wir entdecken ihn erst auf dem Foto. Erst dort bekommt er diese Wichtigkeit und wirkt hässlich.“



Beat Streuli, Krakow October 05, 2005
Courtesy Galerie Wilma Tolksdorf und Beat Streuli

Ihre Unzulänglichkeiten fallen bei Beat Streulis großstädtischen Protagonisten nicht auf. Sie stehen ihrem Auftritt als Star der groß aufgeblasenen, in der Außenraumpräsentation bis zu mehreren Quadratmetern messenden Bilder nicht im Wege. Sie sind zu finden, suchte man sie. Doch niemand kommt auf diese Idee. Denn die Anmut ihres selbstvergessenen Dahintreibens im Strom der anderen Passanten und die Macht ihrer Präsenz fesselt alle Aufmerksamkeit.



Beat Streuli, Krakow October 05, 2005
Courtesy Galerie Wilma Tolksdorf und Beat Streuli



Mit einem radikalen Konzept von Schönheit und Opulenz, markiert das Werk Beat Streulis eine wichtige Reformulierung der Konzeptkunst, durch die die Fotografie, seit Mitte der sechziger Jahre, allmählich Einzug in den Kunstraum gehalten hatte. Als Streuli Anfang der Neunziger seine ersten Ausstellungen bestritt, war sie dort endgültig angekommen. Aber die Street Photography, das vielleicht einzige medienspezifische Genre, das die Fotografie je herausgebildet hat, war im Kunstraum nicht vertreten – rechnet man ihr nicht Stephen Shores neue Topographie eines elegischen, kleinstädtisch-ländlichen Amerikas zu. In der Kunst war sie just durch den Konzeptualismus und dessen Strategien ad acta gelegt worden.



Martha Rosler,
THE BOWERY, 1974-75, Courtesy of Martha Rosler & Galerie Christian Nagel, Köln, Berlin


Die Konzeptkunst hatte die Rhetorik des Dokumentarischen, der so genannten humanistischen Fotografie, die das Dröhnen, die emotionale und visuelle Wucht ihrer Aufnahmen allein den Opfern von Gewalt, Krieg, Ungerechtigkeit und Armut vorbehalten hatte, in Zweifel gezogen. Dabei waren aber die Menschen weitgehend aus dem Bild verbannt worden. In ideologiekritischer Absicht zeigte es nun den menschenleeren Tatort, Indizien und Beweisstücke. Das berühmteste Beispiel stammt wohl von Martha Rosler, die in The Bowery in Two Inadequate Descriptive Systems (1974-75), Fotos von Hauseingängen und Ladenfronten mit einer Liste von Begriffen zur Trunkenheit kombinierte.




Jeff Wall, Tattoos and Shadows 2000
© Jeff Wall, courtesy Johnen/Schöttle, Cologne/Berlin/Munich

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