In dieser Ausgabe:
>> Between Bridges
>> Beat Streuli
>> Mehr als das Auge fassen kann
>> Tagebuch einer Mexiko-Reise

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Der grausame Glamour des Gewöhnlichen, mit dem Beat Streuli der Straßenfotografie im Kunstraum Geltung verschaffte, ist selbst Konzept. Darüber hinaus aber auch Kritik der Kritik. Sie erinnert an Jeff Wall und dessen Absage an Konzeptualismus und Dokumentarismus. Wie vor ihm Jeff Wall mit seinen enormen, der Werbung abgeschauten Leuchtkästen, nutzte auch Beat Streuli den Kunstraum, um die Opulenz nicht nur im Bild selbst, sondern auch in dessen Präsentation und Installation sichtbar zu machen. In seinem Fall mit riesigen, mit der Werbefotografie konkurrierenden Prints und wandfüllenden Dia-Projektionen. Die Auseinandersetzung vollzog sich nun mit dem Einsatz der Fotografie in der Unterhaltungsindustrie, der Werbung, im Film, im Stadtraum, an Fassaden und in Schaufenstern, wie sie dort einem Massenpublikum begegnete. Gegen diese Konkurrenz galt es zu bestehen. Dazu brachte Streuli das statische Bild in Bewegung; er verstärkte seine Autorität in der Slow-Motion-Projektion ganzer Bildserien, die ihr eigenes Licht mitbrachten, in dem die Farbe, die Oberfläche noch einmal mehr strahlte und glänzte.




Beat Streuli, Sydney 98, 1999
Sammlung Deutsche Bank,
© Beat Streuli & Galerie Conrads, Düsseldorf





Diese Konkurrenz galt es aber auch zu unterlaufen, indem man anderes sah und zeigte als sie; indem man anders sah als sie. Es ist in dieser Hinsicht interessant genug, dass Streulis Werk nicht nur Affinitäten zur Werbe-, sondern auch zur Tatortfotografie aufweist. Die Haltung, in der er die Straße abscannt, um bedeutsame Mikroereignisse, einen kurzen Kontakt oder ein schnelles Ausweichen zwischen den Menschen fotografisch festzuhalten, erinnert an die neue Tatortfotografie, die den Menschen im öffentlichen Raum ins Visier nimmt. Maschinen produzieren sie überall auf der Welt, 24 Stunden am Tag und sieben Tage in der Woche. Man denke nur an Sydney 98 , eine von Streulis Arbeiten, die zwei im Gespräch befindliche junge Frauen mit ihren ausladenden Plastiktragetaschen zeigt. Natürlich verdankt sich die Szene, der geschulten Beobachtungsgabe des Fotografen. Anders als die Maschine, die dieses Bild nur zufällig zustande brächte, erkennt Beat Streuli die szenische Qualität des Moments, die er bewusst sucht. Dass er die größtmögliche künstlerische Einflussnahme auf die vorgefundene Realität anstrebt, wird in seinen Arbeiten ja ohne weiteres deutlich.



Beat Streuli, New York 01, 2002
Sammlung Deutsche Bank, (c)The Artist. Courtesy Galerie Eva Presenhuber, Zürich

Und doch – könnte der Anzugträger, der in New York 01 aus dem schwarzen Hintergrund heraustritt, nicht die programmierte Aufmerksamkeit einer Überwachungskamera erregt haben, von ihr herausgefiltert worden sein? Beat Streuli hat dieses Bild inszeniert - mit Hilfe des urbanen Hin und Her. Weil dafür aber Indizien eine wesentliche Rolle spielen, spricht dieses Bild nicht nur von Schönheit, sondern auch von einem Verdacht. Ihn erregt exakt die kraftvolle Eleganz des Mannes, denn mit solchem Glamour rechnet man nicht im gewöhnlichen Alltag, in dem er verschluckt wird und im Gewühl der Massen untergeht. Beat Streuli aber sieht ihn, er rettet ihn, dokumentiert und inszeniert ihn. Er macht die Werbe- und Tatortfotografie zu Komplizen seiner konzeptuellen Systematik, die er als eine "einfache Geschichte" beschreibt. "Minimal von den Mitteln her, sehr nachvollziehbar und fast schon banal in ihrer Ausrichtung". Tatsächlich aber ist sie höchst komplex und schon in ihrer lang andauernden Kontinuität reich an Entwicklungen, Differenzierungen und selbstreflexiven Revisionen, in denen Streuli sein Thema als vielschichtiges und globales Bild der großstädtischen Befindlichkeit spannungsvoll fortschreibt.



Beat Streuli, Los Angeles, 2003
©Beat Streuli, 2004 und Galerie Conrads, Düsseldorf

Natürlich blitzt die Sonne zwischen den Wolken hervor, als ich Beat Streulis Wohnung verlasse. Die Zeit reicht sogar für einen kurzen Besuch der Art Brussels. Und während ich die Straße entlanglaufe und die Mailbox meines Handys abhöre, wird mir plötzlich bewusst, dass ich in dieser Situation einer von Streulis anonymen "Stars" sein könnte – dass mein Abbild in einem idealisierten Augenblick größer als das Leben erstrahlen könnte, während ich selbst längst in der Menge verschwunden bin.

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