In dieser Ausgabe:
>> Between Bridges
>> Beat Streuli
>> Mehr als das Auge fassen kann
>> Tagebuch einer Mexiko-Reise

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Wenn dies selbst heute noch als harter Stoff erscheint, muss man sich vorstellen, wie rebellisch diese poetische und zugleich polemische Beschreibung eines Outlaws vor 15 Jahren gewirkt haben muss. Kurz vor Wojnarowicz' Tod rüttelte sein Text an ganz realen Ängsten und traf die Gesellschaft ins Mark. "Ich bekomme von den Leuten sehr leidenschaftliche Resonanzen, wenn ich Wojnarowicz anspreche", sagt Tillmans. "In den späten Neunzigern war ich von seinen Schriften geradezu besessen. Ich war 1990 in Los Angeles und dann sah ich ihn in Rosa von Praunheims Film "Silence = Death". Er war eine beeindruckende Persönlichkeit. Seine Monologe haben in jeder Hinsicht einen bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen. Ich war immer von Wojnarowicz fasziniert – latent war er immer ein Thema für mich… Als ich daran dachte, diesen Kunstraum aufzumachen, wurde mir schnell klar, dass Wojnarowicz hierfür der Richtige war.


Robert Mapplethorpe, Cross, aus "Für Joseph Beuys", 1986
Sammlung Deutsche Bank


Tillmans begann in den Neunzigern immer häufiger nach New York zu reisen und schließlich dort zu leben. Er traf zu einem Zeitpunkt in der Stadt ein, als eine ganze Generation wichtiger Stimmen von AIDS dahingerafft wurde: Robert Mapplethorpe, Felix Gonzales-Torres, Keith Haring. Es war eine Ära, in der persönliche Trauer, politischer Aktivismus und begründeter Zorn ineinander flossen.

Wolfgang Tillmans, Weihnachtsstern, 2003
Sammlung Deutsche Bank© Wolfgang Tillmans


In einem Interview mit dem Künstler und Autor Peter Halley , das vor drei Jahren für die beim Phaidon-Verlag erschienene Monographie geführt wurde, erinnert sich Tillmans an die New Yorker Jahre – eine Zeit in der er "die Liebe seines Lebens traf, Jochen Klein, einen anderen deutschen Künstler, der hierhin gezogen war." - "Meine gesamte Arbeit entstand in dem Wissen um einen möglichen Tod", führt Tilmans aus, "seit 1983 war mir klar, dass diese Krankheit Einfluss auf mein Leben haben würde. 1985, nach meinen ersten sexuellen Begegnungen, die ich als 17-jähriger hatte, überfiel mich diese überwältigende Angst vor AIDS. Das ist eigentlich völlig verrückt, wenn man sich das vorstellt: ein 17-jähriger Schuljunge, der im Bett liegt und denkt er müsse sterben." 1997 starb Jochen Klein an den Folgen von AIDS.

Tillmans sieht durchaus Parallelen zwischen dieser dunklen Zeit und der Gegenwart. Er warnt davor, in Selbstzufriedenheit und Gleichgültigkeit zu verfallen. "Wir befinden uns heute in exakt demselben Zustand wie damals. Aber vielleicht hat der Wohlstand der Kunstwelt zu dieser merkwürdigen Abtrennung von der politischen Welt geführt." Dann ist da eine kurze Pause am Ende der Leitung: "Ah, siehst du, jetzt habe ich dir doch ein kleines Interview gegeben."

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