In dieser Ausgabe:
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>> Beat Streuli
>> Mehr als das Auge fassen kann
>> Tagebuch einer Mexiko-Reise

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Im Gegensatz zu Breuer erscheint David Wojnarowicz geradezu als Klassiker. Das Interesse an seiner Kunst hat in den letzten Jahren langsam, aber stetig zugenommen. Das liegt nicht nur an seinem Werk, sondern sicher auch an der Leidenschaft die ihm zugrunde liegt. Ein Ereignis trug ganz besonders zur wachsenden Bekanntheit Wojnarowicz' bei: 2003 organisierte der britische Independentfilm-Kurator Ian White für das London Gay & Lesbian Film Festival eine richtungsweisende Reihe mit Filmen des Künstlers, zu denen auch ITSOFOMO (in the shadow of forward motion) gehört, der auch bei Between Bridges gezeigt wird. Nur einen Tag nach der Tillmans-Eröffnung zog gleich um die Ecke Cabinet mit einer weiteren Ausstellung nach. Neben einigen Briefen und Zeichnungen zeigt die angesehene Londoner Galerie ein zentrales Werk des amerikanischen Künstlers: die Fotoserie Rimbaud in New York.



David Wojnarowicz,
aus der Serie "Arthur Rimbaud in New York",
1978-79,
©Between Bridges, London


Die Aufmerksamkeit, die Wojnarowicz gerade zuteil wird, ist sicher kein wundersamer Zufall. Doch auch wenn beide Ausstellungen bis zu einem gewissen Punkt aufeinander abgestimmt sind, hat es für Tillmans eine besondere Bedeutung, dass seine Galerie mit den Arbeiten dieses Künstlers eingeweiht wurde. Die Entscheidung prägt ein gleichermaßen persönliches wie politisches Statement. Daran, dass Wojnarowicz' Werk gerade im Bezug auf die gegenwärtige Situation aktuell ist, lässt Tillmans keinen Zweifel: "Schon seit langem habe ich das Gefühl, dass in der Kunstwelt eine apolitische Haltung vorherrscht, obgleich gerade jetzt eine politische Beteiligung dringend nötig wäre."


David Wojnarowicz,
aus der Serie "Arthur Rimbaud in New York",
1978-79/2004
©Cabinet Gallery, London


David Wojnarowicz, Untitled (one day this kid), 1990,
©Between Bridges, London

David Wojnarowicz starb 1992 im Alter von 38 Jahren an den Folgen von AIDS - zufällig in genau dem Alter, in dem sich Wolfgang Tillmans heute befindet. Er war ein Self-Made-Künstler, Autor, Filmemacher und von dem brennenden Verlangen erfüllt, zu leben. Häufig führte er eine Existenz des Übergangs, ein Dasein, das sich nicht in feste Kategorien und Zustände pressen ließ. Zeitweilig lebte er auf den Straßen New Yorks als Stricher. Wojnarowicz' Werk ist vielschichtig, aber eines seiner zentralen Themen ist das Verlangen, wahrgenommen zu werden, eine Stimme zu haben. Nicht nur im Zusammenhang mit AIDS ist das von enormer Bedeutung. Während man in Amerika noch zu Beginn der Neunziger die sozialen und politischen Auswirkungen von AIDS negierte, gehörte auch die puritanische Zensur von Künstlern zum kulturellen Alltag. Wie es der amerikanische Kritiker C. Carr ausdrückt war Wojnarowicz "der beste Chronist seiner selbst und visionärer Zeuge der Epidemie."

Tillmans kam mit Wojnarowicz' Werk durch dessen Schriften in Berührung. Häufig wurden diese auf die einfachste Weise vervielfältigt, wie auch die kopierten Schreibmaschinenseiten die 1982 in dem Band Sounds in the Distance gesammelt erschienen. Auch andere Bände enthalten Fotokopien von Texten und Bildern, wie Untitled (one day this kid), der bei Between Bridges zu sehen ist. "Eines Tages wird dieses Kind größer werden", beginnt Wojnarowicz' kurzer Text. Das dazugehörige Bild zeigt einen properen kleinen Jungen, der ganz typisch in jede amerikanische Kleinstadt passen würde. "Eines Tages wird dieses Kind eine neue Erfahrung machen, die so ist, als würde die ganze Welt aus den Angeln gehoben", fährt der Text fort. Doch während die Worte das Abbild des kleinen Jungen umrahmen wie in einem Bilderbuch, schildern sie eine Schwindel erregende Kettenreaktion aus falschen Informationen, Angst, Selbsthass, Überwachung und Elektroschocktherapie, an deren Ende der völlige Verlust persönlicher Freiheiten und Rechte steht. "All dies wird in ein oder zwei Jahren beginnen, wenn er das Verlangen entdeckt, seinen nackten Körper an den nackten Körper eines anderen Jungen zu pressen", endet Wojnarowicz.

David Wojnarowicz, aus der Serie "Arthur Rimbaud in New York", 1978-79, /2004
©Cabinet Gallery, London

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